Kolumbiens Chance zum Frieden

Friedensprozess Kolumbien

Foto: dpa/Christian Escobar Mora

Mitglieder der kolumbianischen Rebellenorganisation Farc (Revolutionary Armed Forces of Colombia) patrouillieren an einer Straße in der Nähe von Toribio.

Kolumbiens Chance zum Frieden
Ab Donnerstag geht es um Inhalte: Wenn die Unterhändler von Kolumbiens Regierung und der FARC-Guerilla zusammenkommen, steht auf der Agenda zunächst die Landfrage. Sie war der Grund dafür, dass die Rebellen sich vor fast 50 Jahren erhoben.

Die Chancen stehen besser als jemals zuvor - darin sind sich fast alle einig. Es könnte aber auch auf lange Zeit die letzte Gelegenheit für Kolumbien sein, den blutigen Bürgerkrieg zu beenden, der das Land seit fast 50 Jahren erschüttert. "Die Regierung und die FARC-Guerilla haben die feste Absicht, eine Vereinbarung zu erreichen", sagte der Generalsekretär der Versöhnungskommission der katholischen Bischofskonferenz Kolumbiens, Darío Echeverri. "Aber die Vorstellungen sind in vielen Bereichen - wie der Landfrage - sehr unterschiedlich."

Der Zugang zu Land ist das erste Thema bei den Friedensverhandlungen, die auf inhaltlicher Ebene am Donnerstag in Kuba starten sollen. Der Chefunterhändler der Regierung, Humberto de la Calle, nennt die Landfrage das Epizentrum des Konflikts. Denn sie war Hauptgrund der überwiegend aus Kleinbauern bestehenden FARC, 1964 ihren bewaffneten Kampf aufzunehmen. Die letzten Verhandlungen mit der größten Guerillagruppe des Landes mit derzeit etwa 10.000 Kämpfern scheiterten 2002, damals waren die Aufständischen auf dem Höhepunkt ihrer Macht.

Die FARC: Nicht so geschwächt, dass sie kapitulieren würden

Nach UN-Angaben besitzen derzeit 1,15 Prozent der Bevölkerung 52 Prozent des Landes, während knapp 80 Prozent der Kolumbianer nur über zehn Prozent des Bodens verfügen. "Das ist beschämend", urteilt Echeverri. Bis zu zehn Millionen Hektar nutzbares Land wurden den Kleinbauern gewaltsam entwendet, um Koka anzupflanzen, Plantagen anzulegen oder Rohstoffe abzubauen. Verantwortlich waren meist paramilitärische Milizen im Auftrag von Unternehmern, Militärs und Großgrundbesitzern, die den Rückhalt der jeweiligen Regierungen hatten. Mehr als vier Millionen Menschen wurden vertrieben.



"Bis vor kurzem mangelte es den Politikern am Willen, die Ursachen anzugehen", sagt Echeverri. Ein Gesetz zur Landrückgabe an Vertriebene trat erst 2011 in Kraft. "Die Umsetzung erfolgt sehr langsam, aber es tut sich etwas." Die Regierung von Präsident Juan Manuel Santos hat mit diesem und anderen Gesetzen wie der Opferentschädigung den Weg bereitet für ein Ende des Krieges. "Der bewaffnete Konflikt ist ein Anachronismus, er hat keinen Sinn", betont denn auch Chefunterhändler de la Calle.

Neu ist nach Einschätzung der Friedensforscherin Silke Pfeiffer auch, dass die FARC sich darauf eingelassen haben, das Ende des Konflikts als einziges Ziel der Verhandlungen zu akzeptieren. "Sie wollen diesmal nicht das Land verändern", sagt die Kolumbien-Direktorin der "International Crisis Group". Die FARC seien geschwächt, aber nicht so, dass sie kapitulieren würden. "Aber die älteren Mitglieder der Führungsriege müssen sich fragen, was ihr Vermächtnis ist", sagt Pfeiffer. "Es ist womöglich ihre letzte Chance, einigermaßen erhobenen Hauptes aus dem Kampf zu kommen und einige Punkte ihrer Agenda durchzusetzen."

Die meiste Gewalt gibt es nach Friedensverträgen

Dieser Prozess könnte die kleinere der noch aktiven Guerillas in Kolumbien, ELN ("Heer zur nationalen Befreiung"), mit etwa 3.000 Kämpfern ebenfalls zu Verhandlungen bewegen. Die Regierung hat bereits Bereitschaft dazu signalisiert.

Die Bevölkerung ist Pfeiffer zufolge skeptischer als bei den letzten Verhandlungen mit den FARC. Pfarrer Echeverri sieht dies ähnlich: "Die kolumbianische Gesellschaft wird von Misstrauen beherrscht." Die Regierung und die FARC misstrauten sich gegenseitig, die Bevölkerung misstraue Regierung und FARC. Die Bevölkerung müsse aber das Gefühl haben, ihre Belange flössen in die Verhandlungen ein. Doch die derzeit laufenden regionalen Gesprächsrunden zwischen staatlichen Vertretern und gesellschaftlichen Gruppen machten nicht diesen Eindruck: "Sie wirken improvisiert und als Pflichtübung, ich glaube nicht, dass sie die Konfliktursachen ergründen sollen."

Die eigentliche Arbeit beginne ja ohnehin erst nach den Verhandlungen, betont Echeverri. "Wir müssen vergeben und uns versöhnen." Vergeben könnten nur die Opfer, aber die Kirchen könnten zu einer Stimmung beitragen, in der das möglich sei. "Ich will nicht, dass sich in Kolumbien die Geschichte Mittelamerikas wiederholt, wo die höchsten Gewaltraten nach Unterzeichnung von Friedensverträgen verzeichnet werden. Wir brauchen einen stabilen Frieden."