Michelangelo verzaubert die Herforder Petrikirche

Ein Ausschnitt aus einem Michelangelo Werk projiziert an die Kirchendecke
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Wunderschöne Welten in der Petrikirche Herford.
Petrikirche in Herford
Michelangelo verzaubert die Herforder Petrikirche
Der Papst wollte zwölf Apostel, Michelangelo die ganze Schöpfung. In Herford füllt Michelangelos Kunst bald Wände und Decke der Petrikirche. evangelisch.de sprach mit Pfarrer Bodo Ries über eine Ausstellung, in der Besucher:innen mitten in der biblischen Geschichte sitzen.

evangelisch.de: In Ihrer Herforder Petrikirche lassen Sie Michelangelos Bilder ab dem 1. Oktober mit Projektionen und Musik lebendig werden. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Bodo Ries: Ich war in der Fabrique des Lumières in Amsterdam und habe dort die immersive Ausstellung zu Salvador Dalí erlebt "The Endless Enigma". Das war total eindrücklich. Es ist ein Industriegebäude, und dort waren diese Bilder ganz großflächig aufgezogen. Das fand ich stark. Da habe ich gedacht: Dieses eine Bild kenne ich, das habe ich als Jugendlicher immer als Postkarte verschickt. Und das andere kenne ich auch, das war aus der Biblia Sacra, dazu habe ich schon mal eine Predigt gehalten. Zwischendurch haben sie eine riesengroße Kathedrale an die Wand projiziert, sodass man plötzlich in der Kathedrale steht.

Das fand ich alles so eindrücklich, dass ich dachte: Es wäre großartig, wenn wir als Kirche unser eigenes Bildprogramm nutzen könnten, um Menschen glücklich zu machen, zu berühren, anzusprechen und vor allem Geschichten zu erzählen. Wir erzählen ja sehr gerne viele Geschichten. Da war die Idee geboren: Das müssen wir als Kirche im Angebot haben.

Wie sind Sie auf Michelangelo gekommen?

Ries: Er ist ein toller Typ, ein interessanter Mensch. Und wir wollten zum Start Bilder haben, die sehr bekannt sind. Diese Bilder von Michelangelo sind so facettenreich und bekannt, dass sie, glaube ich, bei vielen Menschen etwas auslösen. Wenn man dann aber langsamer hinschaut und fragt: Was sind das für Details? Was ist mit diesen beiden Fingern, warum berühren sie sich gar nicht? Was hat er sich dabei gedacht? Dann wird es spannend. Dann kann man Geschichten erzählen, Menschen in eine Spannung hineinnehmen und sie hoffentlich auch wieder mit einer schönen Entspannung entlassen.

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Welche Geschichte erzählen Sie? Wie hat man sich das vorzustellen?

Ries: Wir nehmen die Menschen mit auf die Reise des Michelangelo. Wir beginnen damit, dass der Papst überlegt: Ich möchte die Decke der Sixtinischen Kapelle neu haben. Ich möchte nicht mehr diese goldenen Sterne am blauen Himmel, sondern zwölf Apostel sehen.

Michelangelo wollte erst einmal überhaupt nichts davon wissen und sagte: Ich bin Bildhauer und kein Maler. Er hat sich dagegen gesträubt. Dann hat er sich doch überreden lassen, aber gesagt: Ich male auf gar keinen Fall diese zwölf Apostel. Das wäre ganz armselig für so eine tolle Decke. Ich möchte die ganze Schöpfungsgeschichte malen, alles, was dazugehört, die Erschaffung des Menschen und die Arche Noah. Er hatte sein eigenes Bildprogramm vor Augen und letztenendes hat der Papst zugestimmt. 

Diese Geschichte erzählen wir Stück für Stück. Zu den einzelnen biblischen Geschichten geben wir ein paar Hinweise und Impulse. Dann entfalten sich die Bilder im Kirchenraum. Beim Bild der Arche Noah steigt überall in der Kirche Wasser auf, und plötzlich sieht man, wie die Arche vorbeischwimmt. Oder bei der Szene im Garten Eden windet sich eine Schlange durch die Kirche. Solche Dinge werden gezeigt.

Bodo Ries und sein Team haben das beeindruckende Projekt umgesetzt.

Wie funktioniert das? Gibt es eine Stimme, oder wird ein Film an der Decke gezeigt?

Ries: Es gibt drei Stimmen, die wir im Tonstudio aufgenommen haben: eine, die einen willkommen heißt und wieder verabschiedet, eine Erzählerin und Michelangelo. Dazu kommt die Musik. Sie verbindet alles miteinander, holt eine besondere Stimmung hinein und führt die Themen musikalisch fort. Da sind die Orgel, der Flügel und elektronische Klänge dabei. Der Schall kommt aus vier verschiedenen Richtungen.

Dann gibt es eine dritte akustische Ebene, die die Geräusche hineinholt. Wenn sich irgendwo ein Fels nach vorne bewegt, macht es "knirsch". Aber eigentlich ist die Kirche die Erzählerin, weil sowohl an der Decke als auch an den Wänden und auf dem Fußboden die Geschichte erzählt wird. Überall passieren Dinge, die man hört und mit dem zusammenbringt, was man sieht und fühlt.

