"Die Mädchen sagten: Ich bin doch keine Schlampe"

Gestylte Teenager: Inszenierung, Frühreife, Oberflächlickeit? Nein, Jugendliche zeigen sich heute eher vernünftig und konservativ. Das beobachtet die Kulturwissenschaftlerin Sarah Dangendorf

Foto: Jess Hurd/REPORT DIGITAL-REA/laif

Gestylte Teenager: Inszenierung, Frühreife, Oberflächlickeit? Nein, Jugendliche zeigen sich heute eher vernünftig und konservativ. Das beobachtet die Kulturwissenschaftlerin Sarah Dangendorf

"Die Mädchen sagten: Ich bin doch keine Schlampe"
"Heidis Mädels" stöckeln wieder über die Laufstege - bereits seit neun Jahren sucht Heidi Klum "Germanys next topmodel". Ob die Castingshow dazu führt, dass Teenager sich sexy kleiden? Nein, dazu trägt viel mehr bei, meint die Kulturwissenschaftlerin Sarah Dangendorf. Ein Interview über geschminkte, aber medienkompetente Kinder.

Frau Dangendorf, in jeder Fußgängerzone sieht man junge Mädchen mit Make-up, Stiefeln und enger Kleidung. Sind das Einzelfälle oder stimmt es, dass sich immer mehr Mädchen wie erwachsene Frauen kleiden?

Sarah Dangendorf: Der Eindruck stimmt. Ich habe dasselbe beobachtet und mich deshalb überhaupt erst mit dem Thema beschäftigt. Vor zehn Jahren habe ich im Museum gearbeitet, aus meinem Büro konnte ich die Schulklassen sehen, die uns besucht haben. Da ist mir aufgefallen, dass sich die Mädchen so ganz anders gekleidet und inszeniert haben, als ich und meine Freundinnen früher.

Ist die Kleidung ein Zeichen dafür, das Mädchen früher erwachsen werden?

Dangendorf: Die Frage ist, wie man "erwachsen sein" interpretiert. Ich habe in meiner Studie festgestellt, dass es den Mädchen zwischen 9 und 13 Jahren, mit denen ich gesprochen habe, unglaublich wichtig ist, an ihrer Rolle als Kind festzuhalten: Sie haben darauf bestanden, dass sie geschützt werden und vieles noch nicht dürfen. Andererseits haben sie schon viele Tendenzen gezeigt, die wir als "erwachsen" interpretieren würden. Man könnte also auch sagen, sie möchten so gern an ihrer Kinderrolle festhalten, weil sie im Grunde schon relativ weit von ihr entfernt sind.

Was meinen Sie mit erwachsenen Tendenzen?

Dangendorf: Die Mädchen haben mir gesagt, für spezielle Erlebnisse bräuchte man ein gewisses Äußeres. Sie haben beschrieben, wie sie sich zum Vorlesewettbewerb anziehen und wie sie sich anziehen, wenn sie sich mit ihren Freundinnen treffen und wie, wenn sie zur Schule gehen. Für jede Situation in ihrem Alltag haben sie ein Bild im Kopf, wie sie aussehen sollten und wie nicht – und wie es alle anderen auch als falsch erkennen würden. Das finde ich ausgesprochen erwachsen, denn es bedeutet, dass sich die Mädchen von außen betrachten. Sie erkennen, dass sie verschiedene Rollen ausfüllen.

Wie kommt das?

Dangendorf: Die Mädchen stehen heute offenbar schon unter großem Druck, in vielen Bereichen eine gute Leistung zu bringen. Sie haben ein ganz ausgeprägtes Leitungsdenken. Sie wollen die Anforderungen richtig verkörpern, indem sie zeigen: Ich weiß, was von mir erwartet wird. Man denkt ja, wenn sie sich schminken und hohe Absätze tragen, wollen sie sich bloß amüsieren und seien auf Jungs aus – aber das war es überhaupt nicht. Das hat sie eigentlich kaum interessiert.

Soziale Medien vermitteln das Gefühl, ständig beobachtet zu werden

Aber wieso kleiden sie sich dann so modebewusst und erwachsen?

Dangendorf: Ich glaube, dass die Eltern eine ganz große Rolle spielen. Wenn die Eltern großen Wert auf Lifestyle legen und ihre Kinder beispielsweise schon früh zum Yoga oder Englisch-Kurs schicken und erwarten, dass sie in verschiedenen Welten klar kommen – dann wird das von den Kindern übernommen.

Und um Jungs geht es gar nicht?

