Medizinethiker Nagel: "Wir brauchen das Klonen nicht"

Klon

Foto: epd-bild/Simon Katzer

Horrorszenarien für die Zukunft: Wissenschaftler klonen Menschen - auch abseits von therapeutischen Zwecken.

Amerikanische Wissenschaftler haben erstmals menschliche Stammzellen geklont. Ethikratsmitglied Eckhard Nagel erklärt im evangelisch.de-Interview, was die Forscher wirklich geschafft haben und warum das Klonen von Menschen nebensächlich ist, wenn es darum geht, Krankheiten wie Parkinson oder Multipler Sklerose zu heilen.

Herr Nagel, was haben die Forscher in Amerika eigentlich geschafft? Kann man jetzt Menschen klonen?

Eckhard Nagel: Nein, das wäre eine völlig falsche Vorstellung. Wobei es immer auch um die Frage geht: Was heißt "Menschen"? Natürlich ist ein Embryo auch ein Mensch. Mit der Erzeugung eines menschlichen Embryos ist also auch ein Individuum entstanden. Wir wissen aber aus dem Bereich des Klonens bei Tieren, dass viele Embryonen sich niemals zu einem geborenen Lebewesen entwickeln. Das heißt: Es bleibt völlig unklar, ob auf der Grundlage der vorgelegten Ergebnisse ein Mensch hätte geboren werden können. Insofern sind diese Ergebnisse mit Zurückhaltung zu interpretieren.

Also ist es immer noch unmöglich, Menschen zu klonen?

Nagel: Nein, in der Biologie ist wahrscheinlich nichts unmöglich, aber wir sind weit davon entfernt zu wissen, ob aus einem solchen Experiment auch ein Mensch geboren werden könnte. Die Annahme ist sehr, sehr spekulativ.

Viele bezeichnen die Ergebnisse der US-Forscher als "Meilenstein". Was meinen Sie dazu?

Nagel: Dass Zellen sich entwickeln, die in einen normalen Reproduktionsprozess eingehen, ist schon ein Zeichen dafür, dass man biologische Mechanismen auslösen kann, die identisch sind mit dem, was in dem Entstehungsprozess eines Menschen passiert. Insofern handelt es sich um einen wesentlichen Erkenntnisfortschritt – um mehr aber nicht.

"Man darf Ergebnisse nicht überbewerten."

Was bedeutet dieser Erkenntnisschritt für den einzelnen Menschen? Zum Beispiel für jemanden, der an Multipler Sklerose oder Parkinson erkrankt ist – Krankheiten, von denen man ausgeht, dass sie mit Hilfe des therapeutischen Klonens geheilt werden könnten.

Nagel: Bei solchen Schlussfolgerungen mahne ich zur Vorsicht! Man darf Ergebnisse nicht überbewerten. Die Frage, ob man aus diesen Experimenten therapeutische Strategien ableiten kann, ist im Moment nicht beantwortbar. Die theoretische Möglichkeit ergibt sich aus einem solchen Experiment. Mehr aber nicht.

Die Theorie ist ja, dass mit einer solchen Technik sich körpereigene Zellen herstellen lassen, die identisch sind mit denen eines kranken Menschen, und die könnten dann vielleicht eingesetzt werden, um zum Beispiel eine Zellzerstörung, die im Herzen, im Gehirn, in der Leber stattfindet, zu behandeln.

Wir haben mittlerweile andere Erkenntnisse aus der sogenannten Reprogrammierung von Zellen, wo dieser Klonschritt gar nicht nötig wird, die vielleicht diese therapeutische Möglichkeit bieten. Insofern ist für die Therapie der Erkenntnisgewinn aus dem Experiment erst einmal zweitrangig.

Wie bewerten Sie das Experiment der US-Forscher?

Nagel: Für mich steht fest: Die Erzeugung eines menschlichen Embryos im Kontext eines wissenschaftlichen Experimentes überschreitet ethische Grenzen. Forschung an menschlichen Embryonen bedeutet eine Instrumentalisierung des Menschen selbst. Die Verdinglichung eines menschlichen Individuums widerspricht dem Gedanken der Würde des Einzelnen und ist somit grundsätzlich abzulehnen.

Aktuell ist wieder eine Diskussion um das Klonen von Menschen entfacht. Ist diese neue Debatte nötig?

Nagel: Die Möglichkeit des reproduktiven Klonens an sich gilt weltweit als ein Überschreiten einer Grenzlinie, die es zu ächten gilt. Man muss aber sagen, dass es der UN nicht gelungen ist, sich für eine weltweite Ächtung auszusprechen. Auch Deutschland hat sich bisher geweigert, eine solche Resolution zu unterschreiben – weil man sich in Deutschland auch gegen das therapeutische Klonen aussprechen wollte.

Das Problem, dass wir keine eindeutigen Antworten finden, macht es natürlich wahrscheinlicher, dass Experimente und Untersuchungen einfach weitergehen. Insofern sollte man das Experiment zum Anlass nehmen, sich in den zuständigen zwischenstaatlichen und überstaatlichen Gremien klar zu positionieren. Ich fordere ein Verbot des reproduktiven Klonens bei Menschen.

"Die Medizin wird effiziente und nebenwirkungsärmere Behandlungsmethoden entwickeln."

Wie lässt sich der Widerstreit, Menschen helfen zu wollen, und die Gefahr "menschlicher Ersatzteillager" auflösen?

Nagel: In den letzten 15 Jahren ist deutlich geworden, dass das Klonen oder aber auch die Zerstörung von Embryonen für solche therapeutischen Ansätze nicht notwendig sind. Wir brauchen also diese ethisch höchst fragwürdigen Aktivitäten nicht, wenn es darum geht, Menschen zu helfen. Sicher wird man immer wieder neue Erkenntnisse gewinnen können, wenn man diese Forschungsrichtungen einschlägt. Aber Fortschritte gerade für die Behandlung von Patienten werden anderswo realisiert.

Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg, die Erkenntnisse der Zellbiologie auf verschiedenste Art und Weise einzusetzen. Wir wissen heute, wie man Zellen züchtet, das wussten wir vor 15, 20 Jahren noch nicht. Wir wissen heute auch, wie man Zellen so programmieren kann, dass sie bestimmte Eigenschaften haben, wie wir sie uns für eine Zellbehandlung wünschen.

Ich bin mir ganz sicher, dass die moderne Medizin mit Hilfe der Biologie dazu führen wird, dass wir weiter effiziente und auch nebenwirkungsärmere Behandlungsmethoden für verschiedene Erkrankungen entwickeln werden. Daran wird sehr intensiv gearbeitet.