Mit einem Festakt ist am Mittwoch das umfassend sanierte Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg feierlich wiedereröffnet worden. Der frühere Bundespräsident Christian Wulff warnte in seiner Festrede vor Manipulation durch Social Media, Künstliche Intelligenz und autoritäre Kräfte. Eine "gefährliche Melange" daraus bedrohe Einigkeit, Recht und Freiheit.
Das Reichsparteitagsgelände sei ein steinernes Zeugnis nationalsozialistischer Größenfantasien und totalitärer Machtinszenierung, sagte Wulff. Der Zivilisationsbruch des Holocaust habe nicht in Auschwitz begonnen, sondern "in Köpfen, in Bildern, in Gefühlen". Deshalb sei das Dokumentationszentrum so lehrreich. Die Reichsparteitage seien eine "Inszenierung der furchterregenden Art" gewesen. Der einzelne Mensch sei in der Masse verschwunden.
Die Bildsprache vieler extremistischer Kampagnen im Netz sei professionell, emotional und oft verblüffend perfekt. "Wer die Bilder der Reichsparteitage kennt, erkennt manches wieder", sagte Wulff. Alle Schülerinnen und Schüler in Deutschland sollten daher mindestens einmal einen NS-Erinnerungsort wie das Dokumentationszentrum besuchen.
Das Dokumentationszentrum ist baulich in den Nordflügel der unvollendeten Kongresshalle auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände eingepasst. Von 1933 bis 1938 fanden dort nationale Großveranstaltungen statt - Höhepunkte der NS-Propaganda. Rund fünf Jahre lang wurde das historische Gebäude jüngst renoviert und modernisiert. Die Gesamtkosten betrugen laut dem bayerischen Innenministerium 33,1 Millionen Euro. Die Neueröffnung fand genau 25 Jahre nach der ursprünglichen Eröffnung des Museums statt.
Für den bayerischen Innenminister Joachim Herrmann (CSU) zeigt das Dokumentationszentrum, "wie gefährlich Scheinwelten und die Entwertung von Wahrheit sein können - Phänomene, die leider auch heutzutage wieder geschichtsvergessen zutage treten". Gerade die antisemitischen "Nürnberger Gesetze", die auf dem NS-Reichsparteitag 1935 verkündet wurden, nannte er ein beklemmendes Beispiel dafür, auf welch entsetzliche Weise Menschen ihre Mitmenschen behandeln können. "Von der Aberkennung der Bürgerrechte führt eine gerade Linie zur Verfolgung der Juden bis hin zu ihrer Vernichtung im Holocaust."
Stadt will Verantwortung tragen
Der Nürnberger Oberbürgermeister Marcus König (CSU) betonte, dass eine Auseinandersetzung mit der Geschichte das Verständnis für die Gegenwart schärfe. Sie stärke die Fähigkeit, Ausgrenzung zu erkennen, Menschenwürde zu verteidigen und demokratische Institutionen nicht als selbstverständlich anzusehen. Zudem bekannte sich das Stadtoberhaupt zur historischen Verantwortung, die Nürnberg langfristig wahrzunehmen habe.
Maria Bering, stellvertretende Amtschefin beim Beauftragen der Bundesregierung für Kultur und Medien, wies darauf hin, dass es Orte wie das Dokumentationszentrum besonders in einer Zeit brauche, "in der Rechtsextreme und Populisten unsere Demokratie angreifen und einen Schlussstrich unter die Geschichte ziehen wollen". Neben seiner Aufgabe als Bildungs- und Erinnerungsort sei es "im wahrsten Sinne des Wortes ein national relevantes Projekt des Städtebaus".




