Solidarität statt Ausländerhass: Hellersdorf hilft

Hellersdorf

Foto: Cornelius Wüllenkemper

Das ehemalige Max-Reinhardt-Gymnasium in Berlin-Hellersdorf ist für Flüchtlinge aus 18 Nationen ein neues Zuhause. Von den Anwohnern wurden die Asylsuchenden mit viel Skepsis und Misstrauen begrüßt.

Solidarität statt Ausländerhass: Hellersdorf hilft
Als Anfang Juli bekannt wurde, dass ein ehemaliges Gymnasium in Berlin-Hellersdorf als Heim für Asylsuchende dienen soll, regte sich Skepsis und Misstrauen unter den Anwohnern. Die NPD rief gar zu Straßen-Kundgebungen auf und startete eine Hass-Kampagne im Internet. Mittlerweile sind Flüchtlinge aus 18 Nationen eingezogen, und während die Rechten bei den Bundestagswahlen im Kiez Rekordergebnisse erzielte, regt sich mittlerweile in vielen Teilen der Nachbarschaft Solidarität und tatkräftige Hilfsbereitschaft.

Zwischen den viergeschossigen grau-braunen Plattenbauten und den Gehwegen aus Betonplatten fällt das etwas heruntergekommene Gebäude der ehemaligen Max-Reinhardt-Oberschule in der Carola-Neher-Straße 65 kaum auf. Carola Neher, eine deutsche Schauspielerin, die in den 1930 Jahren aus Berlin vor den Nazis flüchtete und später in sowjetischer Gefangenschaft umkam. Auch 70 Jahre später geht es an diesem Ort wieder um Kriegsflüchtlinge. 211 Menschen leben hier zur Zeit, darunter 64 Kinder, aus Pakistan, Syrien, Afghanistan, dem Irak und anderen Krisenregionen der Welt.

Wer das Haus heute vom Gehweg aus fotografiert, muss mit feindlichen Blicken der Flüchtlinge rechnen: dass sie sich hier nicht willkommen, sondern vielmehr bedroht fühlen, hat gute Gründe. Als eine Anwohnerin einen Sack voller Kleider an der Pforte abgeben will, öffnet der mittlerweile eingerichtete Sicherheitsdienst nur kurz einen Spalt weit die Eingangstür, dankt der Helferin und zieht sich dann schnell wieder zurück.

Als am 19. August die ersten Flüchtlinge hier einzogen, spielten sich erschreckende Szenen ab: die NPD war vor Ort, ein Mann zeigte den Hitlergruß, auch Anwohner aus der unmittelbaren Nachbarschaft waren gekommen, um ihre Ablehnung der Fremden aus Kriegsgebieten zu zeigen. Das Bezirksamt hatte die Anwohner ungenügend auf die Öffnung des Heims in unmittelbarer Nachbarschaft vorbereitet, so heißt es, so dass sie sich übergangen fühlten – zu Recht, wie nicht wenige Beobachter sagen. Dass die NPD nicht nur vor dem Heim pöbeln durfte, sondern unlängst bei den Bundestagswahlen in drei umliegenden Wahllokalen mehr als zehn Prozent der Stimmen erhielt, ist dadurch nicht weniger erschreckend.

Solidarität mit den Flüchtlingen

Doch mittlerweile sind die Rechten von der Straße verschwunden, und in der Nachbarschaft regt sich immer mehr Solidarität und Unterstützung für die Flüchtlinge. "Siehe, ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen". Mit diesem Psalm aus dem Matthäus-Evangelium eröffnet Hartmut Wittig, seit 1988 Pfarrer der evangelischen Gemeinde in Hellersdorf, das erste "Helfertreffen" im Gemeindezentrum. Während das Heim über das Netzwerk "Hellersdorf hilft" unter der Ägide der Bezirksverwaltung materiell mittlerweile gut ausgestattet ist und seit Freitag die Flüchtlingskinder im sozialdiakonischen Schülerzentrum "Kraftwerk" beschult werden, wollen Pfarrer Wittig und etwa dreißig Engagierte sich für das menschliche Zusammenleben zwischen Anwohnern und Flüchtlingen einsetzen.

