"Moral muss zu einem Arbeitsfaktor werden"

Foto: Getty Images/iStockphoto/Antony McAulay
"Moral muss zu einem Arbeitsfaktor werden"
Experten sehen Werteorientierung als Mittel zu wirtschaftlichem Erfolg
Der reine Profitgedanke war gestern. Heute zählt nach Expertenansicht soziale Verantwortung in der Wirtschaft. Spätestens seit der Finanzkrise gilt diese als Baustein für unternehmerischen Erfolg.

Banken zocken ihre Kunden ab, gestandene Firmen gehen Pleite, und dennoch scheffeln sich überbezahlte Manager gegenseitig horrende Summen zu. Filme wie aktuell "The Wolf of Wallstreet" vermitteln Bilder von Wirtschaftsbossen und Börsenhaien jenseits aller Werteorientierungen, deren Leben von schnellem Geld und Exzessen beherrscht wird.

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Verunsicherung durch Finanzkrise

Die Finanzkrise hat weite Teile der Gesellschaft offenbar so verunsichert, dass Vorstellungen von profitgeilen und unethischen Ökonomen zusätzlichen Nährboden finden. Seither hätten Bücher mit Titeln wie "Markt ohne Moral" Konjunktur, berichtet Kai Konrad, Direktor am Münchner Max-Planck-Institut für Steuerrecht und öffentliche Finanzen. Gefordert werde ein besserer Mensch, der Markt an sich werde verteufelt.

Die Krise habe die Schwächen und Grenzen des Wirtschaftssystems aufgezeigt, attestiert das Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Es sei deutlich geworden, dass wirtschaftliches Vorgehen allein nicht nachhaltig sei. Ein Ministeriumssprecher ergänzt: "Der globale Wettbewerbsdruck, die begrenzten Ressourcen, vermehrte Umweltkatastrophen und der demografische Wandel zeigen, dass sich die Rahmenbedingungen für unser Handeln geändert haben." Diese Entwicklungen erforderten neue Lösungsansätze.

Business allein geht nicht

Laut Christoph Lütge von der Technischen Universität München reicht es nicht mehr aus, nur Business zu machen und sich auf seine Geschäftstätigkeit zu konzentrieren. "Moral muss zum Arbeitsfaktor werden", fordert der Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsethik, "Unternehmen sollten sich stärker beteiligen als Teil der Zivilgesellschaft."

Vor allem inländische Unternehmen hätten Nachholbedarf. Das Problem sei: Ihr wirtschaftlicher Erfolg verleite sie nicht gerade dazu, etwas zu verändern, sagt Lütge. Dabei müsse Deutschland mehr tun, um als Wirtschaftsstandort attraktiv zu bleiben. Firmen müssten mit sogenannten Corporate Social Responsibility-Konzepten gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und nachhaltig Strukturen verändern. Hierzu zähle etwa, sich für Menschenrechte, die Umwelt oder gegen Korruption einzusetzen.

Idee des ehrbaren Kaufmanns

Viele größere Betriebe und einige Mittelständler hätten bereits die Idee des ehrbaren Kaufmanns integriert und engagierten sich für soziale oder Umweltbelange, räumt der Professor ein. Allerdings bleibe dies der Öffentlichkeit meist verborgen. "Es gibt da eine selektive Wahrnehmung: Skandale werden gerngesehen, und die positiven Aspekte werden eher vernachlässigt", kritisiert Lütge.

###mehr-artikel###Die Wahrnehmung der Öffentlichkeit sei verzerrt, stimmt die Berliner Industrie und Handelskammer (IHK) zu. Ein Großteil der deutschen Unternehmer lebe sehr wohl eine ausgeprägte gesellschaftliche Verantwortung, "nur berichtet wird darüber weniger als über die 'schwarzen Schafe'". Das liegt der IHK zufolge auch an den Unternehmen selbst, die über ihr Engagement zu wenig informierten.

Diese Scheu sei mitunter auf das Vorurteil zurückzuführen, dass es zwangsläufig einen Gegensatz zwischen Wettbewerb und Moral gebe, erläutert Wirtschaftsethiker Lütge. Dabei könne ein Unternehmen auch mit einer wertorientierten Strategie erfolgreich sein. "Profitmaximierung an sich ist nichts Unethisches. Ein Unternehmen muss Gewinn machen, muss ihn sogar steigern, sonst gerät es im Wettbewerb unter die Räder", erinnert er. "Man muss Unternehmen auch eine Chance geben, Gewinnerzielung und Ethik miteinander in Einklang zu bringen."

###mehr-links###Für die Vice-Chairman des Kreditinstituts UBS Deutschland, Barbara Brosius, kann eine wertorientierte Strategie sogar ein Erfolgsrezept sein. "Nachhaltig wirtschaftende Firmen haben Wettbewerbsvorteile", ist sie überzeugt. Entsprechende Bemühungen senkten die Kapitalkosten und verbesserten den Zugang zu Finanzierungsmitteln. Zugleich seien Werte ein wichtiger Pfeiler für die Reputation eines Unternehmens: "Gefordert ist eine Kultur der Wertschätzung, in der sich die Menschen wohlfühlen, ihr Beitrag sichtbar wird und zählt", betont Brosius.

Susanne Schmidt: Markt ohne Moral. Das Versagen der internationalen Finanzelite. Droemer Knaur, München 2011. 9,95 Euro.