Das hört sich an wie eine Ganzkörpererfahrung.

Ries: Genau.

Wo befindet sich der Gast, und wie lange dauert das Ganze?

Ries: Der Gast sitzt entweder in einem Liegestuhl, auf einer Kirchenbank oder einem normalen Stuhl. Oder er liegt auf einem Liegekissen und schaut die ganze Zeit an die Decke. Das kann jeder frei entscheiden. Zunächst hat man 15 Minuten Zeit, sich einzufühlen und einzufinden. Dazu haben wir eine sphärische Sternlandschaft, die vibriert. Sonst ist die Kirche dunkel. Es gibt Musik, die einen hineinholt. Dann dauert es 45 Minuten, bis wir die Geschichte von Anfang bis Ende erzählt haben.

Was ist Ihr persönlich schönster Moment in dieser ganzen Show?

Ries: Das ist eine gute Frage. Das hängt ein bisschen von der Musik ab, die jetzt noch kommt, weil ich über Musik sehr empfänglich bin für Inhalte, Atmosphäre und Stimmung. Ich glaube, einer der schönsten Momente ist wirklich, wenn ich diesen Kirchenraum betrete und plötzlich merke: Wow, ich bin komplett verwandelt. Ich habe diese Kirche noch nie so gesehen, wie sie jetzt ist, mit diesen sphärischen Klängen. 

Ich habe gehört, dass Ihre Gemeinde wächst. Woran machen Sie das konkret fest?

Ries: Noch ist es so, dass wir mehr Gemeindemitglieder haben, die getauft werden oder sich in unsere Gemeinde umgemeinden lassen, als solche, die wegziehen oder versterben. Wir wachsen also von der Mitgliederzahl her. Aber das ist eigentlich nicht das entscheidende Kriterium. Es ist toll, dass die, die da sind, genau die Richtigen sind und erfüllt und gestärkt nach Hause gehen. Dass man nicht das Gefühl hat, es sind viel zu wenige, sondern ein gutes Gefühl mit denen hat, die da sind.

"Es ist ein sakraler Raum, in dem man die Gedanken schweifen lassen kann, aber auch ein Raum, in dem man keine Angst haben muss, etwas falsch zu machen"

Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis? 

Ries: Wir haben einen neuen Konfirmandenjahrgang mit 27 Konfirmanden und den alten mit 37. Wenn allein die Hälfte der Konfis kommt und Eltern mitbringt, hat man schon einige Gäste da. Auch den Senioren scheint es bei uns ganz gut zu gefallen. Bei all den Neuerungen erkennen sie immer noch ihre Kirche wieder. Sie merken, dass wir uns immer wieder neu fragen: Wie kann man den Glauben so darstellen, dass er lebendig ist?

Im Prinzip machen wir ganz traditionell bewährte, normale, gute Gemeindearbeit. Wir haben eine tolle Kinderchorarbeit mit einer jungen Kirchenmusikerin, die einen super Draht zu den Kindern hat. Sie bringt ihnen das Singen bei und darüber auch biblische Geschichten nahe. Der Schwerpunkt Jugendarbeit ist, glaube ich, ein Schlüssel. Wir haben 30, 40 Konfirmanden-Teamer, also Mitarbeitende, die mit auf Freizeiten fahren.

Sichtbar und hörbar: Die erste immersive Ausstellung ist in vollem Gange.

Ist das Ihre erste außergewöhnliche Idee? Ich habe den Eindruck, dass dem nicht so ist...

Ries: Ich bin ein bisschen Jäger und Sammler, was Ideen angeht. Eines unserer letzten Projekte war die Vesperkirche. Die haben wir jetzt seit vier Jahren, Jahr für Jahr. Da kommen viele Gäste zum Mittagessen, nicht nur die Menschen, die wir sonst über unsere sozialdiakonische Einrichtung, den Herforder Mittagstisch, erreichen. Dort haben wir das ganze Jahr über jeden Mittag etwa 40 bis 60 Gäste.

Bei der Vesperkirche ist eine Woche lang die ganze Stadt eingeladen. Wir würfeln alles durcheinander, und jeder darf und soll sich mit jedem unterhalten. Wenn eine Gruppe von den Stadtwerken, den Banken oder den Schulen kommt, mischen wir sie im Eingang durch und dann können sie sich mal mit anderen Menschen unterhalten.

Wie schaffen Sie es, die Leute für dieses Angebot zu interessieren?

Ries: Es ist schon ein sehr tolles Essen, das wir ermöglichen. Dazu kommt oft ein Kulturangebot mit Kabarett und Konzerten, die ebenfalls kostenlos sind. Ich glaube, das Gesamtpaket stimmt. Kirche und Gemeindehaus sind bei uns eins. Es ist ein sakraler Raum, in dem man die Gedanken schweifen lassen kann, aber auch ein Raum, in dem man keine Angst haben muss, etwas falsch zu machen, oder Ehrfurcht haben muss. Es ist eine Art Wohnzimmer, ein Zuhause, gleichzeitig mit einer spirituellen Note und Weite. Diese Mischung ist total schön.

