Reise auf die Philippinen: "Wir müssen weitermachen"

Ein Junge neben einem Trümmerhaufen

Foto: Hoffnungszeichen e.V./Annelie Haack

Viele Kinder sind traumatisiert: Sie haben Leichen gesehen und ihr Zuhause verloren.

Reise auf die Philippinen: "Wir müssen weitermachen"
Rettungswesten, Atemschutzmasken, Wasserreinigungs-Tabletten: Annelie Haack und Andreas Schmitz haben nicht für eine Urlaubsreise gepackt. Die beidem Mitarbeiter der Organisation Hoffnungszeichen sind nach dem Taifun Haiyan auf die Philippinen geflogen, um zu helfen und zu berichten.

Wie bereitet man sich auf etwas vor, auf das es keine Vorbereitung gibt? Diese Frage geistert mir seit Stunden durch den Kopf. Ich reise auf die Philippinen. Und nein, es wird kein Urlaub, wofür mich einige Freunde gleich beneideten. Auch mein Gepäck spricht eine andere Sprache: Rettungsweste, Einweg-Atemschutzmasken, Zelt, Schlafsack, hunderte Tabletten zur Wasserreinigung und mehr Medikamente als Kleidungsstücke. Der Taifun fegte erst vor wenigen Tagen über die Inseln, Kommunikation ist kaum möglich, so wissen wir nicht viel, außer dass wir helfen wollen und zwar schnell.

Reporterin Annelie Haack im Gespräch mit einer Filipina und ihrem Kind

Als Mitarbeiter von Hoffnungszeichen e.V. sind mein Kollege uns ich unterwegs, um vor Ort zu sehen, wo und wie wir am besten und effektivsten helfen können. 100.000 Euro Soforthilfe wurden zur Verfügung gestellt, nun sind wir auf dem Weg zum lokalen Projektpartner, um die Hilfe vor Ort zu koordinieren. Viel Zeit zum Packen blieb nicht, trotzdem müssen wir auf alles vorbereitet sein. Beim Zwischenstopp in Dubai bleiben ein paar Minuten Zeit, um die aktuellsten Nachrichten zu lesen. Langsam finde ich die Idee mit den Rettungswesten nicht mehr so abwegig: Nach Haiyan kam ein neuer Sturm mit starkem Regen in der ohnehin schon so stark getroffenen Region auf. Und auch die humanitäre Situation scheint sich immer mehr zu verschärfen, es fehlt am Allernötigsten.

Angekommen in Cebu, werden wir vom Projektpartner abgeholt und schlagen unser Basislager auf. Auch wenn die zweitgrößte Stadt der Philippinen vom Taifun getroffen wurde und mehr als 1.000 Tote zu beklagen hat, so stehen doch noch viele Strukturen und es gibt die Möglichkeit, Nahrungsmittel einzukaufen. Doch die werden langsam knapp, wie wir am nächsten Tag erfahren. Ein Erdbeben, das die Stadt kurz zuvor heimgesucht hatte, zerstörte Gebäude, auch Krankenhäuser, was die Hilfe nun zusätzlich erschwert.

Rev. Caparro schaut mich lange und tief an

Ich treffen Rev. Alcan Caparro von der Iglesia Filipina Independiente (Unabhängige Philippinische Kirche). Er selbst hatte ein Haus in Tacloban, das komplett zerstört wurde. Wie durch ein Wunder überlebte seine ganze Familie. Wer sonst aus seiner Gemeinde heil davonkam, fragt er nicht - die Antworten könnten zu sehr wehtun. Wie reagiert er, wenn ihn die Menschen fragen: "Wo war Gott?" Rev. Caparro schaut mich lange und tief an und antwortet: "Die Menschen sind schwer traumatisiert. Sie haben Hunger und wissen nicht, wie sie überleben sollen."

Hoffnungszeichen-Mitarbeiter Andreas Schmitz fragt die Menschen, was sie brauchen.

Am nächsten Tag sind wir mit einer Fähre auf dem Weg nach Leyte. Nochmals bin ich dankbar für die Rettungsweste. Einen Rucksack mit dem Wichtigsten habe ich dabei, wieder müssen wir auf alles vorbereitet sein. Wir haben zudem einen Solargenerator für ein Krankenhaus im Gepäck, dieser soll für  Licht bei Operationen sorgen. Wenn alles klappt, fahren wir am nächsten Morgen weiter nach Tacloban. Ob und wie, wird sich wieder kurz vorher zeigen. Das wichtigste jedoch ist und bleibt, dass wir die Menschen schnellstmöglich erreichen, unsere Hilfe bei ihnen ankommt und sie wieder ein klein wenig Hoffnung schöpfen können in ihrem Leid.

