"Das Jerusalem-Syndrom": Kuddelmuddel-Krimi mit Klischees

"Maria" in Jerusalem

SWR/Vered Adir

Verwirrt und ängstlich irrt die hochschwangere Maria (Leonie Benesch) durch die Straߟen Jerusalems. Als Peter (Clemens Schick) sie findet, will er sie zum vorbestimmten Geburtstort ihres Kindes bringen.

"Das Jerusalem-Syndrom": Kuddelmuddel-Krimi mit Klischees
Der Film "Das Jerusalem-Syndrom" (Dienstag, 11. Dezember, 20.15 Uhr in der ARD) will ein christlich-terroristischer Verschwörungs-Thriller sein. Maria leidet am sogenannten "Jerusalem-Syndrom" und glaubt, sie werde als Gottesmutter den Messias zur Welt bringen. Mit viel Action muss ihre Schwester Ruth nicht nur Maria aus den Fängen einer Sekte retten, sondern auch den Ausbruch des Dritten Weltkriegs verhindern. Fazit: ein ziemlich überladener Durchschnittskrimi.

Hochschwanger, barfuß, in ein weißes Gewand gehüllt, irrt eine junge, blonde Frau verzweifelt durch Jerusalem, fleht gleichgültige Passanten um Hilfe an, bis sich ein älterer Mann erbarmt und ihr sein Handy gibt. "Bitte geh 'ran, geh 'ran!", schluchzt sie ins Handy. Aber dann heißt es erst einmal: "Stuttgart. Sechs Tage vorher."

Ein leises Unbehagen meldet sich schon bei dieser Eingangsszene. Man kann es nicht glauben, dass jeder Passant beim Anblick einer hochschwangeren, barfüßigen, weinenden Frau so unbarmherzig seiner Wege geht; dass ein Taxifahrer die Scheibe hochdreht und davonfährt, anstatt einen Notarzt zu rufen. Nein, man kann es nicht glauben, es sei denn, diese Straßenszene solle den Eindruck erwecken, in Jerusalem, wo drei Weltreligionen zu Hause sind, seien die Bewohner besonders ignorant, wenn es darum geht, einem Menschen in großer Not zu helfen.

Hoffnungslos verhoben und verzettelt

Das kann aber auch nicht sein, denn Dror Zahavi, der Regisseur, ist ja selbst Israeli. Er liebt das Land, in dem er geboren und aufgewachsen ist, wird also kaum die Absicht gehabt haben, mit diesen Szenen ein so negatives Bild der Indifferenz im öffentlichen Leben von Jerusalem zu vermitteln. Vielmehr sollte wohl einfach Zeit gewonnen werden, damit die schwangere Maria (Leonie Benesch) von ihren Verfolgern aufgespürt und gekidnappt werden kann, wie das Aufgreifen des dramatischen Entrees am Ende zeigt.

Das macht es allerdings nicht besser. Im Gegenteil: Mit diesem Film, der ein christlich-terroristischer Verschwörungs-Thriller sein will - sogar der Ausbruch eines Weltkriegs muss verhindert werden -, haben sich Zahavi und die Autoren Don Bohlinger und Martin Rauhaus so hoffnungslos verhoben und verzettelt, dass man nicht weiß, ob man über das todernst erzählte Kuddelmuddel lachen - oder zutiefst bedauern soll, dass ein Film, der in Israel spielt, nichts anderes zu bieten hat als christlichen Sektenfanatismus, heilige Erleuchtung, religiös verbrämten Satanismus à la "Rosemaries Baby", stümperhaft agierende Polizisten, dilettantische Terroristen, eine Schwangere, die trotz geplatzter Fruchtblase noch über Mauern und spitze Zäune klettern kann. Und über allem schwebt das "Jerusalem-Syndrom", jene psychotische Störung, die manchen Pilger in Jerusalem ergreift, der sich für eine Person aus der Bibel hält.

Wie eben die schwangere Maria: Vermutlich, weil es vom Namen her schon so gut passt, hält sie sich für die Mutter Gottes. Das Kind in ihrem Leib ist zwar von ihrem Mann, dem Israeli Daniel (Yotam Ishay), Maria aber glaubt, sie werde den "neuen Erlöser" gebären. Den wiederum will ihr die christliche Sekte "Garten Gethsemane" entwenden. Aber Maria war ja in der Eingangsszene schon auf der Flucht, ist also zu Verstand gekommen, weil sie zufällig belauschen konnte, wie der fanatische Sektenführer Peter (Clemens Schick) in wünschenswerter Deutlichkeit von seinem perfiden Plan gesprochen hat. Schon ist sie vom Jerusalem-Syndrom kuriert und ruft in ihrer Not mit dem geliehenen Handy ihre Schwester Ruth (Jördis Triebel) zu Hilfe. Denn die ist "sechs Tage zuvor" aus Stuttgart nach Jerusalem gereist, um ihre Schwester nach Hause zu holen und ihr - vergeblich - den Unsinn auszureden.

