"Ich wünsche mir einen Papst mit Menschen- und Gottesliebe"

Papst Benedikt XVI. gibt Pontifikat am 28. Februar auf

Foto: dpa/Patrick Seeger

Wer wird Nachfolger von Papst Benedikt XVI.? Auf das neue Kirchenoberhaupt warten in jedem Fall große Aufgaben.

"Ich wünsche mir einen Papst mit Menschen- und Gottesliebe"
Noch vor Ostern soll ein neuer Papst gewählt werden. Im Interview mit evangelisch.de spricht Leo Karrer (75), emeritierter Professor für Pastoraltheologie der Universität Freiburg in der Schweiz, über die Hauptbaustellen, die der nächste Papst anpacken muss und seine Gefühlslage zwischen Skepsis und Optimismus.

Der Rücktritt von Papst Benedikt XVI. ist ein gewaltiger Tabubruch. Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie diese Nachricht erfahren haben? War diese Entscheidung, der etwas Revolutionäres anhaftet, richtig?

Karrer: Als erstes empfand ich Erleichterung für den Papst und viel Respekt für seinen Schritt. In den letzten Monaten sah man es ja offenkundig, dass dieser Mann am Ende seiner Kraft war. Von seinem Charakter her war wohl kaum zu erwarten, dass er wie sein Vorgänger in der Öffentlichkeit sterben möchte. Und letztlich bleibt es auch sein persönliches Recht, sich nicht von außen aufzwängen lassen, wie er seinen Weg weitergehen will. Das hat auch mit Würde und Achtung zu tun. Benedikts Schritt zeigt zudem: Auch beim Papstamt ist der Mensch wichtiger als seine Rolle.

Was sind für Sie die tatsächlichen Hintergründe, warum Papst Benedikt seinen Fischerring abstreift? Hat ihm doch die "Vatileaks"-Affäre die letzten Kräfte geraubt?

Karrer: "Vatileaks" und die furchtbaren Missbrauchsskandale spielen bei seinem Entscheid gewiss eine tragende Rolle. Ich habe das Buch von Gianluigi Nuzzi ("Vatileaks") gelesen. Da spürte ich die ganze Kälte, die im Vatikan herrschen muss, heraus. Da Benedikt XVI. kein Managertyp ist, stand er diesen Vorgängen in seiner Umgebung wohl einfach hilflos gegenüber und erkannte manches zu spät.

Welche Rolle hat Joseph Ratzinger für Sie als Theologe persönlich gespielt? 

Karrer: Seine Theologie, die stark vom Platonismus und den Vätern der ersten christlichen Jahrhunderte geprägt ist, unterscheidet sich deutlich von derjenigen eines Hans Küng oder gar eines Karl Rahner. Letzterer hat die "Teile" der Fragestellungen differenziert auseinandergenommen und sie von heutigen Fragen her argumentativ neu zusammengefügt. Ratzinger umkreist den Stoff eher meditierend und historisierend mit Zeugen aus der Tradition. Seine Zugänge geben jedoch kaum Antwort auf Fragen dieser Zeit. Dennoch bin ich diesen Theologen – und vielen anderen natürlich auch - für ihre Impulse dankbar. Kardinal Joseph Ratzinger hat, das weiß ich aus mehreren Quellen, mit meinen inhaltlichen Positionen überdies stets Mühe bekundet. Vermutlich wegen meines Plädoyers für eine starke Stellung der Laien. Wer wie ich aus der Schule Karl Rahners kam, hatte bei Ratzingers Schule wohl immer einen schweren Stand.

Der katholische Theologe Leo Karrer war von 1982 bis 2008 Professor für Pastoraltheologie an der Universität Freiburg in der Schweiz.. Foto: Vera Rüttimann

Welches sind für Sie die größten Versäumnisse von Papst Benedikt XVI.? Was lief schief unter seinem Pontifikat?