Es ist stockdunkel und ich rieche Rauch. Hoffentlich kommt er nicht von dem Motor des Schiffes. Wir sollten eigentlich bald die Insel erreichen und anlegen. Doch sehen kann man nichts. Es gibt keinen Strom auf der Insel, die Menschen machen Feuer, um Essen zu kochen und um einfach ein wenig Licht zu haben. Bis es wieder Strom gibt, wird es wohl Monate dauern.

Wir fahren am nächsten Tag früh los nach Tacloban, uns begleiten eine Militäreskorte und Freiwillige der Stadt Maasin, die Lebensmittel verteilen werden. Je näher man an Tacloban kommt, umso mehr zeigt sich die Zerstörung. An den Straßen stehen Kinder, halten Schilder auf denen steht: "Wir brauchen Nahrungsmittel und Wasser" und "Bitte helft uns".

"Can’t stop falling in love with you" auf dem Xylophon

Ich kann mir kaum vorstellen, welche unglaubliche Kraft dieser Taifun gehabt hat. Von der ehemals beliebten Touristen-Stadt ist kaum etwas übrig geblieben. Man sieht Menschenschlangen an Wassertanks, improvisierte Hütten aus Planen oder Wellblech und nach wie vor Leichen in den Straßen. Im Krankenhaus verteilen wir die dringend benötigten Lebensmittel. Zurzeit können dort nur einfache Behandlungen durchgeführt werden, das Wasser zerstörte die medizinischen Geräte und Medikamente. Zudem fehlen viele Ärzte. Obwohl es leicht wäre zu resignieren in diesem ganzen Chaos, machen die übriggebliebenen Ärzte und Schwestern weiter, arbeiten hart, um bald wieder voll für die Patienten da zu sein.

Vorn in der Kirche richtet eine Frau notdürftig eine Küche ein.

Als ich durch die zerstörten Straßen gehe, höre ich ein Xylophon. Der Titel "Can’t stop falling in love with you" wird gespielt und passt so gar nicht zu dieser Kulisse aus Zerstörung und Leid. Ich folge dem Klang und lande in einer großen Kirche, in der viele Familien Unterschlupf gefunden haben. Neben der Kanzel sehe ich die drei Mädchen mit dem Xylophon, ein bisschen Kindheit mitten im Chaos. Ein Kleinkind übt Laufen auf dem Altar, eine Frau bereitet vor der ersten Bankreihe Essen zu, eine andere legt Pappe zwischen zwei Bankreihen um darauf zu schlafen. Die Menschen hier haben oft nicht mehr als die Kleidung, die sie tragen. Wie sollen sie weiter machen, wo sollen sie anfangen?

Diese Fragen stellen sich auch die Menschen in dem Evakuierungszentrum in Cebu. Wieder zurück von Leyte treffe ich dort die Familie von Donata B. Bayarong. Mit ihren beiden Töchtern und den vier Enkelkindern hat sie es mit einem Militärflugzeug nach Cebu geschafft. Geblieben ist ihnen nichts. Das Haus ist kaputt, sie haben keine Arbeit und wissen nicht, wie es weitergehen soll. Woher sollen sie das Geld nehmen?

In den Gesprächen, die ich mit den Betroffenen führe, zeigt sich eine weitere Dramatik: Viele der Kinder sind traumatisiert. Die Vereinten Nationen sprechen sogar von mehr als 4,5 Millionen allein in Tacloban. Die Kinder haben Leichen gesehen, selbst das Gefühl gehabt zu sterben. Und ihr Zuhause gleicht einem Trümmerfeld. Wir wollen den Kindern helfen, sich wenigstens ein paar Minuten abzulenken und  haben Stifte, Hefte, Bücher und Lernhefte gekauft, die wir am Samstag verteilen werden. Weiter planen wir, die Menschen in Nord-Cebu beim Aufbau ihrer Häuser zu unterstützen. Über vier Millionen Menschen haben bei dem Taifun ihr Zuhause verloren. Wir müssen weitermachen, ein wenig Perspektive schaffen und den Menschen das Gefühl geben, dass sie nicht vergessen sind.