Segen unter freiem Himmel: Tausende feiern Flusstaufen

Linus Tatjanin wird getauft

Foto: epd-bild/Alasdair Jardin

Pfarrerin Andrea Schridde (re) tauft Linus Tatjanin (5) auf dem Arm seiner Taufpatin Melanie Thiel (34).

Segen unter freiem Himmel: Tausende feiern Flusstaufen
Eigentlich würde Linus am Weserstrandbad in Bremerhaven gerne mit seiner Taucherbrille in den warmen Fluss springen und planschen. Doch das war am Sonntag nicht drin. Der Fünfjährige ist festlich angezogen und ganz aufgeregt, denn in den nächsten Minuten wird er hier im Strandbad unter freiem Himmel getauft - zusammen mit mehr als 100 Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.

Mit den Füßen im Fluss und mit Wasser aus der Weser bekommen sie den Segen Gottes zugesprochen. Zeitgleich werden 64 Täuflinge am Heideflüsschen Seeve in Maschen bei Hamburg in die christliche Gemeinschaft aufgenommen. Manche freuen sich auf eine besondere Party, bei anderen lösen die Feiern ein warmes Gefühl von Heimat aus.

In Bremerhaven haben evangelische Kirchen und die katholische Gemeinde zu dem Fest eingeladen, knapp 1.300 Gäste haben sich angemeldet: Paten, Angehörige und Freunde der Täuflinge fiebern nun dem großen Moment entgegen, direkt am Ufer der Weser, die an dieser Stelle jetzt bei Hochwasser stattliche 1.800 Meter breit ist. Die Seeve dagegen schlängelt sich idyllisch durch Wiesen und Felder, nur einen Steinwurf misst sie bis zum gegenüberliegenden Ufer. Doch auch hier haben sich an diesem Vormittag rund 900 Taufgäste versammelt.

"Das sind große Willkommensfeste für fast 170 Kinder, Jugendliche und Erwachsene", freut sich der hannoversche Landesbischof Ralf Meister. "Wir erleben, dass die Taufe unter freiem Himmel vielen Menschen ganz unmittelbar den Horizont öffnet für das Geschenk dieses Sakraments, für Gottes Lebensbegleitung", formuliert der Theologe.

"Die Weser bedeutet für uns Heimat"

Die wachsende Zahl derartiger Tauffeste bestätigt ihn. Ob Chiemsee, Isar, Northeimer Seenplatte, Ostsee-Bucht, Weser oder Seeve: Im Sommer zieht es Taufgesellschaften in ganz Deutschland mit oft Hunderten von Gästen immer öfter ans Wasser. Die einen fasziniert der Ort, andere eine Partystimmung, die sie sonst in der Kirche vermissen. Auch Linus' Mutter Maren Tatjanin (32) ist ganz begeistert von der Einladung zur Taufe am Fluss: "Wir sind superhappy, weil wir Bremerhavener sind, die Weser bedeutet für uns Heimat."

Taufe in der Weser: Mit Festtagskleidung und nassen Füßen

Die Feste lehnen sich theologisch an die biblisch überlieferte Taufe Jesu im Jordan an. An das Vorbild der ersten Massentaufe in der Geschichte der Christenheit reicht die Zahl der Gäste an diesem Sonntag in Norddeutschland aber noch nicht ganz heran. Berichten zufolge soll Petrus mit 3.000 Menschen gefeiert haben.

Aber immerhin: Allein in Bremerhaven sind zwölf "Tauforte" an der Weser aufgebaut, an denen 17 Pastorinnen und Pastoren in vollem Ornat mit dem Talar im Wasser 104 Täuflinge segnen und ihnen den Schutz Gottes zusprechen. Am Seeveufer taufen sechs Pastorinnen und Pastoren insgesamt 64 Menschen, vom Baby bis zum Erwachsenen.

Die erneuernde Kraft des Wassers

"Tauffeste geben insbesondere Alleinerziehenden oder Patchworkfamilien die Gelegenheit, gemeinsam zu feiern", erläutert der evangelische Superintendent Dirk Jäger, leitender Theologe im Kirchenkreis Hittfeld an der Seeve. Die Bremerhavener Organisatorin Andrea Schridde ergänzt, mit der Aktion erreichten die Gemeinden viele Familien, die sonst den Weg in die Kirche scheuten.

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, da tadelten innerkirchliche Kritiker derartige Feste als Spektakel und Banalisierung eines heiligen Sakramentes. Die Taufe gehöre ins Gotteshaus, rüffelten leitende Theologen. Das ist vorbei. Die Vielfalt christlicher Traditionen in der Taufpraxis solle sichtbarer werden, lobt beispielsweise Landesbischof Meister.

Dazu kommt: Der Segen unter freiem Himmel am Wasser rührt etwas an, was Menschen auf der ganzen Welt verbindet. Denn den Glauben an die erneuernde und lebensspendende Kraft des fließenden Wassers gibt es weltweit. Landesbischof Meister greift mit seiner Erklärung zurück bis in die Antike: "Flüsse und das Meer galten schon damals als besonders rein."