Albert Schweitzer: "Eine Ethik, die jeden Tag aktueller wird"

Dr. Albert Schweitzer (re.) beim Aufbau des Urwaldhospitals in Lambarene (Gabun).

Foto: epd-bild/Keystone

Der Arzt und Theologe Albert Schweitzer wurde 1875 im ElsassŸ geboren. 1913 ging er nach Afrika um sein Urwaldhospitals in Lambarene (Gabun) zu gründen. 1965 starb Albert Schweitzer in Lambarene.

Albert Schweitzer: "Eine Ethik, die jeden Tag aktueller wird"
Was macht Albert Schweitzer heute noch bedeutsam? Eine Menge, sagt Einhard Weber, Vorsitzender des Deutschen Hilfsvereins für das Albert-Schweitzer-Spital Lambarene. Das Werk des gläubigen Arztes dient auch 100 Jahre später noch als Vorbild, sagt er im Interview.

2013 ist als Albert-Schweitzer-Jahr ausgerufen. Was ist der Anlass?

Einhard Weber: Der Anlass ist die Gründung des Albert-Schweitzer-Spitals vor 100 Jahren in Lambarene in Äquatorialafrika, im heutigen Gabun.

Was war damals für Schweitzer die zentrale Motivation, sich aus dem idyllischen Elsass auf ein so fremdes Terrain wie West-Afrika zu begeben?

Weber: Schweitzer hat als junger Mann bereits gedacht, dass sein privilegiertes Leben - studieren zu dürfen, Musik zu machen, hervorragende Lehrer zu haben - ihn verpflichte,  irgendwann den Menschen wieder etwas geben zu müssen. Er wollte und musste den Menschen unmittelbar dienen.

Zeigt die Entscheidung, 1913 am Vorabend des ersten Weltkriegs einen so kühnen Schritt nach Afrika zu machen, Idealismus oder eher Naivität?

Weber: Es kommt ein bisschen darauf an, was man unter Naivität versteht. Wenn es um die Realisierung von Zielen geht, ist die Bergpredigt auch naiv, weil alle behaupten, selbst Theologen, sie sei ein nicht zu verwirklichendes Ideal. Schweitzer war da anders. Er fühlte sich in der Nachfolge Jesu, als Heiler, Helfer, der einfach den Menschen hilft. Sein Verständnis von Religion war, Mensch für Menschen sein.

Macht es die Glaubwürdigkeit Schweitzers aus, dass er seine Grundsätze eben nicht nur gepredigt, sondern auch gelebt hat?

Weber: Das ist Entscheidende, diese Übereinstimmung von reden und handeln. Das ist ja das, was heute alle vermissen, sei es in der Theologie, sei es in der Politik. Es wird etwas versprochen und hinterher nicht gehalten. Bischöfe bauen sich riesige Paläste und alles Mögliche oder predigen Keuschheit und haben selbst ein riesiges Problem unter ihren Priestern.

Wie hat sich das Spital in Lambarene bis heute entwickelt?

Weber: Insgesamt hat Schweitzer sein Spital sogar dreimal aufgebaut. Das dritte ist heute noch als historisches Spital zu besichtigen. Nach seinem Tod 1965 war es an der Zeit, ein neues Spital zu bauen. Anfang der 80er Jahre ist dies dann geschehen.

"Ehrfurcht vor dem Leben in der Stille des Urwaldes"

Worin liegt die Bedeutung des Spitals in der Sicht über 100 Jahre?

Weber: Es hat mit Sicherheit Pioniercharakter. Als Schweitzer dort hinkam, gab es keinen Arzt in der ganzen Gegend. Außer einem Ärztehaus, was die Missionare ihm zur Verfügung stellten, war nichts. Er hat dann - als Baumeister - nach und nach ein Haus nach dem anderen gebaut und alles allein finanziert. Durch die Mittel, die ihm erfolgreiche Bücher, Vorträge und Orgelkonzerte einbrachten. Dabei halfen ihm auch Freunde und Spender.

Schweitzer hat Zeit seines Lebens für sein Projekt Spenden gesammelt. Wie finanziert sich das Spital heute?

Weber: Heute bezahlt einen größeren Teil der Staat Gabun, zum Beispiel die Gehälter der Ärzte und des Stationspersonals. Auch die Patienten müssen zahlen, aber im Unterschied zu fast allen anderen afrikanischen Staaten nicht die gesamten Kosten. Auch Mittellose werden behandelt, keiner wird abgewiesen. Damit für diese Versorgung ein moderner Standard gesichert ist, braucht man die Hilfsvereine. Der deutsche Hilfsverein ist finanziell der zweitstärkste, nach dem der Schweiz. Wir engagieren uns da jedes Jahr mit ungefähr 200.000 Euro.

Der Friedensnobelpreisträger Schweitzer steht für ein ethisches Prinzip: die Ehrfurcht vor dem Leben. Wie ist er zu dieser Position gelangt?

Weber: Er hat schon als sehr junger Mann über unsere Kultur nachgedacht. 1900 war er der Überzeugung, dass wir, wie er am Anfang seines ersten Bandes der Kulturphilosophie 1923 schreibt, "in einem Zeitalter des Niedergangs der Kultur leben", weil die Ethik fehle. In der Stille des Urwalds kam er auf den Begriff: Ehrfurcht vor dem Leben. Dessen elementarer Ausgangspunkt lautete: "Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will."

"Der verantwortliche Umgang mit der Schöpfung ist lebensnotwendig"

Ist Schweitzers Credo eventuell heute noch eine Antwort auf das ethische Vakuum der modernen Gesellschaft?

