Ein Leben nach der Angst

Rostock, Kröpeliner Straße: Weit weg von dem  Sonnenblumenhaus im Plattenbauviertel Lichtenhagen wo vor 20 Jahren die fremdenfeindlichen Übergriffe stattfanden.

Foto: mauritius images/Peter Lehner

Die Rostocker Innenstadt.

Ein Leben nach der Angst
Nach den Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen gründete sich 1992 der Verein Dien Hong. 20 Jahre später ist er eine zentrale Größe in der interkulturellen Arbeit der Stadt - und längst aus dem Schatten der Gewalt herausgetreten.

Vu Thanh Van war noch nie am Sonnenblumenhaus. Sie sitzt an einem Schreibtisch im ersten Stock des Waldemarhofs in der Rostocker Kröpeliner-Tor-Vorstadt. Hier wohnen Studenten in sanierten Altbauten, es gibt Sushi-Bars, Kneipen und Cafés. Die Gegend, von den Rostockern KTV genannt, gilt als Szeneviertel.

Weiter weg vom Sonnenblumenhaus im Plattenbauviertel Lichtenhagen kann man innerhalb der Stadtgrenzen nicht kommen. Vu arbeitet für den Verein Dien Hong als Bildungsreferentin. Die 40-jährige Vietnamesin ist promovierte Verwaltungswissenschaftlerin und hat in Vietnam die Modernisierung der staatlichen Verwaltung begleitet. Sie lebt seit 2008 mit Mann und Kind in Rostock. Natürlich kennt sie die Entstehungsgeschichte des Vereins, der ohne die Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen von 1992 nicht existieren würde.

Damals wurden mehr als 100 vietnamesische Vertragsarbeiter zusammen mit dem damaligen Rostocker Ausländerbeauftragten und einem Kamerateam des ZDF Opfer der gewalttätigsten fremdenfeindlichen Übergriffe der deutsche Nachkriegsgeschichte. In Todesangst flohen sie unter den Rufen "Ausländer raus!" und "Wir kriegen euch alle!" in dem brennenden Haus mit den stilisierten Sonnenblumen an der Seitenfront nach oben und fanden letztendlich über das Dach einen Ausweg in einen anderen Hausaufgang.

Märchenstunden und Gesundheitsabende

Um das Erlebte zu verarbeiten, als Interessenvertretung und kulturelle Plattform gründete sich anschließend der Verein Dien Hong. Im Laufe der vergangenen 20 Jahre hat sich der Verein gewandelt, ist seit 1997 auch für Migranten und Deutsche außerhalb der rund tausendköpfigen vietnamesischen Gemeinschaft offen.

Die Angebotspalette ist groß: Sprachkurse, Integrationskurse, gemeinsame Feiern, internationale Märchenstunden, Gesundheitsabende und Sport, Ausbildung von Sprach- und Integrationsmittlern. Dien Hong war der erste Verein in Rostock, der Migranten vertreten hat, und ist in den vergangenen Jahren zu einer Instanz geworden. "Dien Hong hat eine Schlüsselposition für die Integrationspolitik der Stadt", sagt die Rostocker Integrationsbeauftragte Stefanie Nelles.

Wenn Vu sagt, dass die Vergangenheit zwar wichtig ist, der Blick nach vorne aber Vorrang haben müsse, lässt sich daraus auch der Schluss ziehen, dass die Ausschreitungen 1992 ihre dominierende Rolle für die Integrationspolitik in Rostock verloren haben. Sei es, weil die Gewalt als Ausgangslage für alltägliche Integrationspolitik eine zu große Hypothek darstellt, oder weil sich in Rostock wirklich etwas verändert hat: "Für meine Arbeit hat das keine Bedeutung mehr", sagt Vu.

Bevor Vus Mann einen Job in Rostock bekam, hatte sie weder von den fremdenfeindlichen Angriffen, noch von der Stadt jemals gehört. "Rostock war nicht in meinem Kopf", sagt sie. Den bürgerkriegsähnlichen Szenen, dem Hass und der Gewalt, steht sie genauso ungläubig und hilflos gegenüber, wie die meisten Menschen, die Bilder von damals betrachten. "Da muss doch ein Missverständnis zu Grunde liegen", sagt sie, etwa "falsche Vorurteile". "Da wurde zu wenig kommuniziert, es gab keinen guten Austausch zwischen Deutschen und Migranten", mutmaßt Frau Vu.

Lichtenhagen - kein Thema mehr

In wenigen Tagen wird in Rostock an den 20. Jahrestag der damaligen Ausschreitungen erinnert. Im Rahmen der städtischen Initiative "Lichtenhagen bewegt sich" hat der Verein Dien Hong im Juni einen Gesprächskreis über vietnamesische Lebensgeschichten in Rostock ins Leben gerufen. Lichtenhagen war bisher kaum Thema - es fehlen die Zeitzeugen. "Von den Gründern ist niemand mehr im Verein aktiv", sagt Vu, "und zu unseren Gesprächsrunden kam keiner, der die Ausschreitungen miterlebt hat."

Die Stadt bereitet sich seit einem Jahr darauf vor, im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen. Am 26. August wird Bundespräsident Joachim Gauck eine Gedenkrede halten, Liedermacher Gerhard Schöne will Kinderlieder aus aller Welt singen, und hinter der Bühne soll es einen interreligiösen Dialog geben. Auch Vu Thanh Van wird dabei sein. Und das erste Mal direkt vor dem Haus mit den Sonnenblumen stehen.