Missbrauchsopfer kritisieren Kirchenurteil gegen Jesuitenpater

Als "spät, ungenügend und beschämend" kritisiert die Opfergruppe "Eckiger Tisch" das Kirchengerichtsurteil des Erzbistums Berlin gegen einen der mutmaßlichen Haupttäter des sexuellen Missbrauchs am Canisius-Kolleg.

"Dieses Urteil und der Umgang der Kirche mit ihrem Priester ist empörend", kritisierte der Sprecher der bundesweiten Betroffenengruppe, Matthias Katsch, am Freitag in Bonn. Am Mittwoch war bekanntgeworden, dass das Erzbistum gegen einen ehemaligen Jesuiten und Leiter der Jugendarbeit am Canisius-Kolleg den Ausschluss aus dem Priesterdienst und eine Geldstrafe von 4.000 Euro verhängt hat.

Es sei zwar zu begrüßen, dass "es überhaupt ein Urteil gibt, da der Beschuldigte seine Taten stets geleugnet hat", sagte Katsch. Der Missbrauch am Canisius-Kolleg sei in diesem Urteil jedoch gar nicht berücksichtigt worden, sondern nur ein Einzelfall im Bistum Hildesheim. Dorthin sei der Verurteilte 1982 "versetzt worden, nachdem Jugendliche in einem Brief an den Orden auf ihre Not aufmerksam gemacht hätten". Der heute 72-Jährige sei 2004 in Ehren pensioniert worden.

Opfer hatten keine Gelegenheit, sich zu äußern

Der "Eckige Tisch" fordert die Offenlegung der Kirchenakten. Die Akten über Missbrauchsfälle in Deutschland müssten grundsätzlich zugänglich sein, sagte Katsch. Bei den betroffenen jesuitischen Einrichtungen sei das bislang weder am Berliner Canisius- noch am Bonner Aloisiuskolleg oder am Kolleg St. Blasien geschehen.

Auch seien die Opfer bei dem Berliner Kirchenverfahren gar nicht informiert worden. "Es wurde ihnen keine Gelegenheit gegeben, mitzuwirken und angehört zu werden", beklagte der Sprecher der Opfergruppe. "Wir erwarten von der katholischen Kirche in Deutschland endlich die Umsetzung der vom Papst empfohlenen Null-Toleranz-Praxis für Priester, denen sexueller Missbrauch nachgewiesen wird, und das sofortige Ende ihrer priesterlichen Tätigkeit ab dem ersten Fall."