Mit Akrobatik in den Garten Gethsemane

Das ist natürlich nicht so einfach wie von Ruth gedacht. Denn erstens ist Ruth, wie schon ihre Brille zeigt, Wissenschaftlerin, genauer gesagt: Zellbiologin, die Glauben für "eine faule Ausrede" hält; zweitens erweist sich Maria nicht nur als äußerst glaubensfest - es gibt sogar auf Youtube einen Clip zu sehen, auf dem Maria einen toten Pilger wieder zum Leben erweckt. Maria selbst glaubt zumindest, dass sie wundertätig ist und würde jeden, der die gefilmte "Wundertat" als inszeniert erkennt, mit einem Zitat aus dem Evangelium in seine Schranken weisen.

Aber zum Glück für Ruth gibt es den attraktiven Doktor Uri Peled (Benjamin Sadler), leitender Psychiater der Nervenheilanstalt, in die Maria nach einem Zusammenbruch eingeliefert worden war. Kurz nach Ruths Ankunft wird Maria dann allerdings erst mal entführt, doch dank Uris Landeskenntnis ist es kein Problem, Maria im "Garten Gethsemane" aufzustöbern. Dort zeigt sich auch Christian Redl, ohne dessen finster verschlossene Miene kein Film auskommt, in dem die Rolle einer dubiosen Figur besetzt werden muss.

Es zeigt sich auch ein gewisser Eyal (Michael Koresh), Buchhalter der Sekte, den aber das Gewissen schlägt, weshalb er Ruth heimlich einen Zettel zusteckt: "We have to talk." Doch dazu kommt es nicht: Ruth trifft nur noch auf einen Sterbenden, der ihr mit letzter Kraft "Petrusbriefe, Kapitel 3" zuflüstert. Umgehend ergreift Ruth die Flucht: Sie klettert über Dächer, hangelt sich an Balkongittern entlang, rutscht an einem Rohr nach unten - und der Mann, der nach Eyal eigentlich auch Ruth erschießen wollte, muss vor ihren akrobatischen Kunststückchen kapitulieren. Später steigt Ruth sogar - Uri macht ihr die Räuberleiter - über die Mauer in den "Garten Gethsemane", nicht ohne den Psychiater zu instruieren: "Wenn ich in einer halben Stunde nicht zurück bin, rufen Sie die Polizei."

Ein Terrorist mit Rucksack

In ähnlich gelassener Stimmung unterhalten sich Ruth und Uri darüber, was die womöglich doch als terroristisch einzustufende Sekte planen könnte. Immerhin hatte der Sektenführer Peter übers iPad schon hasspredigend verkündigt, das Ende sei nah, ein "großes Feuer" werde über Jerusalem kommen und "alle Ungläubigen hinwegfegen." Uri findet zwar noch: "Das ist ein Spinner", gibt dann aber doch zu bedenken: "Wenn die den Tempelberg oder die Klagemauer in die Luft jagen, dann gibt's einen Weltkrieg." Und richtig: In einer Höhle unter der Klagemauer macht sich auch schon ein Terrorist mit Rucksack daran, den Weltkrieg auszulösen.

Es darf aber verraten werden, dass ihm das nicht gelingt: Die beiden Polizisten, den ganzen Film hindurch desinteressiert und arrogant, sind "mit Verstärkung" rechtzeitig zur Stelle, während sich Ruth im Alleingang den finsteren Kapuzenmännern entgegenstellt, die im Begriff sind, ihrer Schwester das Baby aus dem Bauch zu schneiden ("Halt! Lasst sie los! Dieser Mann ist wahnsinnig!").

Kurz: Es ist ein großes Fass, das dieser Film mit seinen Themen aufmacht. Dramaturgisch aber ist das Fass mit den trivialsten Klischees aus der heimischen Werkstatt von Durchschnittskrimis vollgestopft.

 

"Das Jerusalem-Syndrom", ARD/SWR, 11.12.13, 20.15 Uhr. Fernsehfilm, Regie: Dror Zahavi, Buch: Don Bohlinger, Martin Rauhaus, Kamera: Carl-F. Koschnick, Produktion: moovie the art of entertainment.