Neue Arte-Doku: "Woran wir glauben"

Szene aus Film mit Nonnen in einem Kloster
arte (screenshot)
Woher kommen wir? Warum leiden wir? Und woran halten wir uns fest, wenn die Welt unbegreiflich wird? Die Dokureihe geht den ältesten Fragen der Menschheit nach.
Interview mit Filmautor Knigge 
Neue Arte-Doku: "Woran wir glauben"
Immer mehr Menschen wenden sich von der Kirche ab. Aber der Glaube an sich scheint unvermindert mit der Menschheit verbunden zu sein. Woran glauben wir aber in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist? Marion Sippel von dem TV-Sender Arte fragt dazu den Filmautor Jobst Knigge.

Marion Sippel: Herr Knigge, bevor wir uns darüber unterhalten, woran wir glauben, gehen wir mal einen Schritt zurück. Was ist denn Glaube? Wie würden Sie Glauben definieren?

Jobst Knigge: Sie fangen gleich mit der ganz großen Frage an! Glaube ist das, was sich nicht durch bestimmte Dinge erklären lässt, glaube ich. Glaube ist, dass es außerhalb des von uns Erfahrbaren noch etwas anderes gibt, was passiert im weitesten Sinne der Welt, würde ich sagen.

Der erste Teil Ihres Films hat den Titel "Die Natur des Menschen". Liegt es in der Natur des Menschen an irgendwas oder an irgendwen zu glauben? Ist es die Suche nach Sinn, nach Hoffnung oder Trost?

Knigge: Ich glaube genau das. Ja, auf jeden Fall lässt sich das erkennen, soweit man zurückgeht in menschliche Erzählung. Schon allererste Höhlenmalereien, alles hat etwas mit Glauben zu tun. Es werden sehr oft Dinge, die Menschen glauben, beschrieben. Ich war in Südafrika in der Kalahari-Wüste und habe mich da mit den San-People getroffen. Die gelten als eine der ältesten Kulturen, die es überhaupt gibt. Und schon die haben uralte, übertragene Glaubensformen. Also jede Kultur, die man kennt und die man beschreibt, hat bestimmte Formen des Glaubens.

Die großen Kirchen, ich habe es eben schon gesagt, verlieren immer mehr Mitglieder. Wohin wenden sich die Menschen, die aus der Kirche austreten?

Knigge: In ganz viele verschiedene Richtungen. Die Leute machen Yoga, sie machen Meditation, sie haben Gurus, sie glauben an irgendwelche Formen der Geister. Also es gibt ganz viele Bereiche, in die die Menschen gehen, um dieses Bedürfnis nach Glauben - was wir jetzt versucht haben herauszufinden, ob es das überhaupt gibt - erfüllen zu können.

Womit wir beim zweiten Teil Ihres Films wären: "Götter, Geister, Gurus". Wohin hat Sie Ihre Reise auf der Suche nach dieser Form von Glauben oder Spiritualität geführt? Sie haben gerade schon die Kalahari-Wüste erwähnt. Wo waren Sie noch?

Knigge: Ach, ich war überall. Das war eine irre Reise. Ich war in Indien, habe mich mit Sadhguru getroffen. Das ist einer der Gurus, die zurzeit auf der Welt Furore machen. Wir waren in Frankreich, in den Wäldern Frankreichs und haben mit Druiden gesprochen. Wir waren in Japan und haben junge Menschen beobachtet, deren Glaubensformen im Grunde genommen auf Popstars gerichtet sind. Wir waren in Dubai und haben mit einem Astro-Wissenschaftler geredet. Wir waren in der Ukraine an der Front mit einem Priester, der sich da um Soldaten kümmert. Es war eine Reise rund um die Welt, um die Götter der Menschen zu finden.

Den Astrophysiker fand ich spannend, weil er als Wissenschaftler ja trotzdem in einer gewissen Form einen Glauben verspürt, den er in der Natur findet. Das kann ich gut nachvollziehen. Japan haben Sie gerade angesprochen und da bezeichnen sich ja viele Menschen als ungläubig, verehren aber wie Sie es gesagt haben, Popstars oder Anime-Figuren göttergleich. Wie lässt sich das denn erklären?

