"Der Krieg in Syrien hat den Umgang mit Quellen verändert"

Das Bild zeigt eine Momentaufnahme aus einem Video von Shaam News Network auf deren Youtube-Profil (September 2011).

dpa/shaam news network/handout

"Der Krieg in Syrien hat den Umgang mit Quellen verändert"
Seit mehr als einem Jahr herrschen in Syrien Tod und Gewalt: Unruhen erschüttern das Land und haben für zahlreiche Verletzte und Tote gesorgt. Seit wenigen Tagen sprechen nun die UN von einem Bürgerkrieg. Die Berichterstattung aus Syrien gestaltet sich für die Medien wie die Tagesschau seit Anfang an mitunter schwierig. Die Unruhen sorgen für einen gefährlichen Recherche-Einsatz der Journalisten. Filme, Bilder und Informationen kommen deshalb für die Berichte aus verschiedenen Quellen – auch aus dem Internet. Für die Nachrichtenredaktionen ist die Nutzung des Materials nicht immer einfach. Die Tagesschau-Redakteurin Nicole Koenecke berichtet evangelisch.de von der täglichen Arbeit mit unterschiedlichem Informationsquellen in der Nachrichtenredaktion.

Wo kommen die Informationen und das Bildmaterial her, mit dem Sie arbeiten?

Nicole Koenecke: Die Tagesschau arbeitet mit verschiedenen Strecken an Informationsgebern, da sind die ganz normalen Nachrichtenagenturen dpa, Reuters, AFP. Dann haben wir als Quellen Zeitungen, Verbände und Parteien.

Unsere Hauptquellen sind unsere Korrespondenten, die draußen sitzen. Wir sind in Hamburg, wie es so schön heißt, auf der "Insel der Glückseligen". Da wird alles hingeliefert. Die Mitarbeiter Tagessschau-Redaktion selber gehen nicht raus. Deshalb bekommt die Redaktion alles geliefert und deshalb hat sie die ganz normalen Quellen wie auch die Zeitungen - plus die Korrespondenten, die ganz viel an Material heranschaffen.

Wie ist es mit Informationen aus Krisengebieten?

Koenecke: Da ist es im Grunde genau das Gleiche. Es gibt ja auch überall Agenturen für Bildmaterial, es gibt ja nicht nur das geschriebene Wort. Reuters hat zum Beispiel eine große Bildagentur, so wie dpa und AFP auch. Die bieten das Material mit an und wir können es einkaufen. Oder wir nutzen die Sender aus den Gebieten; in Krisen- oder Kriegsgebieten wie Syrien zum Beispiel das syrische Staatsfernsehen. Dieses ist in dem Moment auch eine Quelle, die man zwar mit entsprechender Vorsicht benutzen muss, aber man kann es als Materialquelle einsetzen.

Wie wird dann bei der Tagesschau mit solchen Material umgegangen, wenn Sie sagen, dass man dies manchmal auch mit Vorsicht bearbeiten muss?

Koenecke: Erstens nennen wir unsere Quellen. Wir würden dann, wenn wir beispielsweise Bildmaterial vom syrischen Fernsehen nehmen, sagen, dass diese Bilder von diesem Fernsehsender kommen und sie eine bestimmte Situation zeigen - auch das würden wir genau benennen. Oder sie zeigen Bilder, die eigentlich nichts zeigen, dass hat man ganz häufig bei dem Fernsehmaterial aus Nordkorea. Dann flicht man in den Bericht mit ein, was man schon von anderen Agenturen weiß. Wenn es dazu kein Agentur-Filme, benutzen wir derzeit ganz viel Material, dass aus dem Internet, über Youtube kommt. Dann benennen wir auch da die Quelle. Aus Nordkorea kommt da nicht so viel, aus Syrien hingegen sehr viel. In den Tagesschau-Berichten ist dann oben in einer Bildecke "Internetvideo" oder auch "Youtube" zu lesen, wenn wir dazu kein anderes Material gefunden haben.

"Wenn es beim Vergleich sehr viele Übereinstimmungen sind, dann halten wir den Wahrheitgehalt dieses Materials für ziemlich hoch"

Wie wird der Wahrheitsgehalt der Informationen und des Bildmaterials überprüft?

Koenecke: Wenn die Informationen von AFP oder dpa kommt, glauben wir den Kollegen - wir glauben ja auch unseren eigenen Korrespondenten - selbst wenn die BILD-Zeitung was schreibt. Wir nennen die Quelle oder wir recherchieren hinterher, wenn es um normale Quellen geht. Wenn es um Bildmaterial aus dem Internet geht, wird das schon etwas schwieriger. Dann versuchen wir das abzugleichen mit anderem Bildmaterial was wir bekommen, das gleichzeitig von Agenturen eingeht.

Dann gibt es ein sehr spezielles Verfahren. Da wird verglichen, da sagt man dann: Die Straße, die haben wir doch vorhin auch in dem anderen Film gesehen, da fährt der Panzer links rum, hier jetzt rechts rum -  Achtung, das kann nicht richtig sein. Auf solche Sachen achten wir. Das ist ähnlich wie bei dem Spiel "Zwei gleiche Bilder – suchen Sie sieben Fehler". Und wenn es sehr viele Übereinstimmungen sind, dann halten wir den Wahrheitgehalt dieses Materials für ziemlich hoch. Manchmal geht das auch nicht, da kann man nur ganz ehrlich sagen, diese Bilder sollen eine bestimmte Situation zeigen. Der Krieg in Syrien hat schon, weil man da sonst nichts hätte, sehr den Umgang mit Quellen verändert. Es ist schon etwas anderes, als wenn man selber mit einem Kameramann raus geht, das ist ganz klar.

