Fliesen aus Buchenwald, Holzdielen aus Sachsenhausen

Fliesen aus Buchenwald, Holzdielen aus Sachsenhausen - Osnabrücker Grafiker zeigt erstmals Fotos von Fußböden in NS-Gedenkstätte

Foto: epd-bild/Detlef Heese

Grafiker Thomas Stüke: "Die Fußböden stellen die unmittelbarste Berührung mit der historischen Dimension dar. Auf ihnen standen Täter und Opfer."

Fliesen aus Buchenwald, Holzdielen aus Sachsenhausen
Der Osnabrücker Grafiker Thomas Stüke bringt die NS-Kultur auf den Boden zurück, im wörtlichen Sinne. Er zeigt dafür erstmals Fotos von Fußböden in NS-Gedenkstätten - und will die Menschen da abholen, "wo sie stehen".

Die Fußgängerzone ist gut besucht an diesem Morgen in Osnabrück. Männer, Frauen, Familien, Jugendliche schlendern vorüber, reden, betrachten die Schaufenster. Wahllos lässt Thomas Stüke Kunststoffplatten zu Boden gleiten.

Auf einem Quadratmeter sind darauf in Originalgröße Fotos von Fußböden zu sehen: Rote Tonfliesen, von Furchen durchzogener Beton, abgelaufene Holzdielen. Fußböden liegen auf Fußböden. Menschen gehen achtlos vorbei, einige betreten die Bilder. Ein Mann fragt, was das sei. "Das sind Fliesen aus dem Konzentrationslager Buchenwald", erklärt Stüke. Der Mann tritt erschrocken zurück. Er hält stumm inne. Dann geht er weiter.

Insgesamt 16 Gedenkstätten hat Stüke bereist. Die Fotos entstanden in den ehemaligen Konzentrationslagern Bergen-Belsen, Theresienstadt oder Moringen, im früheren Reichssicherheitshauptamt in Berlin, im Haus der Wannseekonferenz in Berlin und in der Euthanasie-Tötungsanstalt Hadamar bei Limburg.

Erschrecken vor der historischen Dimension

Die Fotos führen den Betrachter oft unbewusst von der Gegenwart direkt in die Vergangenheit. Dabei spielt der Grafiker mit der Spannung zwischen der Banalität des Alltags und dem Erschrecken vor der historischen Dimension. Als Bespiel nennt er ein Foto von Treppenstufen - es zeigt die Stufen zur Osnabrücker Studentenkneipe "Unikeller". Sie führten damals zu den Kellerräumen der örtlichen Gestapo: "Die Böden wirken profan, zeitlos und austauschbar."

Stüke, der in der Nähe von Osnabrück lebt, will mit der Arbeit auch einen Kontrapunkt zur üblichen Gedenkstätten-Arbeit setzen: "Die Menschen lassen sich nur schwer künstlich 70 Jahre zurückversetzen. Ich will sie im wahrsten Sinne des Wortes dort abholen, wo sie stehen."

Die Idee hatte der studierte Historiker, Grafiker und gelernte Baukeramiker bereits vor 20 Jahren bei einem Besuch der Gedenkstätte Plötzensee für die Opfer des Nationalsozialismus in Berlin. Doch erst die digitale Fotografie machte eine relativ kostengünstige Umsetzung möglich. Die Ursprünge der Idee reichen aber wahrscheinlich noch weiter zurück, vermutet er selbst. Seine Eltern haben ihm als dem mit Abstand jüngsten Sohn all ihre Erlebnisse als Soldat und Rot-Kreuz-Schwester im Warschauer Ghetto erzählt: "Ich habe gespürt, wie sie haderten mit dem Lauf der Geschichte und damit, dass sie nicht anders gehandelt hatten."

Stüke: "Gepackt hat es mich erst später"

Er selbst hat das Fotografieren an den Orten des Grauens meist professionell hinter sich gebracht: "Gepackt hat es mich erst später, beim Betrachten der Bilder." Da ist zum Beispiel der Fußboden aus der Pathologie in Buchenwald: "Als ich das Foto anschaute, dachte ich plötzlich daran, dass der Raum über dem Fußboden damals bis zur Decke mit Leichen vollgestapelt war."

Von diesem Sonntag an bis zum 27. Januar werden die Fotos von Fußböden aus Gedenkstätten erstmals öffentlich präsentiert. Unter dem Titel "vorort - Begangene Geschichte" werden sie an historischen Orten in Osnabrück und der Region ausgestellt. Die Fußböden stellen für Stüke dabei die unmittelbarste Berührung mit der historischen Dimension dar, denn "auf ihnen standen Täter und Opfer."