Kirche im Lager Friedland: "Anstrengend, aber es klappt"

Flüchtlinge im Grenzdurchgangslager Friedland

Foto: epd-Bild/Jens Schulze

Kinderbetreuung in Friedland

Deutschland spricht 2019
Kirche im Lager Friedland: "Anstrengend, aber es klappt"
Endlich sind sie in Sicherheit, in Deutschland – in Friedland. Für etliche syrische Bürgerkriegsflüchtlinge ist das Durchgangslager bei Göttingen die erste Station in Europa. Vergangenen Mittwoch sind die ersten gut 100 von insgesamt 5.000 Flüchtlingen im Rahmen eines UN-Programms angekommen. Schon vorher kamen viele Syrer auf eigene Faust hierher – ihre Zukunft ist völlig ungewiss. Die evangelische Kirche hilft den Flüchtlingen beim Start in ein neues Leben.

Martin Steinbergs Handy klingelt. Das tut es oft, und wenn es gerade nicht klingelt, sagt Steinberg: "Ich muss gerade noch was klären" und tippt selbst auf seinem Handy herum. Martin Steinberg ist evangelischer Lagerpfarrer im Grenzdurchgangslager Friedland, offiziell mit einer halben Stelle. Doch seine Energie ist unerschöpflich, Steinberg bleibt jeden Tag so lange, "bis die Arbeit getan ist." Arbeit, das ist Beratung, Seelsorge, Gottesdienste, und vor allem: Viele große und kleine Dinge besprechen und Probleme lösen.

Pastor Martin Steinberg ist evangelischer Lagerpfarrer im Grenzdurchgangslager Friedland.

Steinbergs Büro ist in einer hübschen holzverkleideten Baracke mit roten Tür- und Fensterrahmen untergebracht. "Evangelisches Lagerpfarramt" steht über dem Eingang. Morgens checkt Pastor Steinberg hier erst einmal die Emails: "Wir sind eine reiche Gemeinde in Hannover und würden gern den syrischen Flüchtlingen helfen", liest er vor. Fünf solcher Mails erreichen ihn pro Tag, und auch die Menschen aus seiner eigenen Kirchengemeinde im benachbarten Rosdorf sind hilfsbereit: Sie kommen zu Besuch ins Lager und bringen Kleiderspenden für die Flüchtlinge mit.

Taufunterricht auf Arabisch

Steinberg koordiniert die Hilfe, führt Besucher durchs Lager und ist nebenbei auch spontan für Seelsorgeanliegen ansprechbar. Zum Beispiel für die syrische Kurdin Samira Ahmad aus Qamishli, die auf eigene Faust geflohen ist und ihre Tochter und vier Söhne zurückgelassen hat. "Jetzt ist Bürgerkrieg und ich habe große Angst um meine Kinder", sagt die 53-Jährige. "Ich bin nicht mehr jung, bin manchmal krank, es macht mich müde immer an meine Kinder zu denken. Ich möchte nur alleine sitzen, in Ruhe warten, nicht sprechen, warten bis meine Kinder zu mir kommen." Danach sehnen sich viele hier – ihre Verwandten wiederzusehen.

Die syrische Kurdin Samira Ahmad macht sich große Sorgen um ihre Kinder.

Auch Samir Alu, ein 28-jähriger Syrer, sorgt sich um seinen Bruder. Der ist Offizier, steht aber nicht mehr auf der Seite des Assad-Regimes und hat nun vor beiden Seiten Angst: vor dem Regime und den Rebellen. Samir selbst hatte sich entschlossen zu kämpfen: "Ich habe gedacht, ich muss meinen Leuten helfen. Deshalb bin ich zu den Rebellen gegangen, gegen die Regierung." Doch ihm wurde die Lage zu gefährlich. "Es gab Bombardierungen, viele Leute sind gestorben", erzählt Samir. Er ist froh, jetzt in Deutschland zu sein. "Deutschland ist ein demokratisches Land. Hier bin ich zufrieden und sicher."

Außerdem bekommt der junge Mann aus Hasaka hier - ganz unerwartet – einen Wunsch erfüllt: Er wird getauft. Ein Teil seiner Familie bekennt sich zum Christentum und Samir will das auch. Nun ist die Gelegenheit da. Der Dolmetscher und Diakon Hacub Sahinian erteilt ihm christlichen Unterricht auf Arabisch und will so schnell wie möglich von Pfarrer Steinberg wissen, wann die Taufe stattfinden kann. "Wenn Sie meinen, dass er soweit ist, machen wir einen Termin aus", sagt Steinberg, und Samir strahlt: "Dann werde ich ein richtiger evangelischer Mann."

In den vergangenen zwei Jahren hat der Pastor hier im Lager Friedland sechs Menschen getauft. Das tut er in öffentlichen Gottesdiensten in der "Evangelischen Lagerkapelle", ein schlichter holzverkleideter Raum, in dem vorn ein einfaches Kreuz steht.