Wir sind eine recht kleine Gemeinde. Das ist Fluch und Segen zugleich. Wir haben 60 Ehrenamtliche, die überall die Arbeit machen und sie tragen. Es ist natürlich auch eine Aufgabe, sie alle zu begleiten und zu schauen, dass jeder seins hat und bekommt.

Tausende von Lichtpunkten schaffen eine besondere Atmosphäre.

Wie lange hat der ganze Prozess für den LichtRaum Petri gedauert?

Ries: Mit dem LichtRaum Petri ging es 2024 los. Wir haben einen Zuschlag beim Kulturförderprogramm "KulturInvest 2024" bekommen. Da wussten wir: Es ist schon mal viel möglich. Dann zerbrach leider die Bundesregierung und damit auch der Haushalt. Es musste neu gewählt und ein neuer Haushalt beschlossen werden. Es gab einen Ausgabestopp.

Im Februar dieses Jahres konnten wir dann vorzeitig mit den Maßnahmen beginnen. In der Zwischenzeit haben wir einen Verein gegründet und viele Sponsoren und Partner in das Projekt geholt. Wir haben die Zeit genutzt. Ich hätte dennoch gedacht, das könnte einen Tacken schneller und einfacher gehen.

Dieses Projekt war wahrscheinlich auch teuer?

Ries: Wir sind jetzt bei ungefähr 840.000 Euro.

Wow. Aber es soll ja dauerhaft sein, für die Ewigkeit.

Ries: Es ist immer für die Ewigkeit. Nein, für den Moment soll es schön sein, aber gerne auch die nächsten 20 Jahre. Wir verbauen die Projektionstechnik jetzt dauerhaft. Man kann später zum Beispiel ein immersives Dinner, ein gemeinsames Essen mit Bildprojektionen anbieten oder Konzerte live mit Bildern und Videoprojektionen begleiten.

Wir werden von unserer Partnerfirma geschult, damit wir zu Pfingsten oder Ostern einzelne Dinge selbst zaubern und für den Raum nutzen können. Wir bauen dafür ein Team auf. Auch Hochschulen und Universitäten möchten mit ihren Studierenden Semesterprojekte bei uns umsetzen und ihre Ergebnisse präsentieren. Wir wollen als Kirche mit dieser Ausstellung jeden ansprechen. Wir halten ein Tablett hin, und jeder nimmt sich seins herunter.

"Die Orgel hatte die Aufgabe, möglichst eher langweilige oder ganz meditative Dinge zu spielen, damit man wirklich schlafen konnte. Wir lagen auf den Schlafsäcken, dann fing einer ein bisschen an zu schnarchen"

Hat so ein Dinner dann auch einen religiösen Bezug?

Ries: Wenn man gemeinschaftlich in der Kirche sitzt und etwas isst, ist das erst einmal per se schön. Es muss nicht jedes Mal am Ende eine Predigt, eine Andacht oder ein Segen stehen. Zum Beispiel beim Sommerkino: Wir haben jeden Sommer sechsmal eine volles Haus. Die Leute sind abends dort, wo sie sonst Gottesdienst feiern, und schauen einen Kinofilm. Das kann auch eine Komödie oder ein Drama sein. Das reicht dann schon. Dann verbringen 150 oder 200 Gäste einen schönen Abend in der Kirche, gehen glücklich nach Hause und haben eine schöne Erfahrung gemacht. Eine Woche später kommen sie vielleicht wieder und feiern Gottesdienst.

Was waren Ihre Highlights bisher und was planen Sie für die Zukunft?

Ries: Für den LichtRaum Petri haben wir viele Folgeprojekte. Aber manche sind so was von geheim, dass wir sie gar nicht erzählen können, sonst machen es die anderen, die so etwas auch haben, schneller als wir.

Unser letztes Riesenprojekt war die hybride Orgel. Wir haben unsere Pfeifenorgel so umgebaut, dass die Pfeifen gleichzeitig mit digital aufgenommenen Klängen erklingen können. Man hat das Gefühl, in einer Kathedrale zu sein und eine Riesenorgel zu hören. Diese Orgel wird auch im LichtRaum Petri zu hören sein.

Innerhalb unseres Orgelfestivals hatten wir ein Schlafkonzert. Alle hatten ihre Isomatten mitgebracht, und wir lagen drei Stunden darauf. Die Orgel hatte die Aufgabe, möglichst eher langweilige oder ganz meditative Dinge zu spielen, damit man wirklich schlafen konnte. Wir lagen auf den Schlafsäcken, dann fing einer ein bisschen an zu schnarchen. Das war auch zum Schmunzeln. 

Weitere Infos:

Am 1. Oktober öffnet der LichtRaum Petri erstmals seine Türen. Zum Auftakt wird "Michelangelo – zwischen Himmel und Erde gezeigt. Eine immersive Reise durch die Sixtinische Kapelle". Bis dahin laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Der Vorverkauf ist gestartet.