"Ich bin nach dem Krieg aus Pommern geflohen, ich weiß was es bedeutet, wenn man nichts hat, um ein Stück Brot und ein wenig Heu als Schlafplatz bittet, und einfach abgewiesen wird. Die Reaktionen in Hellersdorf sind einfach nur beschämend", empört sich Bernd Ninnemann. Der 72 Jahre alte Rentner ist vor vier Jahren mit seiner Frau nach Hellersdorf gezogen und findet erst nach und nach Anschluss über die evangelische Gemeinde. "Mit den Leuten aus der NPD kann man nicht reden. In meinem Wahllokal haben über 300 Menschen für die Extremisten gestimmt." "Für konkrete Hilfe sind wir zu alt, aber vielleicht können wir ja dennoch etwas tun", sagt seine Frau. Unter den Helfern, die sich heute zum ersten Mal im evangelischen Gemeindezentrum Hellersdorf treffen, sind zahlreiche ältere Menschen, die entweder selbst einmal Flüchtlinge waren, oder sich aus menschlicher Solidarität und christlicher Verantwortung für den gesellschaftlichen Dialog und eine Willkommenskultur gegenüber den Flüchtlingen einsetzen.

"Es gibt hier nicht nur Rechte, sondern auch viele, die helfen"

Eine der Helferinnen war schockiert, als sie im Sommer aus dem Urlaub zurückkehrte und in ihrem Viertel die Extremisten der NPD und ein massives Polizeiaufgebot auf der Straße antraf. "Das Bild, das derzeit in der Presse von Hellersdorf gezeichnet wird, ist unerträglich. Es gibt hier nicht nur Rechte, sondern auch viele Menschen, die helfen", sagt sie. Die resolute Mitvierzigerin will eine Brücke schlagen zwischen Asylsuchenden und Anwohnern im Viertel. "Als ich bei der spontanen Hilfe eingestiegen bin und gerade dabei war, Hilfsgüter aus meinem Auto zu laden, wurde ich fotografiert, mein Auto-Kennzeichen wurde notiert. Mittlerweile stellen Extremisten sogar Steckbriefe der Helfer mit Fotos ins Internet."

Dass die NPD bei den jüngsten Wahlen im Kiez enorm zugelegt hat, versteht sie dabei als "Denkzettel" gegen die verfehlte Lokalpolitik der Bezirksverwaltung. "Das Vertrauen in die Politik ist einfach verlorengegangen. Wir müssen auf die Unzufriedenen zugehen!"

Auch Pfarrer Harmut Wittig versucht die Gemüter zu beruhigen. Er hätte neben dem Netzwerk "Hellersdorf hilft" einen runden Tisch gemeinsam mit Extremisten und kritischen Anwohnern-Initiativen begrüßt. Aber noch sind die Fronten verhärtet. "Wir müssen mit allen sprechen, auch wenn es manchmal sehr schwerfällt." Wittig hat sich im Hilfs-Netzwerk erfolgreich dafür eingesetzt, dass die materielle Unterstützung für die Flüchtlinge aus anderen Quellen kommen als diejenigen für die besonders hilfsbedürftigen Anwohner des sozial schwachen Viertels. So will er der Stimmung von Konkurrenz und Neid unter den Notleidenden begegnen.

Mobiles Straßencafé zum Kennenlernen

Beim Helfertreffen geht es jetzt vor allem um Ideen und Vorschläge, wie die Situation entschärft werden kann, Extremisten aus dem Kiez kaltgestellt werden können und ein Dialog zwischen Flüchtlingen und Anwohnern gefördert werden kann. Mit einer Menschenkette, mit der in einem symbolischen Akt Hilfsgüter in der Nähe des Heims abgelegt werden, hat die Gemeinde schon Gesicht gezeigt. Außerdem will Hartmut Wittig Flüchtlinge egal welchen Glaubens zur Teilnahme an der Prozession am Martinstag einladen. Für die Erwachsenen-Sprachkurse bietet Pfarrer Wittig Räume im Gemeindezentrum an.

Der Prädikant Carsten Unbehaun plant für den kommenden Sommer ein mobiles Straßencafé, in dem sich Kiezbewohner und Flüchtlinge besser kennenlernen. Und auch Pastorin Daniela Nischik vom evangelischen Blindendienst will sich engagieren: zwei Mal war sie in Jordanien und in Syrien, um in dortigen Blindenprojekten zu arbeiten. Sie möchte den Anwohnern im Hellersdorfer Kiez in einem Vortrag von ihren Erfahrungen in der Fremde und von der herzlichen Gastfreundschaft der Menschen dort erzählen. Der Arbeitstitel des Vortrags lautet "Allein als Deutsche in Syrien".