Knigge: Wir haben versucht herauszufinden, ob es so einen wirklichen Bedarf nach Spiritualität gibt. Den Bedarf danach, irgendetwas anderes zu haben außer dem alltäglichen Leben. Es gibt eben Wissenschaftler in Japan, die sagen, dass Popstars und wir müssen alle nur an die Swifties, also die am Taylor Swift Fans denken, Kult sein können. Das ist eine ähnliche Geschichte: man sucht sich jemanden, den man vergöttert und anguckt, dessen Regeln man folgt, weil es offensichtlich ein tief innen liegendes Bedürfnis der Menschen danach gibt, was die Kirchen bei uns eben oft genug nicht mehr erfüllen können. 

Kann das gefährlich werden?

Knigge: Ja, klar. Auch das lässt sich seit Beginn erzählen. Glaube führt sehr oft in Religion. Und wir haben ganz klar versucht, über Glauben zu reden, nicht über Religion. Aber welches Unheil Religion in der Welt angerichtet hat, weiß, glaube ich, jeder. Wir müssen jetzt nur gerade in die Welt gucken. In Israel ist Krieg, der im Grunde genommen religiös begründet wird zwischen Juden und Muslimen.

Wenn wir Glauben in erster Linie als etwas Positives betrachten und Kitsch und Kult und Gefahr außen vor lassen, dann kommen wir zum letzten Teil Ihres Films: "Eine bessere Welt". Brauchen Menschen den Glauben an das Gute als eine Art inneren Kompass?

Knigge: Ja, ich glaube nicht nur an das Gute, auch an die Gemeinschaft. Das ist, was Glaube auch oft tut, es verbindet miteinander. Wir haben herausfinden, dass wenn man unsere Natur als etwas Göttliches beschreibt, dann will man sie schützen, schützen, was wir brauchen. Aber die Gemeinschaft ist auch einfach wichtig. Alles, was man gemeinsam tut, jedes Schicksal, das man gemeinsam erträgt, wird leichter. Und das ist das, was Glaube irgendwie schaffen kann.

Das passt zu meiner nächsten Frage. Im ersten Brief Johannes heißt es, Gott ist die Liebe. Hat Glauben etwas mit Liebe beziehungsweise Liebe etwas mit Glauben zu tun?

Knigge: Ja, ich glaube ja. Auf verschiedene Art. Wir haben bei der Entstehung der Reihe gemerkt, dass wir da ganz unterschiedlich rangegangen sind. Ich bin protestantisch aufgewachsen und bin da irgendwie so drin. Meine Kollegin Suse Utzt, die kommt aus dem ehemaligen Osten und hat sich sehr spät selber taufen lassen. Cristina ist aus einer jüdischen Familie und hat heute eigentlich gar nichts mehr mit Glauben zu tun. Glauben ist auch immer etwas, was diskutiert wird und worüber man redet. Wir haben irre diskutiert darüber, was ist es denn eigentlich und was bedeutet das? Ich glaube, dass Liebe immer das ist, was die Menschen sich erhoffen und dass der Glaube das bringen kann.

In unserem letzten Gespräch haben Sie gesagt, Sie machen nur noch Filme, die Hoffnung machen. Macht Ihnen Glaube Hoffnung oder die Begegnung mit den Menschen, die Sie für diesen Film getroffen haben?

Knigge: Ja, also ich bin wirklich sicher, dass das, was Glaube im besten Sinne erfüllen kann, etwas ist, was unserer Welt gut tut. Weil man weggeht von sich selbst und hingeht in eine große Gemeinschaft und das ist das, was wir brauchen. Woran wir glauben!

ARTE zeigt die dreiteilige Doku am 3. Oktober ab 21.40 Uhr und schon ab 22. September auf arte.tv.