Wie Bildung funktionieren soll

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Experten im Schulbus: Schüler erzählen von den Besonderheiten ihrer Schule

Wie Bildung funktionieren soll
Sechs Schüler-Experten klären auf
Eigenständiges Lernen, jahrgangsübergreifender Unterricht und besondere Schulfächer – die Evangelische Schule Berlin Zentrum möchte ihre Schüler zu mehr Eigeninitiative erziehen und vor allem Lust am Lernen entwickeln. Wie das funktioniert, das erzählen die Schüler persönlich. Als Bildungsexperten reisen sie durch Deutschland.

Tibor, Lara-Luna, Sarah, Linda, Fee und Rosa sind Bildungsexperten. Zwischen zwölf und vierzehn Jahren sind sie alt, besuchen alle die Evangelische Schule Berlin-Zentrum (ESBZ) und machen mit ihrer Schulleiterin Margret Rasfeld und stern-Reporter Uli Hauser eine Roadshow quer durch Deutschland. Unter dem Motto "Lernlust statt Schulfrust" berichten sie in elf Städten von dem Konzept ihrer Schule – am Sonntag machten sie in der Frankfurter Goethe-Universität Halt, knapp 1200 Zuschauer sind gekommen.  


„Die Evangelische Schule Berlin-Zentrum ist eine Gesamtschule. Die Jahrgänge, die üblicherweise die siebte, achte und neunte Klasse besuchen, bilden bei uns eine übergreifende Klasse mit 75 Schülern. Zwei Lehrer pro Klasse betreuen uns, wobei jeder Schüler in seinem eigenen Tempo den selbst gewählten Schulstoff lernt“, erzählt Tibor von den Besonderheiten der ESBZ. Sich den Schultag frei zu gestalten fördert die Eigeninitiative eines jeden Schülers: Morgens geht es als erstes  in das "Lernbüro", wo die Schüler sich die Materialien für den Tag abholen. Ist eine Einheit absolviert, können sie selbst entscheiden, wann sie die Klausur schreiben möchten. Lara-Luna beschreibt die Vorteile dieses Systems: „Uns die Entscheidung zu überlassen, wann wir unsere Klausuren schreiben, gibt uns das Gefühl, dass wir als eigenständige Personen wahrgenommen werden – mit unseren individuellen Stärken und Schwächen.“

Es zählt: Eigeninitiative statt Kontrolle

Im Krankheitsfall müssen die Schüler das Versäumte nicht rapide nacharbeiten, sondern können es in ihren eigenem Rhythmus aufholen und vertiefen. Auf diese Weise wird auch das "Bulimie-Lernen" verhindert: Die Kinder und Jugendlichen lernen nicht in erster Linie dafür, gute Noten mit nach Hause zu bringen, sondern weil sie sich selber dafür interessieren.

Noten werden erst ab der neunten Klasse vergeben. Bis dahin erfolgen die Bewertungen in schriftlicher Form: Jeder Schüler erhält von seinem Lehrer eine Einschätzung darüber, was er gut gemacht hat und was er verbessern kann. „Früher haben wir Yugi-Oh-Karten gesammelt – heute sammeln wir Zertifikate. Ein richtiger Sammelwahn ist bei uns ausgebrochen, der uns gegenseitig motiviert“, sagt Fee und lacht.

Neben der Einschätzung durch das Lehrpersonal müssen sich die Schüler auch selbst einschätzen: Täglich wird in das Logbuch, eine Art Lern-Tagebuch, eingetragen, was man bisher gelernt hat und wie man die eigene Leistung betrachtet. Auf die Zwischenfrage eines Zuschauers, wie sich die Schüler motivieren, antwortet Rosa: „Als ich auf die Schule kam, dachte ich, dass ich mich dort nicht so anstrengen muss, weil keiner kontrolliert, was, wann und wie ich lerne. Nach ein paar Wochen habe ich aber begriffen, dass ich weder für die Lehrer, noch für meine Eltern lerne. Man entwickelt die Einsicht, dass man für sich selbst und das Leben lernt.“

Wichtig: Schüler und Lehrer auf Augenhöhe

Wöchentlich helfen die zehnminütigen Gespräche mit den Tutoren, die erbrachten Leistungen realistisch einordnen zu können. Die Schüler schätzen ihre Tutoren, denn ihre Rolle erschöpft sich nicht in den sachlichen Gesprächen über Fachinhalte. „Mein Tutor ist mein ganz persönlicher Vertrauenslehrer. Mit ihm kann ich auch darüber reden, was mich privat bedrückt“, erzählt Rosa. Lara-Luna meint, dass ihr Tutor sie sogar besser kennt, als ihre Eltern. Die vertrauensvolle Beziehung zu den Tutoren ist ein wichtiger Bestandteil des schulischen Lebens.

Neben den üblichen Fächern wie Deutsch, Mathe, Fremdsprachen und Naturwissenschaften bietet die ESBZ die Lernbausteine „Herausforderung“, „Verantwortung“ und „Sprachbotschafter“ an. Bildungsexpertin Linda zum Beispiel durfte aus dem Grund mit auf die Roadshow fahren, weil sie ihr Modul "Herausforderung" noch nicht abschließen konnte. "Auf der Reise konnten wir Eltern und Lehrer darüber unterrichten, was wir unter einem neuen sozialen Miteinander verstehen. Wir durften sogar Manager von großen Unternehmen wie der Deutschen Bahn coachen“, erzählt Linda begeistert.

Laut Margret Rasfeld soll mit dem Projekt Gemeinschaftsschule der selektive Gestus des normalen Schulsystems überwunden werden. „Lernen läuft über Beziehungen. Strukturelle Defizite wie der Frontalunterricht sorgen dafür, dass Schüler und Lehrer sich nicht auf Augenhöhe begegnen“, gibt Rasfeld zu bedenken. Aufgabe der Lehrer sei es, sich intensiver mit den Schülern zu befassen und ihnen Anerkennung entgegen zu bringen – schließlich gehe die Vermehrung von Wissen nicht Hand in Hand mit der Vermehrung von Humanität.