Kirche Unterwegs: Tagebuch einer Campingplatz-Pfarrerin

Lagerfeuer am Campingplatz Rödlgries

Foto: Ullrich Schneller

Zeit für sich, Zeit für Gott: Lagerfeuer am Campingplatz Rödlgries

Kirche Unterwegs: Tagebuch einer Campingplatz-Pfarrerin
Zusammenkommen in einer Gemeinde auf Zeit: Die Essener Pfarrerin Brigitte Schneller arbeitet ehrenamtlich bei der Campingkirche am Chiemsee. Für evangelisch.de hat sie eine Woche Tagebuch geführt.

Donnerstag, 12. Juli: Erst mal ankommen

"Grüß Gott!" Liebenswert vertraut klingt das Willkommen in unseren Ohren. Nach stundenlanger Anfahrt mit viel Gepäck, Bastelmaterial, Gitarre, Handpuppen und Schlafsäcken haben wir endlich den Campingplatz Rödlgries am Ufer des Chiemsees erreicht. Die Besitzerfamilie Ebner begrüßt uns herzlich und freut sich, dass die "Kirche Unterwegs" auch in diesem Jahr wieder ein Ferienprogramm anbietet.

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Unser Team besteht aus fünf Männern und Frauen, die den Urlaub mit ihren Familien auf dem Campingplatz verbringen und einen Teil ihrer Zeit der Campingkirche widmen. Dass ich als Teamleiterin dabei bin, ist eine Ausnahme: Die meisten Teams der "Kirche Unterwegs" haben keinen Pfarrer dabei, sondern bestehen nur aus Freiwilligen. Wir sind in Wohnwägen untergebracht, unsere Aktionen finden im Freien oder in der Scheune statt. Am ersten Abend grillen wir, plaudern und planen, entwerfen die ersten Plakate und freuen uns auf die Zeit, die vor uns liegt.

Freitag, 13. Juli: Abendandacht im Kerzenschein

Bevor die Kleinsten abends ins Bett müssen, gibt es von uns noch ein Betthupferl. Wegen Kariesgefahr ist das jedoch kein Bonbon, sondern eine halbe Stunde Programm: Singen, Gutenachtgeschichten und Kasperletheater. Mit viel Schwung und Begeisterung singen die Kinder sofort mit. Das Echo erklingt danach vielfach unter der Dusche: "Inge dinge dinge", "mein Dackel Waldemar" und "Halli, hallo, herzlich willkommen!" Am späteren Abend laden wir die Familien ein, Windlichter zu basteln. Die fertigen Lichter hängen wir in der Scheune auf und singen im Kerzenschein Abendlieder. Die Sterne sind zum Greifen nah, es wird empfindlich kalt und – nass! Nachts prasselt der Regen aufs Dach von Wohnwagen und Zelten. Sehr romantisch, dumm nur, dass man noch zum Waschhaus raus muss!

Samstag, 14. Juli: Erlebnisse der Kinder verarbeiten

 Die Handpuppen Willi und NellaDie Handpuppen Willi und Nella. Foto: Ullrich Schneller

Die heimlichen Stars unseres Teams sind Willi und Nella, zwei große Klappmaul-Handpuppen, die eine braun, die andere grün. Sie greifen Ereignisse und Erlebnisse aus der Welt der Kinder auf: Sich kennenlernen, Freundschaften schließen, auf die Berge gehen, Gewitter auf dem Campingplatz. Jeden Abend macht die kleine Camping-Eisenbahn einen Extra-Stopp an unserer Kirchenscheune. Wer zum Betthupferl kommen möchte, steigt einfach aus. Etwa 25 große und kleine Leute sitzen auf den Bänken. Anders als in der Kirche zu Hause sind die ersten Reihen immer gleich besetzt.

Sonntag, 15. Juli: Familiengottesdienst mit Kuhglocke

"Zeit zum Wachsen" ist das Thema des Familiengottesdienstes am Sonntag. Die Scheune ist nun unsere Kirche, ein Tisch der Bierzeltgarnituren der Altar. Neben dem Kreuz, den Kerzen und der aufgeschlagenen Bibel stehen frisch geschnittene Gladiolen. Das Poster mit dem Jahresthema "Alles hat seine Zeit" zeigt eine farbige Hängematte in einem Garten mit blühenden Bäumen. Da will man sich am liebsten gleich hineinlegen: Zeit zum Ausruhen, Zeit zu sich zu finden, Zeit füreinander, Zeit für Gott.

Eine Familie aus den Niederlanden, die hier Zwischenstopp macht, gesellt sich zu uns, einige Kinder unterbrechen das Klettern und Schaukeln auf dem Spielplatz nebenan und schauen herein, Dauercamper kennen und schätzen diese freie Form der Verkündigung, die nicht konfessionell gebunden ist. Mein Mann Ullrich läutet den Gottesdienst ein – mit einer Kuhglocke. Wir fühlen uns mit vielen Menschen verbunden, die heute Gottesdienst feiern, die Teams auf anderen Campingplätzen, die Gemeinden am Urlaubsort oder zu Hause. Als wir unsere ausgemalten "Zauberblüten" auf das Wasser legen, sehen wir es deutlich: Wachsen und Aufblühen braucht Zeit, Zeit die uns von Gott geschenkt ist. Anschließend lassen wir uns den Kirchenkaffee schmecken. Unser Infomaterial wird gerne mitgenommen. Die Idee, dass Kirche am Urlaubsort präsent ist, findet großen Anklang.