"Das ist ein bisschen so wie mit Telegrafenmast und Telefon: Als irgendwann das Telefon läutete, war der Telegrafenmast fast überflüssig geworden"

Wie wichtig sind für Nachrichtenredaktionen heute Youtube, Twitter und Co.?

Koenecke: Sie werden zunehmend wichtiger. Hätten Sie mir vor fünf Jahren die gleiche Frage gestellt, da gab es meiner Meinung nach eine Studie der Havard University, da war eine ähnliche Frage drin: Wie wichtig sind Blogs im Internet ? - da habe ich "Nein" gesagt - heute würde ich "Ja" sagen. Es wird immer wichtiger, weil Youtube, das darf man nicht vergessen, ein eigenes Medium unter meist jungen Leuten ist. Im Internet ist mittlerweile alles wahnsinnig schnell unterwegs, man bekommt dort fast schneller die Information als auf den alten linearen Wegen. Wenn die Informationen dort schneller auftauchen, dann muss man sie ernst nehmen. Das ist ein bisschen so wie mit Telegrafenmast und Telefon: Als irgendwann das Telefon läutete, war der Telegrafenmast fast überflüssig geworden.

Noch sind wir nicht überflüssig, aber es wird alles schneller. Bei Twitter weiß ich noch nicht, wie ich es einschätzen soll. Wenn Demi Moore darin twittert, es geht ihr schlecht, denkt man, sie ist es und sie es ist auch. Ich denke manchmal, Twitter ist eigentlich eher eine Plattform für Promis als etwas schneller zu machen. Das können schon Nachrichten sein, aber bei 143 Zeichen kann man nicht viel sagen oder alles. Ganz ehrlich: Ich nehme Twitter noch nicht so ernst, aber da wird es mir so gehen wie mit Youtube, ich werde es wieder ernster nehmen müssen. Ich nutze selber weder das eine noch das andere.

"Nach einiger Zeit ist das wie bei allem, man kennt sich und dann ist dadurch ein größerer Wahrheitsgehalt hergestellt"

Wie verlässlich ist das Material?

Koenecke: Wir haben dafür eine eigene Abteilung bei der Tagesschau gegründet: Das sogenannte Content-Center, Content steht dabei für Inhalt. Da sind Kollegen drin, die schon die ganzen europäischen Bildagenturen kennen, die für tagesschau.de arbeiten und sehr internetaffin sind sowie Kollegen, die aus unserem Planungsteam und dem Sendeteam von ARD Aktuell kommen, sie werten alle zusammen aus, was über das Internet eingeht und gleichen das ab. Sie haben außerdem ihre eigenen Quellen aufgebaut. Denn die Tagesschau-Redaktion empfängt nicht nur. Wir sind auch bei Facebook vertreten und bei Youtube, wir senden auch raus, dadurch bildet man sich ein Netzwerk. Im Content-Center arbeiten auch unsere Social-Media-Redakteure mit. Denn wir wissen, man bekommt nur etwas, wenn man auch gibt. Und dementsprechend gibt es einen Austausch. Nach einiger Zeit ist das wie bei allem, man kennt sich und dann ist dadurch ein größerer Wahrheitsgehalt hergestellt.

In welcher Form ist klassische Berichterstattung aus Krisengebieten wie Syrien heute noch möglich?

Koenecke: Jörg Armbruster war gerade wieder für einige Tage in Syrien gewesen. Die Korrespondenten nutzen immer wieder Fenster, wie ich sie nenne, wenn der Spalt sich etwas geöffnet hat, um nach Syrien, Nordkorea oder in den Jemen zu fliegen und kommen mit Reportagen wieder. Manchmal sieht man auch den Wahrheitsgehalt daran, wie sehr die Dreharbeiten dabei in den Ländern behindert wurden. Je mehr Behinderung, je mehr hat man wahrscheinlich gesehen, was man nicht hätte sehen sollen. Solche Fenster sind nach wie vor selten.

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Aber Syrien war nicht immer ein verschlossenes Land. Vorher konnten die Leute ganz einfach einreisen. Ich habe Tagesschau-Kollegen, die haben in Damaskus Urlaub gemacht. Die kennen da einiges. Deshalb kann man die Berichterstattung gut händeln zusammen mit den anderen Möglichkeiten, die man hat, wie die aus dem Internet. Schwieriger wird es beispielsweise bei Nordkorea. Da war bis jetzt kaum jemand drin. Da Kann man nicht abgleichen, was man sieht. Da kommt es auf die Kunst des Korrespondenten an, die Informationen und die Situation vor Ort in die richtigen Worte zu fassen.

Reichen denn Korrespondenten-Berichte heute nicht mehr aus?

Koenecke: Die reichen schon noch aus, wenn die Korrespondenten ein eigenes Feature oder eine eigene Reportage drehen, sie eine Geschichte aus dem Land erzählen. Die Berichterstattung ist aber immer komplexer geworden. Es wird nicht mehr nur gezeigt, was in Syrien passiert, sondern auch erzählt, was der russische Außenminister dazu zu sagen hat, das hat er aber meistens in Moskau getan. Diese Aussage wird dem Korrespondenten dann zu gespielt. Dann äußert sich noch die amerikanische Außenministerin, die gerade in Stockholm ist. Und die EU hat auch noch dazu getagt. Das sind vier verschiedene Spielorte, diese müssen die Korrespondenten dann noch ineinander weben und daraus einen schönen umfassenden Bericht machen. Deshalb reicht ein einzelner Korrespondenten-Bericht nicht mehr aus, weil der Korrespondent immer noch anderen Quellen, Bildmaterialen, Informationen dazu bekommt, die er nutzen soll.