Dangendorf: Romantik ist ihnen schon wichtig, das galt ja für Mädchen früher auch schon. Aber die Kleidung ist kein Hinweis auf ein gesteigertes sexuelles Interesse. Die Mädchen, mit denen ich gesprochen habe, haben sich immer davon distanziert. Sie sagten dann zum Beispiel: "Ich bin doch keine Schlampe".

Hat sie das überrascht?

Dangendorf: Ja, denn dass Mädchen frühreif sind, ist ja die erste Assoziation, die man zu ihrer Kleidung hat. Es wird auch vermutet, sie würden früher sexuell aktiv. Aber das belegen die Statistiken nicht. Es ist seit 30 Jahren nahezu unverändert.

Besteht nicht trotzdem die Gefahr, dass die Mädchen unbewusst diese Botschaft vermitteln?

Dangendorf: Ich kenne die Angst, die Mädchen könnten deshalb missbraucht werden, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es da einen Zusammenhang gibt. Aber zu diesem Thema habe ich auch nicht geforscht. Ich kann nach meiner Untersuchung nur über die Perspektive der Mädchen sagen: Sexy Kleidung ist kein Zeichen für Oberflächlichkeit. Im Gegenteil. Die Mädchen waren ausgesprochen vernünftig. Sie sind sehr konservativ und vernunftorientiert. Statt liberaler zu werden, erkenne ich eher einen Rückschritt auf traditionelle Werte.

Es ist allerdings auch erschreckend, wenn Kinder früh unter Leistungsdruck stehen.

Dangendorf: Das stimmt, da muss die Kritik ansetzen.

Kinder wachsen heute mit dem Internet auf: Welche Rolle spielen soziale Netzwerke?

Dangendorf: Eine große. Kinder sind jeden Tag damit konfrontiert und entsprechend schon früh dem Zwang ausgesetzt, sich selbst darzustellen. Soziale Medien können dazu beitragen, dass man ständig das Gefühl hat, beobachtet zu werden. Sie vermitteln, dass immer Blicke auf einem ruhen. Der Kreis von Menschen, vor denen man sich beweisen muss, wird immer größer. Das finde ich sehr bedenklich.

Die Kirche ist auch in der Pflicht

Was können Eltern dagegen tun?

Dangendorf: Das Aussehen ihrer Kinder sollten sie nicht zu stark thematisieren. Es macht einfach Spaß, sich auszuprobieren. Das war früher auch schon so. Dagegen täten die Eltern ihren Kindern einen großen Gefallen, wenn sie noch nicht so hohe Erwartungen an sie hätten. Kinder haben heute oft einen wahnsinnig vollen Stundenplan und müssen dann auch noch ein Instrument lernen und eine Sportart und zur Nachhilfe. Auch dass jeder Abitur machen sollte, ist nicht förderlich. Dieses Leistungsdenken betrifft natürlich die gesamte Gesellschaft, sich da rauszuhalten ist nicht so einfach. Aber wenn man sich dessen wenigstens bewusst ist, ist das ein Anfang.

Kann die Kirche dabei helfen?

Dangendorf: Nach meiner Erfahrung tut sie das ja schon. In der kirchlichen Frauen- und Mädchenarbeit sind das durchaus Themen, die angesprochen werden. Ich denke, die Kirche ist genauso in der Pflicht wie alle anderen Organisationen, die mit der Zielgruppe zu tun haben.

Haben Sie eine Empfehlung, was die Mediennutzung betrifft?

Dangendorf: Zu viel Mediennutzung ist generell immer problematisch, aber ich glaube, wenn das Elternhaus gute Werte vermittelt, ist es kein Problem, wenn Mädchen "Germany's next Topmodel" schauen. Solche Sendungen sind ja durchaus unterhaltsam. Die Mädchen, mit denen ich gesprochen habe, haben alle eine sehr hohe Medienkompetenz – viel höher als wir Erwachsenen denken. Sie wissen meistens auch, was real ist und was nicht.

Woran machen Sie das fest?

Dangendorf: Bei meiner Untersuchung habe ich erwartet, dass sie als Vorbilder für ihr Aussehen viel mehr über Medien reden. "Germany's next Topmodel" gab es damals auch schon. Aber das war überhaupt nicht der Fall. Sie haben mir erklärt, wie die Bilder in Zeitschriften hergestellt werden und dass vieles manipuliert sei und die Frauen in Wirklichkeit gar nicht so aussehen. Sie wussten sogar, dass Sendungen nach einer bestimmten Dramaturgie produziert werden – und da muss dann eine die Zicke sein oder es muss in jeder Folge eine Krise geben. Das wussten alle Mädchen, unabhängig davon, aus welchem Milieu oder Umfeld sie stammten. Das hat mich auch sehr überrascht.

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