Und wieder lockt der Trimm-Dich-Pfad

Neue Geräte machen den "Trimm-Dich-Pfad" wieder attraktiver

Foto: epd-bild/Jochen Günther

Trimm-Dich-Pfade machen fitt, fördern das Gleichgewicht und sind perfekt für Trainingteams.

Und wieder lockt der Trimm-Dich-Pfad
Trimmpfade wurden vor fast 40 Jahren zur Breitensport-Institution. Längst sind viele Anlagen verrottet, doch so manche Gemeinde hegt und pflegt ihre "Antiquität". Zugleich machen moderne Parcours wieder Lust aufs Fitnessstudio unter freiem Himmel.

Bei jedem Schritt schmatzt der nasse Waldboden unter den Schuhsohlen der Läufer. Jan (15) und Jan Anders (16) traben den sanft ansteigenden Bornberg in Friedrichsdorf am Taunus hinauf. Sie tauchen in eine fast vergessene Welt des Freizeitsports ein: Zum ersten Mal sind sie auf einem Trimm-Dich-Pfad unterwegs.

Am Stamm einer Buche rechts neben dem Weg hängt ein blassblaues Schild. Die Jungen stoppen. Eine merkwürdig geschlechtslose Figur macht vor, was zu tun ist: Gymnastik. Zweimal Armkreisen beidarmig, "nach links seitwärts zum Rumpfwippen links, seitwärts und gegengleich", fordert die kryptische Anleitung.

Seit Mitte der 80er Jahre gibt es den gut drei Kilometer langen Rundkurs. Wie aus der Zeit gefallen wirken die 20 Stationen: Holzbalken, Pfosten, Reckstangen, Barren und Ringe dienten schon der Ertüchtigung, als Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) in seiner ersten Amtsperiode stand. Da war die erste organisierte Fitnesswelle bereits über Westdeutschland hinweggeschwappt, seit den 70er Jahren begleitet von "Trimmy", einem sympathischen Maskottchen mit zu großem Kopf und zu kurzen Beinen.

Trotz Beliebtheit umstritten

Mehr als 1.500 Trimm-Dich-Pfade oder Vitaparcours, wie der in Friedrichsdorf, soll es einst gegeben haben. Genau weiß das niemand. Die Abteilung Breitensport beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) kann nur mit Schätzungen aufwarten, auch, weil der Verband diese Anlagen gar nicht verbreitet hat.

Sieht lustig aus, ist aber anstrengend: Sport auf dem Trimm-Dich-Pfad. Foto: epd-bild/Jochen Günther

Die Trimm-Idee stammt aus der Schweiz, gefördert von der Züricher Lebensversicherung Vita, wie Gerhard Bergel vom DOSB berichtet. Geräte und Schildersätze gab es kostenlos. Die Trimmpfade wurden rasch populär, blieben aber stets umstritten: Sportwissenschaftler rügten, sie seien ergonomisch nicht ausgereift.

Deshalb ging der damalige Deutsche Sportbund in die Offensive und entwickelte ab 1973 den Trimmpark. Ebenfalls im Wald gelegen, richtete sich das neue Konzept an die ganze Familie. Neben einer 3.000-Meter-Laufbahn war ein zentraler Trimmplatz mit zwölf Stationen vorgesehen, außerdem Flächen für Federball, Fußball, Tischtennis oder Boccia. Der Sportbund gab kostenlos "Baumustermappen" heraus, mit denen Städte Trimmparks anlegen konnten.

Der Breitensport bekam in den 70er Jahren nicht ohne Grund einen regelrechten Kick. Studien hatten Erschreckendes zutage gefördert: Ein Drittel der Männer und 40 Prozent der Frauen litten an Übergewicht, Herz- und Kreislauferkrankungen nahmen zu, und immer mehr Beschäftigte gingen aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig in den Ruhestand.

Schlechte Gesundheit wegtrimmen

Deshalb sagten Krankenkassen, Sportbund und Sponsoren dem Wohlstandsspeck den Kampf an. Die Initialzündung erfolgte im März 1970 mit der Werbeaktion "Trimm Dich - durch Sport!" Fernseh- und Radiospots, Anzeigen und Plakate trommelten in bis dato unbekanntem Ausmaß für mehr Bewegung: "Trimmy" erreichte in den 80er Jahren einen Bekanntheitsgrad von 90 Prozent.

Wissenschaftliche Aussagen über nachhaltige Effekte der Trimm-Bewegung sind rar. Als gesichert gilt jedoch, dass das gestiegene Bewusstsein für Sport Stubenhocker in Scharen nach draußen zog, die dort erstmals Bekanntschaft mit dem Muskelkater machten. Die Vereine profitierten von Hunderttausenden neuen Mitgliedern und weiteten ihre Angebote für spezielle Zielgruppen wie etwa Senioren aus. Auch viele Lauftreffs entstanden in dieser Zeit.

Für Gerhard Bergel haben die Trimmpfade ihre beste Zeit hinter sich, viele Gemeinden hätten kein Geld mehr, die Anlagen zu pflegen. Und: Trends wie Inline Skating, Nordic Walking und Mountain Biking seien nicht zu übersehen. Gleichwohl gebe es noch immer etliche Kommunen, die ihre "historischen" Anlagen beharrlich hegten: "Aber die Fitnessstudios mit ihrer Chrom- und Glitzerwelt üben auf bestimmte Personen mehr Anziehungskraft aus."

Neue, glitzernde Trimm-Dich-Welt

Julien Stegner, Geschäftsführer der Kölner NAO FIT GmbH & Co. KG, glaubt jedoch, dass Trainingsangebote im Freien noch immer gefragt sind. Seine Firma hat ein "Fitnessstudio" für draußen entwickelt: "Trimmfit". Auf vier Quadratmetern Fläche können an den Edelstahlgeräten Hunderte Muskelkräftigungs- und Dehnübungen gemacht werden - allein oder zu zweit. Die erste Anlage wurde 2009 in Köln eröffnet, rund 30 weitere folgten bundesweit.

Ansätze, das Trimmen zu entstauben, gab es schon früher. Von München aus verbreiteten sich ab 2001 die "4 F Circle". Das Kürzel steht für die englischen Begriffe Fit, Free, Fun und Function. Rund 100 dieser Anlagen gibt es heute, allein 15 in München. Bis zu 19 Stationen setzen auf einen spielerischen und gesundheitsschonenden Einstieg in den Sport, auch für Ungeübte.

Jan und Jan Anders sind im Ziel. Die Gesichter glänzen, sie atmen schnell. Ihr Fazit: Vereinsfußballer Jan findet, der Parcours habe sie "nicht wirklich herausgefordert". Ganz nett sei das Angebot, ergänzt Handballer Jan: "Aber im Fitnessstudio ist es cooler." Schon möglich, doch der Trimmpfad ist kostenlos, kennt keine Öffnungszeiten - und die Luft im Wald ist auf jeden Fall besser.