Ist Mandela ein "moderner Heiliger"?

Foto: dpa/Dai Kurokawa

Ist Mandela ein "moderner Heiliger"?
Professor Hubertus Lutterbach, Jahrgang 1961, forscht unter anderem zu Heiligen und Reliquien in Geschichte und Gegenwart. Auch mit der Bewunderung außergewöhnlicher Persönlichkeiten wie Nelson Mandela, die fast religiöse Züge annimmt, setzt sich der Leiter des Instituts für katholische Theologie an der Uni Duisburg-Essen auseinander.
12.12.2013
Michaela Hütig und Elvira Treffinger
epd
Deutschland spricht 2019

Die weltweite Verehrung von Nelson Mandela scheint grenzenlos. Wie weit darf sie gehen? Wo fängt problematischer Personenkult an?

Hubertus Lutterbach: Nelson Mandela hat sich selbst nie als Gott, Helden oder Heilsbringer gesehen. Vielmehr verstand er sich als Christ und wies oft auf seine Schwächen hin. Ich bin überzeugt: Mandela lag am Herzen, dass seine Botschaft "Jeder Mensch ist Mensch" weitergetragen wird. Wichtiger als die Verehrung seiner Person war ihm stets die Aufmerksamkeit für die Menschen am Rand der Gesellschaft. Ihnen wollte er eine Stimme geben. Personenkult ist Ausdruck der Vergötterung eines Menschen und macht blind für seine Schlagseiten und Unzulänglichkeiten. Respekt erwächst dagegen aus einer Wertschätzung, die den Blick nicht vor den Begrenztheiten des hoch geschätzten Menschen verschließt.

Wie verläuft eine "populäre Heiligsprechung"? Welche Ideale müssen moderne Heilige erfüllen?

Lutterbach: Ein Mensch, den die Weltöffentlichkeit heutzutage "heiligspricht", muss das öffentliche Leben über viele Jahre hinweg geprägt haben und in den Medien sehr gegenwärtig gewesen sein. Seine Menschenfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft müssen beispiellos sein, auch seine Toleranz und Wertschätzung gegenüber anderen Ethnien und Andersdenkenden. Von entscheidender Bedeutung ist: Der moderne Heilige muss der Weltöffentlichkeit als ein Mensch in Erinnerung sein, der für seine Botschaft auch Leiden und Verfolgung auf sich nahm. Das ist der eigentliche Stempel für seine Glaubwürdigkeit. Das ist der Grund, warum Menschen ihn über seinen Tod hinaus würdigen.

Welche Züge dieser "Heiligkeit" weist Mandela auf, welche nicht?

Lutterbach: Mandelas Ruf der "Heiligkeit" speist sich wesentlich aus seiner fast drei Jahrzehnte währenden Gefangenschaft, die er zum großen Teil auf Robben Island verbrachte. Hinzu kam, dass er - im Wesentlichen aus seiner christlichen Grundüberzeugung heraus - nach der Freilassung der Versuchung widerstand, Rache an seinen ehemaligen weißen Verfolgern zu nehmen. Wie Papst Johannes Paul II. erhob sich Mandela gegen ein Unrechtssystem und verkörpert das Streben nach Ganzheitlichkeit. Über Unzulänglichkeiten seines Lebenszeugnisses vermag ich aus der Distanz nicht zu urteilen.