Wenn Gemeindeglieder ihr Geld mit Waffen verdienen

Waffenproduktion

Foto: photocase/Elisabeth Grebe

In vielen Gemeinden, die von der Rüstungsindustrie profitieren, ist die Waffenproduktion kein Thema. Das soll sich ändern.

Wenn Gemeindeglieder ihr Geld mit Waffen verdienen
Renke Brahms, Friedensbeauftragter der EKD, plädiert im Interview dafür, dass mehr Geld in den zivilen Ausbau und in die Entwicklungshilfe als in Waffen gehen soll. Skandalös sei, dass Deutschland so viele Kleinwaffen exportiere und die meisten Menschen auf der Erde durch solche Waffen getötet werden. Er setzt sich dafür ein, dass das Thema der Rüstung auch in den Gemeinden zur Sprache kommt, in denen Gemeindemitglieder ihren Lebensunterhalt in Rüstungsunternehmen verdienen.
Deutschland spricht 2019

Deutschland ist der drittgrößte Waffenexporteur der Welt. Passen Rüstungsindustrie und christlicher Glaube zusammen?

Renke Brahms: Betrachtet man den Rüstungsexportbericht der "Gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung" (GKKE) der katholischen und evangelischen Kirche, sieht man, dass Deutschlands Waffenexport in den letzten Jahren weiter gewachsen ist. Diese Entwicklung passt weder zu einer deutschen Politik mit der Erfahrung zweier Weltkriege, noch passt sie zu einer christlichen Friedensethik, die den Vorrang für Zivil setzt. Die Frage, die sich stellt, ist doch: In was wollen wir investieren? In der Tat müssen wir eher in den zivilen Ausbau und in Entwicklungshilfe investieren, als ausgerechnet in Waffen, die Forschung darüber und deren Handel und Export. Betrachtet man, wie viele Kleinwaffen von Deutschland aus in die Welt exportiert werden und dass die meisten Menschen auf der Erde durch Kleinwaffen getötet werden, ist es skandalös, dass die Situation so ist, wie sie ist.

Wichtig ist, dass man ein Gespräch mit den betroffenen Menschen sucht und einen Dialog mit ihnen führt

Welche Haltung sollen Pfarrer gegenüber Waffenproduzenten und Gemeindemitgliedern einnehmen, die ihr Geld mit der Herstellung von Waffen verdienen?

Brahms: Ich glaube, Appelle alleine nützen nicht. Auch hilft es nicht proklamatorisch zu sagen: "Wir sind dagegen!". Wichtig ist, dass man ein Gespräch mit den betroffenen Menschen sucht und einen Dialog mit ihnen führt. Bedacht und verstanden werden muss dabei stets, dass viele Menschen von der Rüstungsindustrie leben. Die vergangenen Jahrzehnte zeigen allerdings, dass in Deutschland immer weniger Menschen von der Rüstungsindustrie leben müssen. Es geht also auch anders. Rüstungskonversion, die vereinzelte Umstellung der Rüstungsproduktion auf zivile Fertigung, ist nicht von Heute auf Morgen umzusetzen, sondern ein längerer Weg, auf dem man der Industrie auch andere Wirtschaftsmöglichkeiten eröffnen muss. Das ist auch eine Forderung an die Politik. Warum gibt es eine Förderung, wie sie etwa im Moment in der Branche der erneuerbaren Energie passiert, nicht auch bei Rüstungsindustrieunternehmen, um diesen Unternehmen die Umstellung auf eine zivile Produktion zu erleichtern?

Welche Erfahrung machen Sie als Friedensbeauftragter der EKD: Wird die Waffenproduktion in deutschen Gemeinden thematisiert oder verschwiegen?

Brahms: In Bremen wurde 1990 extra die Bremische Stiftung für Rüstungskonversion und Friedensforschung von Bürgern, Gewerkschaften, Kirchen und Parteien gegründet. Sie fördert und fordert Initiativen zur Umstellung der Rüstungsproduktion auf die Fertigung sozial und ökologisch sinnvoller Produkte. Um diese Stiftung und ihre Aktivitäten ist es in den letzten Jahren zugegebenermaßen deutlich stiller geworden. Insofern ist das Thema Rüstung in der Rüstungsstadt Bremen im Moment nicht mehr das vorherrschende Thema. Von der Württembergischen Landeskirche hingegen ist mir bekannt, dass sich dort ein Ausschuss gerade mit Beschluss der Kirchenleitung auf den Weg macht das Rüstungsthema wieder in den Gemeinden zu verankern; und zwar vor allem dort, wo auch die Rüstungsunternehmen sitzen.

