Die Bilder der Bilderstürmer

Pape-démon

Foto: desaussure-communication.ch

Die Bilder der Bilderstürmer
Zur Zeit der Glaubenskämpfe des 16. bis 18. Jahrhunderts schlug die Geburtsstunde der modernen Karikatur. Ihre Kunstwerke gerieten oft derber als das, was man heute gewohnt ist. Eine Ausstellung in Genf zeigt, wie gerade die bilderstürmerischen Protestanten die Macht der Bilder geschickt für ihre Anliegen einzusetzen wussten.

Martin Luther reitet auf einem abscheulichen Monster in die Hölle, gekleidet in üppiges Gewand, begleitet von grausigen Dämonen, empfangen von Teufeln mit Dreizacken. Dieses Gemälde, das an Hieronymus Bosch erinnert, diente als Inspirationsquelle für die Genfer Schau. Das Museum der Reformation konnte das antiprotestantische Bild aus dem frühen 18. Jahrhundert kürzlich erwerben und entwickelte daraus die Idee, eine umfangreiche Ausstellung gemalter und gezeichneter religiöser Satiren der frühen Neuzeit zu präsentieren.

Egbert II. van Heemskerck: Luther in der Hölle, Öl auf Leinwand (London, um 1700–1710)

Eigentlich ist die Darstellung des Reformators in der Hölle jedoch ein eher untypisches Beispiel, nicht nur vom Entstehungsdatum und von der Kunstfertigkeit seiner Machart her. Denn insgesamt waren die Werke der protestantischen Propaganda im Karikaturstil zahl- und erfindungsreicher als die katholischen. Den eigentlichen Startpunkt des "Kriegs der Bilder" markierten Lucas Cranachs Holzschnitte zu Luthers Pamphlet "Passional Christi und Antichristi" (1521), in dem der Papst als endzeitlicher Gegenspieler des Erlösers auftritt.

Durch die neu entstandene Drucktechnik ließen sich die Streitschriften und Flugblätter rasch vervielfältigen. Beim gemeinen Volk, das kaum lesen udn schreiben konnte, müssen die Illustrationen einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Es ist vielleicht eine kleine Ironie der Geschichte, dass gerade die bilderstürmerischen Protestanten die Macht der Bilder so geschickt für ihre Anliegen einzusetzen wussten.

Gekämpft wurde mit allen Mitteln der Kunst. Besonders die Dämonisierung und Verteufelung des Gegners war ein beliebtes Sujet. Wie Luther finden sich anderswo Johannes Calvin, der Papst oder sonstige kirchliche Würdenträger in der Unterwelt wieder. Während die katholischen Künstler sich hauptsächlich darauf beschränkten, die Reformatoren persönlich anzugreifen, wandten sich deren Anhänger in ihren Bildwerken auch gegen Lehrmeinungen der Amtskirche oder den Klerus im Allgemeinen.

Kardinäle im Klo

Überraschend erscheint, dass die antiklerikalen Spöttereien offenbar schon lange vor der Reformation in der Kunst des Mittelalters begannen, wenn auch etwas harmloser und versteckter, zum Beispiel in winzigen, anzüglichen Miniaturen in religiösen Handschriften. Und noch etwas erstaunt angesichts der Gesamtauswahl der Ausstellungsstücke: Die Frechheit des Repertoires steht derjenigen heutiger Karikaturen in nichts nach, eher im Gegenteil.

Stilistisch schreckte man damals selbst vor Fäkalhumor nicht zurück. So kommt es, dass in einem Holzschnitt zum "Ursprung des Papsttums" aus Cranachs Werkstatt (1545) fünf Kardinäle und ein Papst direkt aus dem Hintern einer kauernden Teufelin plumpsen. Dagegen wirken moderne Mohammed- oder Papstkarikaturen wie harmlose Kinderzeichnungen. Das Museum sieht sich denn sogar zu einer Warnung genötigt, die Illustrationen könnten das junge Publikum schockieren.

Am Ende jedoch siegte, zumindest in Europa, die Vernunft. Mit dem Näherrücken der Aufklärung wurde auch in der Karikatur die religiöse Toleranz vermehrt zum Thema. In einem Epilogteil zu diesem Aspekt ist ein holländischer Kupferstich zu sehen, der den sinnigen Titel "Die Küche der Meinungen" trägt (um 1600). Darauf gruppieren sich um einen gemeinsamen Tisch der Papst, Luther, Calvin und ein Wiedertäufer. Sie werden von der personifizierten Ratio bedient, die ihnen empfiehlt, zu einer Religion des Herzens zurückzukehren.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Wochenzeitung Reformierte Presse, Zürich.



 

Die Ausstellung
Das Internationale Museum der Reformation in Genf zeigt die Ausstellung "Hölle oder Paradies: die Ursprünge der Karikatur (16.–18. Jahrhundert)" noch bis zum 16. Februar 2014. Es gibt Bildbeschreibungen in französischer, deutscher und englischer Sprache.

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