Der Syrer Samir Alu aus Hasaka will in Friedland getauft werden.
Hier hält Steinberg regelmäßig Gottesdienste, "immer ökumenisch" und meistens mehrsprachig. Zurzeit ist oft ein Dolmetscher da, der Deutsch und Arabisch kann, manchmal muss auch in Urdu übersetzt werden, und manchmal genügt es, wenn der Pastor auf Englisch predigt.

Der Lagerpfarrer ist im Auftrag der Landeskirche hier, und er ist nicht allein: Von evangelischer Seite ist die Innere Mission als Verein mit 14 Festangestellten in Friedland aktiv, betreibt zwei Kinderhäuser, Beratungsdienste und zusammen mit DRK und Caritas eine Kleiderkammer. Dort probiert eine Aussiedlerin gerade lila Turnschuhe an, im Angebot sind außerdem Pantoffeln für acht Euro, Jeans für 17 Euro, Oberteile in verschiedenen Preisklassen.

Jetzt zum Herbstanfang fragen die Flüchtlinge besonders nach warmen Jacken, erzählt Mitarbeitern Christine Trippler vom DRK. Die neu angekommenen Syrer kaufen vor allem feste Schuhe für ihre Kinder. Nach Monaten auf der Flucht sind sie einfach aus ihren Schuhen herausgewachsen, sind in Beirut in einfachen Schlappen ins Flugzeug gestiegen, "die haben nix mehr", sagt Martin Steinberg und breitet demonstrativ seine leeren Hände aus.

Zum Basteln brauchen Kinder keine Sprache

Die Kinder haben viel durchgemacht. Manchen merkt man die Überforderung an: In der Kinderbetreuung steht die kleine Rubaida im verschlissenen grauen Jogginganzug am Türrahmen, schaut schüchtern hinaus, fängt an zu weinen, als sie angesprochen wird. Sie verbirgt ihr Gesicht in den Händen, will sich verstecken. Die fremde Umgebung, die Besucher, die Lautstärke sind ihr wohl zu viel.

Die kleine Rubaida fühlt sich noch unwohl in der Kinderbetreuung.

An diesem Montag sind acht neue arabisch sprechende Kinder in die Betreuung gekommen – sie verstehen nicht, was die Erzieherinnen auf Deutsch in den Raum rufen. Irina Gerlitz und Gabriele Klossek versuchen, die die Vier- bis Sechsjährigen innerhalb von zwei Wochen auf Kindergarten und Schule vorzubereiten, gewöhnen sie an Lernmaterialien und Methoden. "Die beiden leisten Schwerstarbeit", sagt Pastor Steinberg anerkennend. Gerade haben Gerlitz und Klossek Maisstäbchen zum Basteln verteilt. "Nicht essen, Kinder, stopp, nicht essen!", ruft Irina Gerlitz aufgeregt – die Kinder sollen die bunten Röllchen mit Wasser anfeuchten und auf einen Papierbogen kleben, so dass ein großer Ballon entsteht. Als die Erzieherin die Bastelei vorzeigt, wird es leise im Raum. "Es ist anstrengend, aber es klappt", freut sich Gerlitz. Die Kinder arbeiten jetzt konzentriert und helfen sich gegenseitig. "Kinder brauchen zur Kommunikation keine Sprache", meint die Erzieherin, "die spielen und streiten und kommen zurecht." Auch die kleine Rubaida hört auf zu weinen und wagt sich an einen Tisch.

"Planen Sie ihre Reise!"

Pastor Steinberg muss weiter. Gleich hat er einen Kurs. Sein Thema ist ungewöhnlich für einen Pfarrer: "Mobilität" lehrt Steinberg in einem von fünf so genannten "Wegweiserkursen" für die neu angekommenen Flüchtlinge im Lager. Die anderen Fächer sind Föderalismus, Behörden, Gesundheit und Bildungswesen – Grundlagen für das Leben in Deutschland. Pastor Steinberg wurde gefragt, ob die Kirche bei den Kursen mitmachen will, und er hat sofort zugesagt: "Das ermöglicht uns einen neutralen Einstieg ins Gespräch."

Rund 20 Erwachsene sitzen mit Schreibblöcken im Seminarraum, vorne der Pastor und ein Dolmetscher. Steinberg erklärt, wie man Zugfahrkarten kauft, wie man den Führerschein macht und wie man sich als Fußgänger verhält: "Wenn die Ampel grün wird, die Farbe des Propheten, können Sie über die Straße gehen." Die Flüchtlinge lachen. Dann wundern sie sich über die Preise für Bahnfahrkarten in Deutschland. Steinberg weist auf Frühbucherrabatte hin und rät dringend: "Planen Sie ihre Reise!"

Schon in zwei Wochen werden die Syrer das tun müssen – nach Köln, nach Gelnhausen, nach Borken, nach Essen. Die 5.000 Flüchtlinge aus dem UN-Programm werden in der ganzen Republik verteilt, dürfen ohne Asylverfahren hierbleiben und arbeiten. "Sie sind in ein friedliches Land gekommen", sagt Pastor Steinberg am Schluss seines Kurses: "Wir brauchen Sie und Ihre Fähigkeiten. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit in Deutschland!" Die Syrer lächeln und sagen "Shukran" – "Danke".

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