Manche Mitarbeitende in Rüstungsunternehmen suchen sich aufgrund der Gewissenskonflikte einen anderen Arbeitsplatz

Gibt es seelsorgerische Herausforderungen zu meistern, wenn der Dialog mit Menschen, die in Rüstungsunternehmen arbeiten, gesucht wird?

Brahms: Es gibt Mitarbeitende in Rüstungsunternehmen, die Gewissenskonflikte haben. Auch gibt es Menschen, die sagen, dass sie das auf Dauer nicht mitmachen können und sich deswegen einen anderen Arbeitsplatz suchen. So etwas wird aber oftmals nicht öffentlich diskutiert. Weil aber diese Konflikte bestehen, muss man sie immer wieder bei allen Gesprächen, Vorschlägen oder Forderungen stets mit einbeziehen.

Sie waren 16 Jahre Pastor der Melanchthon-Gemeinde in Bremen. In der Stadt befinden sich fünf große Rüstungsbetriebe. Wie sind Sie damit als Seelsorger umgegangen?

Brahms: Die Melanchthon-Gemeinde liegt im Osten der Stadt. Dort sind auch Firmen der Rüstungsindustrie oder Zulieferfirmen für die Rüstungsindustrieangesiedelt. Vereinzelt habe ich mit Mitgliedern aus meiner Gemeinde in Einzelgesprächen über die Rüstungsindustrie gesprochen. Eine Frage, die mir gestellt wurde, war: "Bis wohin kann ich eigentlich mitgehen?" Das war dann aber kein Thema der gesamten Gemeinde. Die große Schwierigkeit bei vielen Firmen in der Hochelektronik ist nämlich, dass vieles, was sie entwickeln, sowohl zivil als auch militärisch nutzbar ist. Das dann aber unterscheiden zu können ist schwierig. Die Grauzonen verschwimmen. Anders sieht es natürlich bei der Herstellung von Panzern oder Kleinwaffen aus. Auch gibt es Mitarbeiter der Elektronikindustrie, die wissen, dass die Produktion militärisch genutzt wird, sie aber vielmehr für den zivilen Bereich entwickeln wollen. Diese Menschen geraten dann in einen Konflikt.

Ich wünsche mir eine Politik, die den Rüstungsexport deutlich begrenzt

Wie sollte das Thema Rüstung künftig in Kirchengemeinden angegangen werden? Ist es gut so, wie derzeit damit umgegangen wird?

Brahms: Nein. Aber es gibt Protestanten, die sich an der "Aktion Aufschrei: Stoppt den Waffenhandel!" beteiligen. Die Aktion "Aufschrei" macht die Komplexität des Themas sichtbar und behandelt das gesamte Feld, angefangen von der Forschung über die Herstellung, den Handel bis zum Export von Waffen. Die Arbeit hat ihren Niederschlag mittlerweile auch in vielen Gemeinden gefunden. Im Januar 2013 machen wir das Thema mit der Konferenz für Friedensarbeit auch zum Schwerpunktthema. Die Frage ist: Wie bringen wir das Thema auf die Gemeindeebene? Aus der Württembergischen Landeskirche erhoffe ich mir Pilotarbeit. Dass dort Erfahrungen gesammelt werden, wie man tatsächlich miteinander ins Gespräch kommen kann, ohne dass man sich gleich mit Vorurteilen so  verletzt, dass ein Dialog nicht mehr möglich ist. Auch wünsche ich mir, dass Politik Rahmenbedingungen schafft, welche die Rüstungskonversion fördert und den Rüstungsexport deutlich begrenzt. Ich bin der Meinung, dass wir eine deutlich restriktivere Politik betreiben sollten, gerade wenn es um Exporte in Spannungsgebiete geht und solche, die es werden können.