Montag, 16. Juli: Regenwetter

Mit dem dritten Regentag in Folge leert sich der Platz in Windeseile. Die Wochenendbesucher sind wieder bei der Arbeit, die Kurzzeitcamper auf dem Weg in den Süden. Wir bleiben und mit uns etliche Familien, die ihren Urlaub hier gebucht haben. Die Scheune ist trocken und füllt sich zum Basteln, Singen und Spielen mit Kindern und Erwachsenen.

Dienstag, 18. Juli: Seelsorge und Lagerfeuer

Das große Kommunikationszentrum des Platzes ist das Waschhaus mit Duschen, Toiletten, Waschmaschinen und Spülbecken. Dort befinden sich auch unsere Aufsteller mit dem Programm. Kaum hänge ich ein Plakat auf, bleiben Gäste stehen, informieren sich und begrüßen die Aktionen. Beim Geschirrspülen, am Strand, an der Rezeption, überall entstehen zwanglose Gespräche über das Wetter, Ausflugsziele, das Leben auf dem Platz oder über kirchliche Fragen: "Sie sind doch von der Kirche, können Sie mir erklären, welche Pflichten ein Taufpate hat?"

Auch Sorgen werden geteilt: Zu Hause hat es Unwetter gegeben, die Nachbarin, die das Haus hütet, ist telefonisch nicht erreichbar. Daheim ist jemand krank geworden, müssen wir vielleicht zurückfahren? Immer wieder spreche ich mit den Urlaubern über ihre Sorgen und Alltagsprobleme – die haben sie quasi immer im Gepäck. Im Urlaub hat man die Chance, aus einer anderen Perspektive auf sein Leben zu schauen, man hat Zeit, sich zu hinterfragen. Ratschläge gebe ich aber nicht, denn die "Lösung" oder "richtige Entscheidung" ist ein Prozess, zu dem jeder selbst finden muss. Ich finde es wichtig, zuzuhören, sich Zeit zu nehmen und den anderen ernst zu nehmen.

Am Abend nutzen wir das gute Wetter und machen ein Lagerfeuer. Wir holen das Schwungtuch raus, Jonglierbälle und -ringe und eine Slackline, die wir zwischen zwei Bäume spannen. Den meisten Spaß haben die größeren Kinder nicht beim Computerspielen, sondern beim gemeinschaftlichen Seilhüpfen. Im Schein des Lagerfeuers und der Wachsfackeln singen wir Volks- und Kinderlieder.

Mittwoch, 19. Juli: Extraprogramm für Teenies

Immer mit den Eltern unterwegs? Immer auf die jüngeren Geschwister Rücksicht nehmen? Teenager brauchen und wünschen sich auch mal ein extra Programm. Das kann Sport sein, was Kreatives oder eine Rallye. Heute zeigt Sonja, wie man Schmuck aus Silberdraht herstellt. Aufgepeppt mit Perlen entstehen Ohrringe, Anhänger fürs Handy oder den Rucksack.

Donnerstag, 20. Juli: Gemeinde auf Zeit

Brigitte Schneller singt mit Kindern vor der Campingkirche.Brigitte Schneller (mit Gitarre) beim Singen mit den Kindern. Foto: Ullrich Schneller

Fast jeden Abend gibt es neue Gesichter beim Betthupferl, aber auch Familien, die sich von uns verabschieden. Es geht wieder heim ins Saarland, nach Niedersachsen, in die Schweiz, nach Holland oder Dänemark. Campingkirche ist eine Gemeinde auf Zeit, manchmal nur ein Wochenende oder ein paar Tage, manchmal sind es zwei Wochen. Es ist ein Kommen und Gehen, ein Willkommen und ein Gute-Reise-Wünschen. Gelegentlich gibt es auch ein Wiedersehen. Lara aus der Schweiz, deren Mutter im letzten Jahr hochschwanger war, kommt in diesem Sommer mit kleiner Schwester.

Die erste Woche liegt nun hinter uns, zwei Wochen angefüllt mit Begegnung und Gesprächen, Singen und Basteln, Spielen und Aktionen liegen vor uns. Im Gepäck haben wir noch Filzwolle und Seife fürs Murmelfilzen, Bastelsets für Drachen aus Tyvek-Folie, Filme, Ideen und Material für weitere Familiengottesdienste und den Andachten am Abend, zum denen wir regelmäßig zusammenkommen.

Wir sind gespannt, wen wir in der kommenden Zeit noch kennenlernen. Wie oft haben wir schon gehört: "Schön, dass ihr da seid!" Oder "Mit euch war der Urlaub besonders schön!" Paul und Emma haben uns mithilfe ihrer Eltern ein tolles Abschiedsgedicht geschrieben. Wir sind von Herzen dankbar für die Zeit, die Gott uns schenkt, und freuen uns über alle schönen Erlebnisse und Erfahrungen hier auf dem Campingplatz.

Kirche Unterwegs

Die "Kirche Unterwegs" ist ein Arbeitskreis der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Auf etwa 50 Campingplätzen in Deutschland gibt es Angebote der evangelischen Kirche, zum Beispiel Andachten, Gottesdienste, Grillabende, Aktionen für Kinder und gemeinsame Ausflüge. Eine Übersicht der Campingkirchen gibt es hier. Deutschsprachige Urlaubsgottesdienste von Auslandsgemeinden finden Sie auf der Seite der EKD.