Ein Genuss für Augen und Ohren: Von Orgel zu Orgel radeln

Mit dem Fahrrad von Orgel zu Orgel

Foto: epd/Rolf K. Wegst

Die Evangelische Kirche in Kinzenbach ist ein Ziel bei den Orgel-Radtouren des evangelischen Dekanats Gießen.

Ein Genuss für Augen und Ohren: Von Orgel zu Orgel radeln
Durch Auen, vorbei an Obstbäumen und Kamillen-Wiesen geht die Radtour. Zwischendurch wird Halt gemacht an kleinen Dorfkirchen: Kühle, Stille - und ein kurzes Orgelkonzert. Am Ende warten der Kaffeetisch und die Leichtigkeit im Herzen.
Deutschland spricht 2019

Wolken-Flöckchen am Himmel, leichte Brise, Sonntag. Ideale Voraussetzungen für die Orgel-Radtour des evangelischen Dekanats Gießen in Hessen. Zumindest, wenn man gerne Fahrrad fährt und Orgelmusik hört. Und das mögen offenbar viele.

Mehr als 100 Leute drängen sich in die kleine Kirche in Heuchelheim, Ausgangspunkt der Orgelradtour: Ältere und Mittelalte, aber auch eine Familie mit Kindern. Der Kantor sagt ein paar Sätze zur Kirche, die schon um das Jahr 900 eine Vorgängerin an dieser Stelle besaß, und zur Orgel, die 1926 gebaut wurde. Kirchenmusikerin Yoerang Kim-Bachmann spielt Werke von Théodore Dubois und Max Reger. Langer Applaus, dann schwingen sich alle auf die Räder und strampeln den Berg hoch zur nächsten Kirche.

In Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen

"Ein Genuss, oder?", fragt eine Radlerin fröhlich in die Runde. Die Idee ist bestechend: Man radelt von Kirche zu Kirche, lernt unterschiedliche Kirchen kennen, hört auf unterschiedlichen Orgeln Musik von ausgebildeten, guten Kirchenmusikern.

"Es ist ein Freizeitangebot für Leute, die nicht unbedingt kirchlich gebunden sind", sagt die Kirchenmusikerin Beatrix Pauli aus dem Dekanat Hungen bei Gießen. Pauli hat die Orgelradtouren mit erfunden. Vor zehn Jahren starteten die drei hessischen Dekanate Hungen, Kirchberg und Grünberg eine erste Tour. Vorbild waren damals Orgel-Spaziergänge, wie sie einige Städte anbieten. Die Kirchenmusiker setzten die Idee fürs Land um.

"Das Konzept geht auf", sagt Pauli. Nachdem die Kirchenmusiker ihre Idee auf einer Veranstaltung vorstellten, zog sie Kreise, zunächst in Hessen, aber dann auch nach Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Die evangelische Kirchengemeinde Murrhardt nahe Stuttgart bot im Mai zum wiederholten Mal eine Orgel-Radtour an, im Juni luden Gemeinden in Sachsen zur Tour durch die Dübener Heide entlang der Mitteldeutschen Kirchenstraße.

Die Kirche im Nachbarort kennenlernen

Die Gießener parken ihre Räder kreuz und quer vor der Kirche in Kinzenbach. Die Orgel ist die älteste der Tour, entstanden 1863 mit dem Neubau der Kirche. Der Orgelbauer schuf nur drei Orgeln, vermutlich, weil er nicht erfolgreich war, erzählt Pfarrerin Christiane Musch. Bei den Werken von Georg Muffat, Johann Sebastian Bach und César Franck hören die Gäste ein Klickern, Klacken und Brummen. "Es ist eine historische Orgel, das soll so sein", sagt Musch.

Danach geht es zehn Kilometer durch die Auenlandschaft und durch ein Waldstück, vorbei an Obstbäumen und Kamillen-Wiesen zur nächsten Kirche. "Ist die Landschaft nicht herrlich?", ruft jemand aus dem Pulk. Das Tempo ist sportlich, die Radler mit den E-Bikes zischen vorbei. Die anderen kommen außer Atem im Zielort Leihgestern an. Da wartet zum Glück der gedeckte Kaffeetisch.

Man wolle nicht Kirchen anfahren, in denen sowieso schon "der Bär tobt", sondern die kleinen, oft wenig bekannten Dorfkirchen, sagt Kirchenmusikerin Pauli. Die Radtouren hätten auch etwas mit Heimatverbundenheit zu tun. Sie erlebe es immer wieder, dass die Leute die Kirche im Nachbarort nicht kennen.

Ende August "Tour de Chorale"

"Die Kirchen sind toll und unterschiedlich", sagt Ewald Fink, während er die Kirche in Leihgestern betritt. Der begeisterte Radfahrer war schon bei zehn Orgelradtouren dabei. "Teilweise waren sie witzig", sagt er, etwa zur Fußball-Weltmeisterschaft, als die Zuhörer Nationalhymnen erraten durften. 

Die Kirchenmusiker in Hungen, Kirchberg und Grünberg versuchen, ihren Touren jeweils einen "roten Faden" zu geben. Es gab zum Beispiel schon mal ein musikalisches Märchen für Kinder, das auf mehrere Kirchen verteilt wurde. In diesem Jahr startet Ende August eine "Tour de Chorale": Teilnehmer dürfen sich vorher ihre Lieblings-Orgellieder wünschen, welche die Kirchenmusiker dann an den Etappenorten spielen.

Von der Orgel in Leihgestern erklingen zum Schluss der Radtour Mendelssohn-Bartholdy, Petrali und Bossi, die Zuhörer klatschen lange. Nach Hause fährt jeder für sich - Musik im Kopf, Leichtigkeit im Bauch.