"Zu viele unbeantwortete Fragen" im Kunduz-Drama

Matthias Brandt spielt im Dokudrama "Eine mörderische Entscheidung"

Foto: NDR/Cinecentrum/R. Ruhnau (M)

Matthias Brandt spielt im Dokudrama "Eine mörderische Entscheidung" den Oberst Georg Klein.

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"Zu viele unbeantwortete Fragen" im Kunduz-Drama
Es war der folgenschwerste Einsatz in der Geschichte der Bundeswehr: Im September 2009 befahl Oberst Georg Klein die Bombardierung zweier von den Taliban entführter Tanklastzüge bei Kunduz in Afghanistan, dabei wurden bis zu 142 Menschen getötet. Das Dokudrama "Eine mörderische Entscheidung" (4.9., 20.15 Uhr, ARD) schildert, wie es zu Kleins fataler Fehleinschätzung kam.

Regisseur und Autor Raymond Ley beschreibt in seinem Film die dramatischen Stunden, in denen der Offizier die schwerste Entscheidung seines Lebens treffen musste. Verkörpert wird Oberst Klein von Matthias Brandt, der seit einigen Jahren zu den herausragenden deutschen Schauspielern zählt. Matthias Brandt wurde 1961 als Sohn des späteren Bundeskanzlers Willy Brandt in Berlin geboren und war vor seiner TV-Karriere Ensemblemitglied an wechselnden Theaterbühnen. Brandt lebt mit Frau und Tochter in Berlin.

Herr Brandt, Sie wollten als junger Mann nicht zur Bundeswehr – warum?

Matthias Brandt: Das kam für mich überhaupt nicht in Frage, weil ich damals Pazifist war. Heute ist meine Haltung zur Armee allerdings eine andere, ich sehe natürlich auch die Gründe, warum sie wichtig und notwendig ist. Den pazifistischen Impuls von damals habe ich nicht mehr. Weil es Situationen gibt, in denen man sich wehren muss. 

"Es drängt sich der Gedanke auf, dass er im entscheidenden, folgenreichsten Moment seines Lebens überfordert war"

Haben Sie sich gewundert, dass man Ihnen die Rolle als Oberst Klein angetragen hat? Sie sind ja nun nicht gerade der Prototyp des zackigen Offiziers.

Brandt: Aber das ist Klein ja möglicherweise auch nicht. Ich glaube, dass viele Militärs heutzutage überhaupt nicht mehr dem Haudegen-Klischee entsprechen. Die Bundeswehr ist eine Armee aus der Mitte einer demokratischen Gesellschaft, und insofern kommen auch die Soldaten aus der Mitte der Gesellschaft. Deshalb habe ich mich nicht gewundert, dass mir die Rolle angeboten wurde, und es war für mich überhaupt kein Problem, einen Offizier zu spielen. Das ist letztendlich auch nur eine Rolle wie jede andere – und ich muss eigentlich bei jeder Figur erst mal eine gewisse Distanz überwinden, wenn ich sie mir aneigne. Das war in diesem Fall nicht anders. 

Ist es schwieriger, eine Figur zu verkörpern, die ein reales Vorbild hat?

Brandt: Das ist bei der Erarbeitung einer Rolle überhaupt kein Kriterium für mich, mich interessiert nie, ob es da ein reales Vorbild oder nicht gibt, weil das an meiner Arbeit nichts ändert. Ich will ja niemanden imitieren, weil ich glaube, dass das mit dem Beruf des Schauspielers relativ wenig zu tun hat. Aber natürlich macht man sich ein Bild von jemandem, den man verkörpert, wobei ich Klein nie persönlich kennen gelernt habe.

Was glauben Sie, warum hat Oberst Klein einen Befehl gegeben, der bis zu 142 Menschen das Leben gekostet hat?

