Unerwarteter Dialog im "Basiswissen Bibel"

Serie: Die Bibel für Nicht-Theologen

Christain Baitg/iStockphoto

Unerwarteter Dialog im "Basiswissen Bibel"
Evangelisch.de-Redakteurin Juliane Ziegler geht wieder in die Uni. Ein Semester lang beschäftigt sie sich im Seminar "Basiswissen Bibel" mit dem Buch der Bücher. Heute: Vom Umgang mit heiligen Schriften und einem "Dialog-Training".

Niemals würde die Studentin den Koran in einer Tasche unter dem Tisch auf dem Boden liegen lassen. Er gehört auf den Tisch, nicht auf den Boden. Und zuhause hat die Schrift ihren festen Platz: Ganz oben im Regal, über den anderen Büchern, erfahre ich.

Bevor wir uns im Seminar "Basiswissen Bibel für Nicht-Theologen" an der Universität Frankfurt mit konkreten Texten aus der Heiligen Schrift beschäftigen, geht es erst einmal um die Bibel als Ganzes. Gleich zu Beginn kommt die Frage auf: Wie ist mit der Heiligen Schrift eigentlich umzugehen? "Ich besitze zum Beispiel neben meiner 'guten' Bibel eine Arbeitsbibel", sagt Dozent Christian Stein. Da kleben Zettelchen drin, sind Stellen mit Textmarker angestrichen und Notizen an den Rand geschrieben. "Nein, das ist für mich unvorstellbar", wendet die Studentin der Islamischen Studien ein.

Eine rege Diskussion beginnt, sowohl zwischen Muslimen und Christen, als auch zwischen Muslimen untereinander: "Notizen und Anmerkungen sind schon okay", bewertet ein Student der Islamischen Studien Christian Steins Arbeitsbibel. "Aber Kritzeleien wären respektlos!" Es gehe doch um den Inhalt und das Verständnis der Schrift, nicht um die Form, die Materie, erwidert ein anderer Student: "Wenn ich mir die Bibel als E-Book herunterlade oder Teile davon auf meinem Smartphone lese, dann kommt es doch auf die Aussage an, nicht auf die Form!"

Es geht hier um die Bibel, nicht um irgendein Buch

Christian Stein unterrichtet "Basiswissen Bibel". Foto: privat

Um mehr über die Bibel zu erfahren, deshalb bin ich hier. Genau wie die Germanisten, Politikwissenschaftler, Studierenden der Kunstgeschichte oder der Islamischen Studien – vor allem geisteswissenschaftliche Fächer sind vertreten. Ich erlebe: Einen Vergleich zwischen Bibel und Koran, einen Austausch zwischen Christen und Muslimen. Unerwartet, aber interessant. Und so sind es an diesem Tag die unterschiedlichen Ansätze, die deutlich machen: Hier Seminar geht es nicht um irgendein Buch.

Hinter mir sitzt Sara Lodin-Schokory, sie hat die Diskussion über den Umgang mit heiligen Schriften aufmerksam verfolgt. Wie etwa die Hälfte der Teilnehmer des Seminars studiert auch sie Islamische Studien. "Basiswissen Bibel" besucht die 22-Jährige einerseits, weil die Studienordnung es verlangt: Einen interreligiösen Kurs müssen die Studierenden der Islamischen Studien besuchen, in der Judaistik, der evangelischen oder der katholischen Theologie, erzählt sie mir. Anderseits betont sie: "Ich finde es sehr wichtig, auch von anderen Religionen etwas zu lernen. Man bildet sich viel zu schnell eine Meinung ohne wirklich Ahnung von den Inhalten zu haben. Und sofort entstehen Vorurteile!"

Es gebe ein großes Bedürfnis an Dialog bei den Studierenden der Islamischen Wissenschaften, so Christian Stein, das habe er auch im vergangenen Semester gemerkt. "Na klar, wir Theologen müssen den Austausch schließlich fördern. Um Gemeinsamkeiten zu finden, auch Gegensätze. Und die Unterschiede dürfen wir auf keinen Fall tabuisieren", bestätigt Studentin Sara Lodin-Schokory den Eindruck.

Sara Lodin-Schokory studiert im fünften Semester Islamische Studien. Foto: evangelisch.de

Weiter geht die Diskussion im Hörsaal mit der Frage: Hat eine Übersetzung eigentlich die gleiche Gültigkeit wie ein Originaltext? Während im Judentum und im Islam nur der Originaltext zähle, sei die Spannweite im Christentum größer, erklärt Christian Stein. Es gibt viele verschiedene Bibel-Übersetzungen, und jede Übersetzung bedeutet auch: Interpretation. "Was ist denn zum Beispiel mit einer Kinderbibel", wirft er in den Raum, "hat sie die gleiche Gültigkeit, wenn die Bibeltexte in Bildern dargestellt werden?"

Training für den Dialog zwischen den Religionen

Sara Lodin-Schokory gefällt es, Fragen dieser Art zu diskutieren, Vergleiche zu ziehen, vom Christentum mehr zu erfahren: "Das ist ja ein gutes Training für uns, einen Dialog zwischen den Religionen friedlich zu führen!" Vielleicht, meint sie, scheue man die Auseinandersetzung manchmal aus Unwissenheit. Da kann das Seminar "Basiswissen Bibel" Abhilfe schaffen, ein Fundament bilden, so ihre Hoffnung. Ihr sei zum Beispiel der Gegensatz zwischen dem Alten und dem Neuen Testament bisher nicht bewusst gewesen. Doch nicht nur die Unterschiede interessieren sie: "Wenn es um Geschichten geht, die in ähnlicher Form auch im Koran auftauchen, einige Prophetengeschichten zum Beispiel, dann wird es spannend."

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Während des Seminars gibt es immer wieder Situationen, in denen Christian Stein nicht umhin kommt, die Diskussion zu bremsen. Er tut es widerwillig: "Diese Veranstaltung heißt leider nicht 'Wir vergleichen das Christentum mit dem Islam', oder die Bibel mit dem Koran." Natürlich sei es gut, wenn der Austausch stattfinde, das stehe außer Frage. Aber letztendlich sprenge das den zeitlichen Rahmen – eineinhalb Stunden pro Woche sind nicht viel, um den Studenten ein Grundwissen über die Bibel zu vermitteln.

Ob der Zugang zu den Bibeltexten in den kommenden Wochen auch durch den Dialog funktioniert? Ich bin gespannt.