Karrer: Der Rückgang an emotionaler und aktiver Zugehörigkeit zur Kirche hat nicht unmittelbar zuerst mit der Person eines Papstes zu tun, sondern mit gesellschaftlichen  Prozessen und Umbrüchen. Auch eine ideale Kirche könnte diesen Trend  wohl kaum stoppen. Ein hausgemachtes Problem ist gewiss die Leugnung und Tabuisierung von gesellschaftlichen Realitäten wie etwa den Missbrauchfällen in der Kirche. Der stete Ruf nach der Einheit der Kirche und nach Disziplin hat für mich mit der Realitätsferne der Kirchenleitung und ihrer höfischen Entourage zu tun. In diesem Sinn sind unter diesem Pontifikat die Hausaufgaben in Richtung von Reformschritten nicht gemacht worden.

Die Welt erlebt eine "römische Zeitenwende". Wie nehmen Sie die Stimmung in diesen Tagen unter den reformorientierten Katholiken in der Schweiz wahr?

Karrer: Die Stimmung, die ich hierzulande und auch in anderen Ländern über die Presse und über Gespräche wahrnehme, ist widersprüchlich. Sie reicht von skeptisch bis erwartungsvoll. Man traut dem Gremium der von den beiden letzten Päpsten ernannten Kardinäle kaum mehr einen entschiedenen Reformkurs zu. Ich sehe, wie nun Reformwünsche wie zum Beispiel Geschiedenenpastoral, das Pflichtzölibat, Ordination der Frauen und vor allem Mitsprache in synodalen Kirchenstrukturen nun erneut aufflammen. Bei all diesen Themen ist mir jedoch wichtig, die kritisch-prophetische Sendung der Kirche nicht aus dem Auge zu verlieren.

"Das zentralistisch übersteuerte, patriarchale und klerikale System der katholischen Kirche ruft nach energischen Reformschritten!"

Auf den neuen Papst wartet eine Herkulesaufgabe. Was müsste nach Ihrer Ansicht auf der Prioritätenliste des neuen Papstes ganz oben stehen?

Karrer: Zwischen Papst und der Basis stehen vor allem die Kurie und das strukturelle System der Kirche. Dieses zentralistisch übersteuerte, patriarchale und klerikale System ruft nach energischen Reformschritten! Wenn ich Papst wäre, würde ich einen weltweiten Dialogprozess über Reformstauthemen in der Kirche und in der Gesellschaft in Gang setzen. Es ginge vorrangig um einen Prozess in den Teilkirchen und in einzelnen Bistümern, der vieles entgiften könnte. Nach fünf bis sieben Jahren sollten diese Impulse in ein weltweites Konzil münden und danach als Dialogprozess fortgesetzt werden. Mit diesen Schritten wäre eine spirituelle und strukturelle Reform besser vorbereitet als durch zentral gesteuerte römische Dekrete. Die Kurie würde dadurch vom bloßen Administrator des Systems zur echten Gestalterin avancieren, die die Vielfalt der Prozesse an der Basis vernetzt. 

Welche Auswirkungen hätte es für die katholische Kirche, falls ein Papst mit der Denkweise Ratzingers wieder zum Zuge käme?

Karrer: Ein erneuter Winter in der Kirche wäre die Folge. Dann käme es darauf an, die reformorientierten Kräfte wie zum Beispiel die Tagsatzung, die Pfarreieninitiative, die Plattform "Wir sind Kirche" und andere zu vernetzen. Vor allem aber dürfen wir die Freude nicht verlieren. Ich sage immer: Auch im Winter wächst das Brot. Vielleicht ist auch die Kirchenkrise eine spiritueller Hinweis, wieder alle Karten auf Gott zu setzen und nicht auf die Institution Kirche. Diese dient einer Liebe, die sie aber nicht selber erfüllt. In diesem Kontext weise ich auf den aktuellen Hirtenbrief von Bischof Vitus Huonder hin, indem ich erkenne, dass er die Einheit der Kirche nur kirchenrechtlich definiert, nicht aber von der Glaubenstradition und von der Bibel her.

