An einer Leitplanke im Frankfurter Stadtteil Schwanheim steht ein weiß lackiertes Fahrrad. Blumen sind daran befestigt, eine Tafel erinnert an einen Menschen, der hier tödlich verletzt wurde. "Maurice, 45 Jahre, 13.06.2026" steht darauf. Ghostbikes, auf Deutsch Geisterfahrräder, heißen die Mahnmale. Sie sollen deutlich machen, wo überall Radfahrer nach einem Verkehrsunfall gestorben sind.
Die Idee für die Gedenkorte kommt aus den USA. Dort wurden die ersten 20 Räder im Jahr 2003 in St. Louis aufgestellt. Seit 2009 stellt der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) die Ghostbikes an Unfallorten auch in Deutschland auf, etwa auch in Hamburg, Berlin oder München. Im vergangenen Jahr sind nach Angaben des Fahrrad-Clubs bundesweit 462 Radfahrende nach Unfällen gestorben.
Das Ghostbike in Schwanheim erinnert an einen Radfahrer, der im Juni mit einem Linienbus zusammenstieß. Der Radfahrer wurde schwer verletzt und starb später im Krankenhaus. Für ihn wurde das 22. Ghostbike in Frankfurt aufgestellt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Gedenkfahrt waren schweigend und weiß gekleidet gemeinsam zum Unfallort geradelt. Dort erinnerten die Organisatoren an den Verstorbenen und hielten eine Schweigeminute ab.
Angehörige melden sich
Die Frankfurter Ghostbike-Initiative wurde 2015 vom ADFC ins Leben gerufen. Sie stellt die weiß lackierten Fahrräder an den Unfallorten auf, versieht sie mit Gedenktafeln und kümmert sich um den Erhalt. Der Verband setzt sich für sichere Radwege und Tempo 30 in Innenstädten mit einem Ziel ein: tödliche Unfälle verhindern, statt weitere weiße Fahrräder aufstellen zu müssen.
Ansgar Hegerfeld, Landesvorsitzender des ADFC Hessen, hat schon einige Räder aufgestellt. "In der Regel erfahren wir durch Polizeimeldungen von den tödlichen Unfällen", sagt Hegerfeld. Manchmal meldeten sich auch Angehörige oder Freunde direkt beim ADFC mit der Bitte um ein Ghostbike. Die Polizeimeldungen deckten nur Unfalltote ab. Wenn Menschen erst Wochen nach einem Unfall an den Folgen sterben, sei die Initiative auf Hinweise von Angehörigen oder Freunden angewiesen.
Gerade inspiziert er ein weiteres Ghostbike im Stadtteil Kalbach. Hier starb vor knapp zehn Jahren ein zwölfjähriges Mädchen, das auf ihrem Fahrrad von einem Lkw erfasst worden war. Hegerfeld entfernt Laub und ein paar Äste von dem Mahnmal.
Mahnung zur Umsicht
Durch Witterung und Vandalismus würden die Mahnmale gelegentlich zerstört, sagt Hegerfeld. "Ein paar Ghostbikes wurden auch schon gestohlen", fügt er hinzu. Eines der weißen Fahrräder sei sogar bei einem weiteren Verkehrsunfall am Aufstellungsort zerstört worden. Hegerfeld und andere Mitglieder des Fahrrad-Clubs besuchen die Standorte regelmäßig und reparieren die Mahnmale. Teilweise kümmerten sich allerdings auch Hinterbliebene.
Die Ghostbikes sollen verhindern, dass die Menschen hinter den Unfallmeldungen in Vergessenheit geraten. Hegerfeld und der ADFC wollen zugleich auf die Verletzlichkeit von Menschen im Straßenverkehr aufmerksam machen, die auf dem Rad oder zu Fuß unterwegs sind. Er erwarte von allen Verkehrsteilnehmern, dass sie die Regeln einhalten.
Geschwindigkeitsbegrenzungen beachten, vorausschauend fahren und etwa vor dem Öffnen der Autotür schauen, ob Fahrrad- oder Fußgängerwege frei sind.
"Ich wünsche mir für die Zukunft, dass wir die Initiative für die Ghostbikes auflösen können", sagt Hegerfeld. Auch bei der Gedenkfahrt in Schwanheim verbanden die Teilnehmenden die Erinnerung an den Verstorbenen mit einem Zeichen für "Vision Zero" - eine Stadt ohne Verkehrstote.




