"Doktor Schiwago": Herzschmerz mit Omar Sharif

Omar Sharif beim Dreh von "Doctor Zhivago" in Finland 1965.
Finnish Heritage Agency/CC/Wikimedia Commons / HBL / JOKA / Museovirasto
Unvergessener Kinohit
"Doktor Schiwago": Herzschmerz mit Omar Sharif
Vor 60 Jahren, am 5. Oktober 1966, kam das monumentale Epos "Doktor Schiwago" von David Lean in die deutschen Kinos - für seine Fans eines der schönsten und bewegendsten Melodramen aller Zeiten.

"Doktor Schiwago" ist ein Film, der sich Zeit lässt. Mehr als eine Stunde dauert es, bis sich die beiden Liebenden wirklich begegnen: der Dichter und Mediziner Jurij Schiwago und Larissa Antipowa, genannt Lara. Jurij und Lara werden im Laufe der Geschichte andere Partner finden, sich wiedertreffen und durch ihre unbedingte Liebe verbunden bleiben. Die natürlich, wie in jedem guten Melodram, an den widrigen Verhältnissen scheitern muss.

Vor 60 Jahren, am 5. Oktober 1966, kam der Film in die deutschen Kinos, und er lief monatelang. Er wurde mit fünf Oscars ausgezeichnet. Fans erinnerten sich noch Jahre später an die großen Momente, die Musik von Maurice Jarre, dessen musikalisches Leitmotiv ("Laras Thema") ein Ohrwurm wurde, an die glühenden dunklen Augen des Hauptdarstellers Omar Sharif, an das eingeschneite und innen vereiste Landhaus, in dem Jurij und Lara überwintern.

"Doktor Schiwago" hat einen langen Atem, nicht nur wegen seiner rund dreieinhalbstündigen Laufzeit, sondern auch, weil er mehr als zwei Jahrzehnte russisch-sowjetischer Geschichte überspannt, vom Zarenreich über den Ersten Weltkrieg und den Bürgerkrieg bis in die Kälte der Sowjetzeit. Auch wenn der britische Regisseur David Lean immer wieder betont hat, dass er sich auf die Liebesgeschichte konzentrieren wollte: Die Geschichte kommt in diesem Film immer wieder zu ihrem Recht, etwa in der Figur von Pavel, dem Mann von Lara, der als Revolutionär Strelnikow mit seinem Zug durch das Land hetzt, eine an Leo Trotzki angelehnte Figur.

Dem Film liegt der Roman "Doktor Schiwago" von Boris Pasternak zugrunde, der viel verästelter ist als Leans Inszenierung. In der UdSSR durfte er aufgrund seiner als regimekritisch angesehenen Untertöne nicht erscheinen. Aber er wurde von einem italienischen Journalisten herausgeschmuggelt und schließlich 1957 beim Mailänder Verlag Feltrinelli herausgebracht. 1958 wurde Pasternak der Nobelpreis für seine Lyrik und den Roman zugesprochen, er musste ihn aber aufgrund von Drohungen und politischem Druck ablehnen.

Schneelandschaft in Spanien nachgebaut

Man kann dem Film einen Hang zur Gigantomanie nicht absprechen. Gedreht wurde er unter anderem in der Weite Finnlands, aber vor allem in Spanien. Im Kalten Krieg waren Dreharbeiten in der Sowjetunion nicht möglich. In der Nähe von Madrid ließ David Lean, der als Perfektionist galt, eine gigantische Moskauer Straße nachbauen. Weil die Szene im Winter spielte, wurde sie mit einem Staub aus weißem Marmor überzogen. Tausende Statisten, damals noch nicht mit dem Computer erzeugt, bevölkerten die auf der Straße inszenierte Demonstration.

"Doktor Schiwago" gehörte mit einem Budget von rund elf Millionen Dollar zu den teuersten Produktionen seiner Zeit - wenn er auch das aus dem Ruder gelaufene "Cleopatra"-Projekt (44 Millionen Dollar) zwei Jahre zuvor nicht übertroffen hat. Das Geld kam aus Hollywood, von der Produktionsfirma MGM. Das Team des Films war international. Produzent Carlo Ponti war Italiener, Omar Sharif Ägypter, David Lean Brite, und aus Großbritannien kamen auch die meisten Schauspielerinnen und Schauspieler. Für Geraldine Chaplin, die Schiwagos Ehefrau spielt und für Julie Christie als Lara begannen mit diesem Film Weltkarrieren.

Einer der größten Publikumserfolge der 60er Jahre

In einer der zentralen Szenen blickt Schiwago Lara nach, die in einem Schlitten abreist, er sieht sie am Horizont verschwinden. Man kann das auch als ein Selbstzitat des Regisseurs sehen: in seinem vorangegangenen Film "Lawrence von Arabien" (1962) kommt ein Reiter ganz klein aus der Tiefe des Horizonts wie eine Fata Morgana auf Lawrence zu, in einer minutenlangen, heute legendären Einstellung: Es ist Sherif Ali, gespielt von Omar Sharif, dem David Lean mit diesem Film zu Starruhm verhalf.

"Doktor Schiwago" gehört zu den monumentalen, epischen Filmen, die Lean gegen Ende seiner Karriere inszenierte, angefangen mit "Die Brücke am Kwai" (1957), über "Lawrence" und "Schiwago" bis hin zu "Ryans Tochter" (1970) und "Die Reise nach Indien" (1984).

Die deutschen Kritiker konnten mit dem Film zunächst wenig anfangen, genauso wenig wie die US-amerikanischen, wo der Film im Dezember 1965 in die Kinos gekommen war. Der "Tagesspiegel" etwa monierte, der Film sei nur das "dürftige Gerippe eines Romans". Dennoch entwickelte er sich, in den USA wie in Europa, zu einem gigantischen Publikumserfolg, zu einem der größten der 60er Jahre. Er hat das Zehnfache seiner Produktionskosten eingespielt und lief auch später noch in Matineen in den Kinos.