Gauck: "Unser Land ist keine Insel"

dpa/Franziska Kraufmann

Bundespräsident Joachim Gauck spricht am 03.10.2013 in Stuttgart (Baden-Württemberg) bei den Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit.

Gauck: "Unser Land ist keine Insel"
Deutschlands Rolle in der Welt war ein zentrales Thema von Bundespräsident Joachim Gauck in seiner Rede zum 3. Oktober. Er wünscht sich eine Bundesrepublik, die ihre Verantwortung wahrnimmt, ohne sich über andere Länder zu erheben.

Nach Ansicht von Bundespräsident Joachim Gauck sollte sich Deutschland selbstbewusst seiner internationalen Verantwortung stellen. "Unser Land ist keine Insel. Wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, wir könnten verschont bleiben von den politischen und ökonomischen, den ökologischen und militärischen Konflikten, wenn wir uns an deren Lösung nicht beteiligen", sagte Gauck am Donnerstag beim zentralen Festakt zum Tag der Deutschen Einheit in Stuttgart. Für eine Stärkung des Föderalismus in Deutschland und Europa warb der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), der als amtierender Bundesratspräsident Gastgeber der diesjährigen Feiern zum 3. Oktober war.

Gauck sagte, er möge sich nicht vorstellen, "dass Deutschland sich groß macht, um andere zu bevormunden": "Aber ich mag mir genau so wenig vorstellen, dass Deutschland sich klein macht, um Risiken und Solidarität zu umgehen." Ein Land, das sich so als Teil eines Ganzen versteht, müsse weder bei seinen Bürgern auf Abwehr noch bei den Nachbarn auf Misstrauen stoßen.

Der gebürtige Rostocker und ehemalige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen hielt als Bundespräsident erstmals die Hauptrede zum 3. Oktober. Gauck war im März 2012 zum Staatsoberhaupt gewählt worden. Im vergangenen Jahr hatte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) auf dem Festakt am 3. Oktober gesprochen.

Der 73 Jahre alte Gauck warb für einen sorgsamen und aufgeklärten Umgang mit den neuen Kommunikationsmitteln in der digitalisierten Welt. Wie bei jeder Innovation gelte es, die "Ängste nicht übermächtig werden zu lassen", sondern als aufgeklärte Bürger zu handeln. "So sollte der Datenschutz für den Erhalt der Privatsphäre so wichtig werden wie Umweltschutz für den Erhalt der Lebensgrundlagen", forderte das Staatsoberhaupt unter Applaus der Gäste des Festaktes in der Stuttgarter Liederhalle.

Kretschmann für mehr Föderalismus in Deutschland und Europa

Ministerpräsident Kretschmann sagte, der Bund sei mehr als die Summe seiner Länder, aber auch jedes Bundesland sei mehr als nur ein Teilgebiet des Bundes. Auch Europa sollte weniger zentralistisch und mehr föderal weiterentwickelt werden.

Die deutsche Einheit sei ein "historischer Glücksfall" gewesen, weil der Weg dorthin nicht über Schlachtfelder geführt habe, sondern von Menschen ermöglicht worden sei, die vor dem Fall der Mauer mit brennenden Kerzen aus den Kirchen kamen, sagte er. Heute teile man europaweit Freiheits- und Bürgerrechte, offene Märkte und Grenzen, Städtepartnerschaften und Schüleraustausch.

Die zentrale Einheitsfeier und das begleitende Bürgerfest werden in jedem Jahr von dem Bundesland ausgerichtet, das den Vorsitz im Bundesrat innehat. Am Donnerstagnachmittag sollte Kretschmann das Amt des Bundesratspräsidenten turnusgemäß an den niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD) übergeben.

Zollitsch wirbt für solidarisches Europa

Am Morgen hatte der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, bei einem ökumenischen Gottesdienst in der Stuttgarter Stiftskirche die Deutschen dazu aufgerufen, sich für ein Europa des Friedens und der Gerechtigkeit einzusetzen. Auf dem Kontinent solle Solidarität über Nationen, Landesgrenzen und die Grenzen in den eigenen Köpfen hinweg gelebt werden, sagte der Freiburger Erzbischof.

Zollitsch forderte dazu auf, der Kraft des Gebetes zu vertrauen. Dass sich in der Syrienkrise Russland und die USA überraschend auf ein gemeinsames Vorgehen geeinigt hätten, sei auch eine Folge weltweiter Gebete. Ähnlich beim Prozess der deutschen Vereinigung 1990: Auch hier habe Gott "seine Finger mit im Spiel gehabt", sagte der Erzbischof.

Auch der Bischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Frank Otfried July, betrachtet die gewaltfreie Revolution in Deutschland als Gottesgeschenk. Ein Staat könne aber nicht ohne Orientierung an Barmherzigkeit, Liebe und Achtung leben. Daraus erwachse die Aufgabe, sich für Menschen einzusetzen, die in Deutschland Zuflucht suchten und die anderswo Gewalt und Unfreiheit erdulden müssten.

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