Gespannter Blick auf die katholische Kirche

Günther Jauch

Foto: dpa/Arne Dedert/Claudio Peri

Die Katholische Kirche scheint – zumindest in den Schlagzeilen – derzeit aus zwei Polen zu bestehen.

Deutschland spricht 2019
Gespannter Blick auf die katholische Kirche
Ein Papst, der im Gebrauchtwagen durch die Gegend fährt und ein Priester, der eine Residenz für viele Millionen baut. Die katholische Kirche scheint derzeit in einem Zwiespalt zu stecken, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Darüber sprach Günther Jauch mit seinen Gästen.

"Es tut mir weh, wenn ich einen Priester oder eine Nonne in einem nagelneuen Auto sehe. So etwas geht nicht!" In Worten, aber auch durch Gesten macht der Bischof von Rom, Papst Franziskus, keinen Hehl daraus, dass er sich mehr Demut und Bescheidenheit in der katholischen Kirche wünscht. Franziskus selbst benutzt gebrauchte Wagen. Ganz andere Schlagzeilen macht dieser Tage der Bischof aus dem hessischen Limburg, Franz-Peter Tebartz-van Elst. 5,5 Millionen Euro sollte der Umbau seiner Residenz kosten - bei 31 Millionen Euro liegt die Summe jetzt und könnte weiter steigen. In einem Kommentar von Tebartz-van Elst heißt es lediglich: "Wer mich kennt, weiß, dass ich keinen pompösen Lebensstil habe."

Der Kirche wohlgesinnt

"Protz-Bischof oder Armen-Papst – was will die Kirche wirklich?" – die Frage stellte Günther Jauch am Sonntagabend in seiner Sendung. Geladen hat er dazu fünf Gäste, die der katholischen Kirche mindestens wohlgesinnt sind: Stephan Ackermann ist der Amtskollege von Tebartz-van Elst aus Trier, Norbert Blüm, der frühere Bundesarbeitsminister, saß schon in Vorlesungen des früheren Papstes Benedikt XVI. Christiane Florin ist Redaktionsleiterin der "Zeit"-Wochenbeilage "Christ und Welt", und Manfred Lütz ist als Theologe und Arzt ein Gast, der bei Kirchenthemen gerne in Talkshows eingeladen wird. Das einzige für die meisten wohl unbekannte Gesicht ist Jochen Riebel (CDU). Er ist Mitglied des Vermögensverwaltungsrates des Bischöflichen Stuhls in Limburg.

Doch trotz der katholischen Runde fand sich wenig bis kein Rückhalt für den Limburger Bischof. "Menschlich tut er mir leid", sagt Bischof Ackermann. Ob er  in seinem Amt noch haltbar sei, fragt Jauch nach. "Er kann so eigentlich nicht mehr arbeiten", antwortet Ackermann. "Wenn die Akzeptanz der Gläubigen schwindet, kann man nicht mehr als Seelsorger tätig sein. Ein Bischof muss wahrhaftig sein." Ein wenig Rückendeckung für Tebartz-van Elst gibt es von Manfred Lütz: "Er ist am Boden. Ich kann mir nicht vorstellen, wie er wieder hochkommen kann." Er fürchte jedoch, dass die Medien versuchen würden, ihn noch tiefer zu drücken.

Günther Jauch diskutierte am Sonntagabend mit seinen Gästen über den Fall Tebartz-van Elst.

Man müsse sich fragen, wie er in diese Situation gekommen sei, sagt Riebel. An dieser sei der Bischof allein schuld. Auch Florin findet wenig verteidigende Worte. Es sei eine Frage der Haltung, sagt die Journalistin. Der Bischof wähne sich erhaben über Recht und Wahrheit. Journalisten hätten keine Informationen bekommen, seien zum Teil beschimpft worden. "An diesem Punkt geht es über Fragen wie Badewanne und Lichtdesign hinaus. Es ist eine Haltung, die er gegenüber der Öffentlichkeit hat." Man dürfe das aber nicht zu einem Limburger Problem machen, warnt Florin. "Es ist auch ein strukturelles Problem. Viele werden vom Bischof geblendet, fühlen sich geschmeichelt und trauen ihm nichts Böses zu."

In diesem Augenblick hätte die Sendung richtig spannend werden können. Die Fakten sind bekannt. Doch die Frage, wie es sein kann, dass ein Bischof 31 Millionen Euro für einen Umbau ausgeben kann, ohne dass jemand einschreitet, bleibt unbeantwortet. Ist da in Limburg einfach alles schief gelaufen oder könnte so etwas theoretisch in jedem Bistum passieren, wo ein verschwenderischer Kleriker den Umbau verwaltet? Man weiß es auch am Ende der Sendung nicht wirklich. Es bleibt nur Lütz' Hoffnung: "Ich glaube, dass der Limburger Fall Konsequenzen habe wird. Es muss mehr Offenheit bei den Finanzen geben."

"Er predigt ohne Worte"

Eine Forderung, die einem in der heutigen Zeit wie eine Selbstverständlichkeit vorkommt. Eine Forderung, die so nicht zuletzt von Papst Franziskus kommen könnte, wie die Gäste glauben. Schon sein Vorgänger hat vor Machtpositionen gewarnt. Franziskus lässt kaum eine Gelegenheit aus, Kleriker zu mehr Demut und Bescheidenheit aufzurufen. Um ihn geht es in der zweiten Hälfte der Sendung. "Er predigt ohne Worte", sagt Norbert Blüm und lobt die großen Gesten des Papstes. Auch Florin zeigt sich optimistisch, dass der Papst vieles in der Kirche ändern könne. Viele schauen gespannt auf die Gespräche im nächsten Jahr: Dann will Franziskus das Thema Familie völlig neu diskutieren. Er hat für Oktober 2014 eine außerordentlich Bischofssynode einberufen.

Die Eingangsfrage der Sendung stellte sich unter den Gästen offensichtlich niemand. Natürlich erntete der "Armen-Papst" sämtliche Sympathien – keine wirkliche Überraschung. Manch Zuschauer der Sendung mag am Ende moniert haben, dass die Gäste insgesamt zu einheitlich waren, dass die für eine Talkshow typischen Spannungen fehlten. Für ein Gespräch über den Zustand der Kirche war das nur gut so. So wurde der Wunsch nach Erneuerung der Kirche bei den Gästen offensichtlich. Zum ersten Mal seit langem hatte man als Zuschauerin das Gefühl, dass man gespannt auf die katholische Kirche blicken kann – und das nicht, weil ein Bischof gerade Schlagzeilen wegen eines zu teuren Gebäudes macht.