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Wie muss der neue Papst körperlich und charakterlich überhaupt verfasst sein, um ein solches Amt in diesen bewegten Zeiten zu schultern?

Karrer: Zunächst: Das Papstamt wird weltweit wahrgenommen, das zeigen uns doch die außergewöhnlich starken medialen Reaktionen auf  die Rücktrittsankündigung von Benedikt XVI. Was für einen Papst ich mir wünsche? Kommunikativ sollte er sein, auch in der Welt der modernen Medien. Ein Kirchenmann zudem, der nicht von den Härten der Realitäten in das kirchliche System flüchtet. Ich wünsche mir einen Papst, der die reiche Vielfalt der Kirche vernetzt, aber nicht einsam dirigiert. Einer, bei dem man die Einheit von Menschen- und Gottesliebe spürt. Denn die große Gefahr ist für mich zur Zeit die, dass wir Gott zu klein und Kirche zu groß denken. Herzensbildung ist an dieser Stelle das geeignete Wort für das, was ich meine. Ist das vorhanden, ist es zweitrangig, woher der nächste Papst kommt und wie alt er ist. Das Papsttum ist für mich keineswegs ein Auslaufmodell - trotz allen Reformbedarfs.

Weil die Last der Herausforderungen dieser Zeit derart groß sind ...

Karrer: Die Globalisierung, Migrationswellen und Individualisierung – mit der Beschleunigung all dieser Prozesse ist der einzelne Mensch überfordert. Schneller als wir ahnen, könnte der Ruf nach Sinnorientierung entstehen, und damit nach einer starken Stimme der Kirchen. Angesichts dieser  Herausforderungen hat das Papstamt die einmalige Chance, sich als gefragte Stimme zu profilieren. Der Papst und die Bischöfe sollten allerdings viel stärker zu Brückenbauern zwischen dem gesunden Eigensinn der Teilkirchen und dem Gemeinsinn der Weltkirche werden - und dies mit einer charismatischen Dreistigkeit, die ich auch den Laien beziehungsweise der kirchlichen Basis empfehle.

Joseph Ratzinger zieht sich nun in ein Kloster innerhalb des Vatikans zurück. Was wünschen Sie ihm als Mensch für seine letzten Lebensjahre?

"Ich wünsche Benedikt XVI. Befreiung vom unmittelbaren Druck der Verantwortung, aber auch gelassene Freude."

Karrer: Ich wünsche ihm, dass er über seinen Schritt Genugtuung empfinden kann und Zeit findet für all das, woran er Freude hat. Der Rückzug in ein Kloster zum Gebet und zur Meditation kann auch aus Enttäuschungen erfolgen. In diesem Sinn wünsche ich ihm auch Befreiung vom unmittelbaren Druck der Verantwortung, aber auch gelassene Freude. 

Der Papst tritt an einem Punkt zurück, an dem die Kirche sich vielerorts in einer tiefen Krise befindet. Gibt es dennoch Dinge, die Sie an ihr hoffnungsvoll stimmen?

Karrer: Auf jeden Fall! Kirche bildet bis in die lebendigen Pfarreien und Klöster hinein eine weltweite Solidaritätsgemeinschaft von Frauen und Männern, die ihresgleichen sucht. Kirche  ist auch eine 2.000-jährige Interpretationsgemeinschaft des Glaubens an einen Gott, der dem Dasein eines jeden Menschen zur Hoffnung auf Leben in Fülle werden möchte. Trotz aller geschichtlichen Veruntreuungen beinhaltet diese Kirche mit all ihren menschlichen Wunden und Wundern einen Reichtum, den ich nie selber einholen könnte. Deshalb wird die Kirche immer wieder neu lernen müssen, sich nicht zu wichtig zu nehmen, Gott immer größer zu denken und alle Karten auf ihn zu setzen. Sie ist dann im besten Sinn ein Frühwarnsystem für anstehende Sorgen und Probleme der Menschen. Ein Leuchtturm, der Licht wirft und spendet für die Navigation der Menschen auf dem Meer des Lebens.