TV-Tipp des Tages: "Uferlos!" (ZDF)

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TV-Tipp des Tages: "Uferlos!" (ZDF)
TV-Tipp des Tages: "Uferlos!", 23. September, 20.15 Uhr im Zweiten
Vor gut zwanzig Jahren ist Marlies Gottlieb in ihr brandenburgisches Elternhaus zurückgekehrt. Rechts und links neben dem Anwesen ist Naturschutzgebiet, der einzige Weg zum See würde durch ihren Garten führen, doch Marlies hat einen Zaun errichten lassen.

Auch große Schauspieler werden noch besser, wenn man ihnen Partner zur Seite stellt, die mindestens auf Augenhöhe agieren. Zu den darstellerisch eindrucksvollsten "Bella Block"-Krimis gehörten die Filme, in denen Hannelore Hoger gegen den Charme von Peter Simonischek anspielen musste. Von ähnlichem Kaliber wie der Österreicher ist der Schwede Rolf Lassgård. "Uferlos!" ist nach "Ellas Geheimnis" und Bella Blocks Ausflug nach Schweden ("Das schwarze Zimmer") der dritte gemeinsame Film der beiden, und wenn man dem ZDF etwas vorwerfen möchte, dann die Tatsache, dass seit dem letzten Mal bereits vier Jahre vergangen sind. Wie bei den beiden anderen Filmen auch oblag die Regie erneut Rainer Kaufmann.

Trennung und Wiedervereinigung

Nach Afrika und Skandinavien war es an der Zeit, dem Darstellerduo eine deutsche Geschichte anzubieten, und da das Drehbuch von Silke Zertz stammt, ist es eine deutsch-deutsche Geschichte. Natürlich wäre es Unfug, die Arbeit der erfolgreichen Autorin ("wir sind das Volk") auf dieses Sujet zu reduzieren; andererseits tauchen entsprechende Motive in ihren Filmen (zuletzt "Jedes Jahr im Juni") immer wieder auf. In "Uferlos!" klingt es zwar nur gelegentlich an, doch Trennung und Wiedervereinigung bilden einen wichtigen biografischen Hintergrund für die Hauptfigur: Vor gut zwanzig Jahren ist Marlies Gottlieb (Hoger) in ihr brandenburgisches Elternhaus zurückgekehrt; die Kommunisten hatten sich das malerisch an einem See gelegene Grundstück einst unter den Nagel gerissen. Seit einigen Jahren hat die störrische Hausbesitzerin Krach mit den Dorfbewohnern: Rechts und links neben dem Anwesen ist Naturschutzgebiet, der einzige Weg zum See würde durch ihren Garten führen, doch Marlies hat einen Zaun errichten lassen und verteidigt ihr Grundstück mit Zähnen und Klauen. Das ändert sich, als ein scheinbar alleinstehender alter Nachbar stirbt und plötzlich ein schwedischer Sohn (Lassgård) auftaucht, der Jahrzehnte lang keinen Kontakt zum Vater hatte. Der lebenslustige Skandinavier erobert Marlies’ Herz im Sturm. Im Überschwang der Gefühle überlässt sie Mikkel sogar einen Schlüssel zum Tor, aber der noch gar nicht so alte Schwede hat ein großes Herz und kann nicht Nein sagen. Als nach dem Mittsommerfest die Dörfler alkoholisiert durch ihren Garten trampeln, zieht sich Eremitin Marlies noch mehr als zuvor in ihr Schneckenhaus zurück.

Zertz reichert die eigentlich einfache Geschichte durch viele amüsante, teilweise aber auch böse Einfälle an. Mikkels Kater zum Beispiel lässt seine Mordlust an Marlies geliebten Vögeln aus, weshalb sie in einem unbeobachteten Moment dafür sorgt, dass der Singvogelkiller eine unfreiwillige Bootspartie macht. Die Liebe zum Detail zeigt sich schon am Vorspann, dessen Schriftzüge geschickt in die Bilder integriert sind. Aber das größte Kapital des Films sind neben der wie stets in Kaufmanns Filmen vortrefflichen Bildgestaltung (in der Regel Klaus Eichhammer) und den stimmungsvollen Akkordeonklängen (Musik: Dieter Schleip) selbstredend die beiden Hauptdarsteller. Natürlich haben ausgerechnet jene Eigenschaften, die zunächst die Anziehungskräfte bilden, den gegenteiligen Effekt, als Marlies ihrem Nachbarn den Krieg erklärt.

Der temperamentvolle Mikkel ist eine großartige Ergänzung zur eigenbrötlerischen Marlies und der hierzulande als Kommissar Wallander aus den Henning-Mankell-Verfilmungen bekannt gewordene Lassgård das perfekte Gegenstück zu Hannelore Hoger, die entgegen ihrer gewohnten Sparsamkeit diesmal auch komödiantische Akzente setzen darf und sogar einige Slapstickszenen hat. Im Grunde aber ist der Film wie einige der besten Werke Kaufmanns (etwa "Marias letzte Reise" oder "Ein starker Abgang") eine Tragödie, zumal Marlies am Schluss eine schockierende Entdeckung macht, die ihr komplett das Segel aus dem Wind nimmt.