Weber: Ganz sicher. Schweitzer hat die Philosophie angeschuldigt, sich mit dem Problem der Ethik seit 1850 nicht mehr auseinandergesetzt haben - wenn überhaupt, dann nur peripher. Die Schere zwischen dem, was wir mittlerweile zerstörerisch können, und dem, wie wir verantwortlich mit dieser Erde umzugehen hätten, ist einfach immer größer geworden. Wir brauchen ganz, ganz dringend eine Basis, um diese Schere wieder enger zu machen. Diese Basis ist Schweitzers Philosophie der Ehrfurcht vor dem Leben.

Kommt dieser Ethik eine Gültigkeit über sein Leben hinaus zu?

Weber: Also für mich ist sie ewig gültig. Und sie wird mit jedem Tag aktueller, weil eben die Gefährdung der Erde jeden Tag größer wird. Die Umweltveränderungen sind so radikal und so zerrüttend. Die Wahrscheinlichkeit, dass etwa die Klimaveränderung zu Ende oder Mitte des Jahrhunderts zu einer doch erheblichen Katastrophe führen wird, ist sehr groß. Deshalb ist der verantwortungsvolle Umgang mit der Schöpfung lebensnotwendig.

Ist die Quelle der ethischen Grundbotschaft Schweitzer eine religiöse oder eine über das Religiöse hinausgehende?

Weber: Sie ist sicher auch religiös fundiert. Aber sie geht über das Religiöse hinaus, weil sie eine aus dem Denken geborene, also im Grunde genommen philosophische Botschaft ist.

"Schweitzer kann eine große Hilfe sein"

Es ist immer wieder erfreulich zu erleben, dass junge Leute auf der Suche nach Sinnkategorien sind. Können ihnen Botschaft und Leben Schweitzers etwas geben?

Weber: Ja, und zwar deshalb, weil junge Menschen durchaus ansprechbar sind auf einfache Formeln, die klar machen, wofür sich zu leben lohnt. Für mich gibt es überhaupt nichts Sinnvolleres als für andere Menschen da zu sein, Menschen zu helfen. Das wissen junge Leute intuitiv genauso. Bloß, man fördert es nicht, und das ist das große Problem.

In Lambaréné gründet Nobelpreisträger Albert Schweitzer ein Urwaldspital - und widmet den Kranken sein Leben. Arnd Brummer berichtet über das große Vorbild.

Sie setzen also mit Schweitzer einen Kontrapunkt zu der von den Medien vor allen Dingen  verstärkten Attitüde, das Ego, das Ich-Casting mehr und mehr zur Richtschnur des eigenen Verhaltens zu machen?

Weber: Wenn es Egoismus ist, dann ja. Differenzierter ist es zu sehen, wenn es der Weg zu sich selbst ist, im wirklichen Nachdenken über den Sinn des eigenen Lebens. Für diejenigen, die sich darum bemühen, kann Schweitzer eine sehr große Hilfe sein. Mir war er zum Beispiel eine.

Der Arzt von Lambarene hat sich immer auch persönlich in die Öffentlichkeit begeben, auf Tribünen und Podien, um für sein Spital Spenden zu sammeln. Würde er heute in eine Fernseh-Talkshow gehen?

Weber: Gute Frage. Wenn es kritisch wäre um Lambarene und er das Spital am Leben erhalten wollte, gerade heute, ja, dann würde er es meiner Ansicht nach tun.

"Unsere Welt braucht die Reaktivierung der Humanität"

Schweitzer war Zeit seines Lebens der Orgel, ihrer Weiterentwicklung und auch Johann Sebastian Bach und seinem Orgelwerk eng verbunden. Das Jubiläumsjahr 2013 ist mit einer großartigen Serie von mehr als 150 Orgelkonzerten gekoppelt. Was ist der Sinn?

Weber: Wir haben uns gemeinsam mit Organ Promotion überlegt, wie wir Schweitzer den Tausenden, die sich für Orgel- und Kirchenmusik interessieren, vielleicht auch für neue Kompositionen in seinem Geiste, näherbringen können. Ferner haben wir nach einem Weg gesucht, das Spital in Lambarene sowie die Menschen dort unterstützen zu können. Die Orgelkonzerte in Deutschland und einer Reihe weiterer europäischer Länder sind das Ergebnis dieser Überlegung. Es werden Benefizkonzerte für Lambarene sein, mit dem Ziel, die dringend erforderliche Renovierung der gesamten Klinik einschließlich des Neubaus des Kindergartens zu ermöglichen.

Was ist das Konzept dieser Konzerte?

Weber: Anfänglich haben wir 500 Organisten angeschrieben haben. Unser Ziel waren eigentlich 52 Konzerte. Die Resonanz auf Schweitzer und die Orgel war so überwältigend, dass wir jetzt beim Dreifachen angekommen sind. Im Grunde genommen, übersteigt dies unsere Kapazität für Organisation, Werbung und anderes. Wir sind dessen ungeachtet entschlossen, das gesamte Projekt zu realisieren, um Schweitzer wieder ins Bewusstsein zu rücken und Geld für Lambarene zu sammeln.

Sie haben den evangelischen Theologen Friedrich Schorlemmer als Schirmherrn für das Projekt gewonnen. Wie ist es dazu gekommen?

Weber: Ich habe ihn bei einer Tagung als Redner erlebt und ihm das spontan angetragen. Er war sehr einverstanden. Schorlemmer ist außerdem Autor eines Schweitzer-Buches. Es ist ein sehr appellatives Buch. Seine Zusage hat mich sehr gefreut. Schorlemmer ist doch auch eine bekannte Größe im Umbruch bei der Wende zur deutschen Einheit. Er geht mit uns hoffentlich einen Schritt in Richtung einer Reaktivierung der Humanität. Unsere Welt braucht sie.