Brandt: Ich maße mir nicht an, diese Frage abschließend zu beantworten, und ich glaube auch nicht, dass das die Intention des Films ist. Wir bieten ja nur eine Version an, wie sich das Ganze abgespielt haben könnte. Auch, weil die offiziellen Darstellungen, wie es zu dieser Tragödie kam, so wenig erhellend sind. Ich kann mir das nur erklären als ein Zusammentreffen verschiedenster Motive und verschiedenster Bedrängnisse, die letztendlich zu dieser fatalen Entscheidung und diesem Fehler geführt haben. Klein hat die unübersichtliche Situation sicherlich als Bedrohung für das Bundeswehrlager empfunden, dazu kamen anscheinend andere äußere Einflüsse, die ihn zu der Entscheidung getrieben haben. Es drängt sich der Gedanke auf, dass er im entscheidenden, folgenreichsten Moment seines Lebens überfordert war, was dann zu dieser Überreaktion geführt hat.

Im Film zweifelt und zögert Oberst Klein bis zuletzt und wird auch von Kameraden vehement zu einer Entscheidung gedrängt, die er vielleicht gar nicht treffen möchte, aber doch verantworten muss...

Brandt: Ja, das war ohne Frage auch eine tragische Zwickmühle, in der er sich da befunden hat. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass er sich freiwillig in diese Situation begeben hat, es wird ja kein Mensch dazu gezwungen, Offizier zu werden. Die Anforderungen, die sich einem in dieser Funktion stellen können, sind einem ja bewusst, bevor man das macht. Insofern ist die Betrachtung, das Ganze als tragische Verwicklung zu sehen, nach meiner Meinung zwar auch richtig – es enthebt Klein aber trotzdem nicht der moralischen Verantwortung für sein Handeln.

"Ich habe keine Ahnung, wie man mit einer solchen Schuld umgeht, und ich glaube auch nicht, dass man sich das als Außenstehender vorstellen kann"

Haben Sie ein gewisses Verständnis für seine Entscheidung?

Brandt: Meine Aufgabe als Schauspieler ist es, eine Rolle zu beglaubigen – und ich kann sie ja nur beglaubigen, wenn sie mir auch verständlich ist. Wie ich das Ganze als Privatmann oder Bürger sehe, steht allerdings auf einem völlig anderen Blatt. 

Wie sehen Sie es denn als Privatmann?

Brandt: Für mich gibt es um dieses ganze schreckliche Geschehnis herum zu viele unbeantwortete Fragen. Ich finde, wir haben das Recht auf Auskunft, auf Antworten. Und zwar in einer Weise, die diejenigen, in deren Namen dort agiert wird, die Bürger dieses Landes nämlich, ernst nimmt. Das sage ich dazu. Mir ist das viel zu schnell zu einer Art bürokratischem Vorgang erklärt worden. Das wird im Film vor allem in den Szenen deutlich, die im Untersuchungsausschuss spielen, und die auf Originalzitaten basieren. Diese merkwürdig bürokratische Sprache, die ja ein Denken spiegelt, ist schon erschreckend. Das wurde runtergefahren auf die Ebene eines militärischen Vorgangs, der leider nicht optimal gelaufen ist – und das wird der Dimension dieser Geschichte überhaupt nicht gerecht.

Wie, glauben Sie, kann man mit der Schuld leben, den Tod so vieler Menschen verursacht zu haben, darunter auch Kinder?

Brandt: Gute Frage, das würde mich auch interessieren. Nur kann ich sie natürlich nicht beantworten, da müssen Sie schon Herrn Klein fragen. Ich habe keine Ahnung, wie man mit einer solchen Schuld umgeht, und ich glaube auch nicht, dass man sich das als Außenstehender vorstellen kann. Das weiß nur die betreffende Person selbst.

Glauben Sie denn, dass ein Dokudrama wie dieses einen Beitrag zu einer politischen Debatte wie die um den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr leisten kann?

Brandt: Ich bin kein Pädagoge und kann Zuschauern nicht vorschreiben, wie sie zu reagieren haben. Aber wenn so ein Film zu Diskussionen anregen würde, wäre das ja nicht das Schlechteste.

Wie finden Sie es denn, dass viele Bundeswehrangehörige  Oberst Klein für einen Helden halten?

Brandt: Befremdlich.