Mit Engeln, Tod und Teufeln geht Cannes zu Ende

dpa/Cannes Filmfestival

Filmszene mit Jean-Louis Trintignant aus Michael Hanekes Cannes-Film "Amour".

Mit Engeln, Tod und Teufeln geht Cannes zu Ende
Über mangelnde Vielfalt kann man sich in diesem Jahr auf dem Filmfestival von Cannes nicht beklagen. Vom Melodrama bis zum Thriller, von der Komödie bis zum Western, von Reality-TV bis zum verrückten Experiment war alles dabei. Es gab Roadmovies und Kammerspiele, eine Frau, die beide Beine verliert, einen Mann, der sich den Kopf abreißt, Engel und Teufel, dazu jede Menge innerer und äußerer Dämonen, viel nackte Haut und viele Tote.
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Am Sonntagabend gehen die Filmfestspiele nun mit der Verleihung der Goldenen Palme zu Ende. Und unter den vielen Werken ragt eines  als großer Favorit auf den Hauptpreis heraus: Michael Hanekes "Amour". Die französisch-deutsch-österreichische Koproduktion ist ein Drama um Alter, Liebe und Tod. Seit Hanekes Premiere in den ersten Tagen des Festivals ist "Amour" der Film, den es zu schlagen gilt; ein Werk, an dem unter Kritikern kaum jemand etwas auszusetzen hat und für das Beschreibungen wie "fehlerlos", "sublim" und "Meisterwerk" nicht selten sind. Das einzige, was manche davon abhält, ganz und gar auf Haneke zu wetten, ist die Tatsache, dass der Österreicher erst vor drei Jahren mit "Das weiße Band" gewonnen hat.

Hinzu kommt, dass die beiden großen alten Darsteller des Films, der 81-jährige Jean-Louis Trintignant und die 85-jährige Emmanuelle Riva, haushohe Favoriten auf die Darstellerpreise sind - das Festivalreglement aber verbietet mehr als eine Palme pro Film. Es ist ein Dilemma, um das man die Jury mit dem italienischen Regisseur Nanni Moretti an der Spitze kaum beneidet.

Hanekes Film könnte es werden

Man muss sich Haneke und seinen Film regelrecht aus dem Kopf schlagen, um das übrige Feld der möglichen Palmen-Gewinner zu erschließen. Auf der Seite des besten männlichen Darstellers sieht es noch einigermaßen übersichtlich aus: der Belgier Michael Schoenaerts aus Jacques Audiards Schock- und Liebesfilm "Rust & Bone" hat Eindruck hinterlassen, genauso wie Mads Mikkelsen als unschuldig des Kindesmissbrauchs Verdächtigter in Thomas Vinterbergs "The Hunt".

Als weitere Möglichkeit wird der Italiener Aniello Arena genannt, vor allem wegen des Sensationswerts. Aniello hat seine Schauspielkarriere als Laie in Theaterprojekten für Gefangene begonnen, sitzt seit 18 Jahren in Haft und bekam für das Festival keinen Freigang.

Sehr viel unübersichtlicher sieht es auf der weiblichen Seite aus, was mit der Vielzahl starker Frauenrollen zusammenhängt. Wurde zum Festivalauftakt noch heftig moniert, dass keiner der 22 um die Goldene Palme konkurrierenden Filme von einer Frau stammte, sah sich der Geschlechterproporz im Laufe der Zeit wieder ausgeglichen durch die Tatsache, dass es ein Festival der starken und interessanten Frauenrollen war.

Keine Einigkeit über die beste Darstellerin

Für eine Palme drücken hier viele Marion Cotillard ("Rust & Bone") die Daumen, aber auch Margarete Tiesl, die in Ulrich Seidls "Paradies: Liebe" als Sextouristin in Kenia unterwegs ist, hat ihre Fans. Begeisterung gab es für das 22-jährige Starlet Kristen Stewart in "On The Road" genauso wie für den großen Star Nicole Kidman in "Paper Boy". Sehr gute Chancen werden auch den zwei noch unbekannten jungen Rumäninnen aus Cristian Mungius Exorzismusdrama "Beyond The Hills" eingeräumt.

Welche Filme sich preiswürdig in den diversen Kategorien erweisen oder gar neben Haneke auf eine Goldene Palme hoffen könnten, darüber gibt es wenig Einigkeit. Eine starke Fraktion hofft für Leos Carax, das in die Jahre gekommene Enfant terrible des französischen Films. Carax hat mit "Holy Motors" eine so einfallsreiche wie durchgedrehte Farce vorgelegt, die das Programm nachhaltig erfrischte. Jacques Audiard und "Rust & Bone" wird breiter unterstützt. Weit auseinander gehen die Meinungen zu Filmen wie "The Hunt", "On The Road" oder "Cosmospolis". In dieser Hinsicht scheint nur eines für den Sonntagabend gewiss: Es wird Überraschungen geben.