Ironie des Schicksals: Während fünf Personen in einem unterirdischen Schutzraum den Untergang proben, weil die Stadt laut Szenario in Schutt und Asche liegt, wird oben drüber eine Weltkriegsbombe entschärft. Gut möglich, dass aus dem Spiel Wirklichkeit geworden ist, wenn die Gruppe an die Oberfläche zurückkehrt; immerhin sind sie, wie es der Übungsleiter formuliert, "die letzten Menschen von Köln".
Die Rahmenbedingungen von Fall Nummer 96 für das Duo Ballauf und Schenk (Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär) sind also schon mal interessant. Zum Krimi wird der Film durch den obligaten Todesfall: Die Handlung beginnt um 4 Uhr morgens, Elara Schmidtke (Katharina Schüttler) ist schon vor dem Wecker wach. Lippenstift wäre angesichts des drohenden Weltuntergangs unpassend, aber ihre Nervosität hat andere Gründe: Sie kann ihren Bruder nicht erreichen. Linus wollte ebenfalls beim Survival-Seminar mitmachen; seine Leiche wird entdeckt, während sich Elara und die anderen in die Unterwelt begeben.
Das vielfach ausgezeichnete Ehepaar Eva und Volker A. Zahn (Grimme-Preis für "Ihr könnt euch niemals sicher sein", 2009), hat bereits einige bemerkenswerte Drehbücher für die Kölner Kommissare geschrieben. Ihre Geschichten zeichnen sich nicht zuletzt durch den regionalen Charakter aus, weil sie Ballauf und Schenk auch mal im Braunkohlegebiet ("Abbruchkante", 2023) oder, wie zuletzt, im Kölner Fernmeldeturm ermitteln lassen ("Colonius", 2025).
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Diesmal geht’s im Hintergrund um die "Jahrhundertflut" vor fünf Jahren. Zu den Opfern damals gehörte auch die Mutter der Geschwister, wie sich schließlich ’rausstellt. Wie ihr Tod mit den aktuellen Ereignissen zusammenhängt und welche Rolle der Übungsleiter dabei gespielt hat, würde in der Nacherzählung konstruiert wirken; innerhalb der Handlung sind die Verkettungen völlig plausibel.
Notorische Krimifans werden allerdings schon beim Vorspann aufmerken. Florian Stetter, beim breiten Publikum von 2009 bis 2011 als Kommissar an der Seite von Ulrike Kriener in der ZDF-Reihe "Kommissarin Lucas" bekannt geworden, hat darstellerisch später die Seiten gewechselt und wird gern als Wolf im Schafspelz besetzt: sanft im Auftritt, eiskalt im Abgang, in Perfektion dargeboten seit 2022 als gewalttätiger Ehemann einer Polizistin in den Filmen mit Franziska Hartmann als "Katharina Tempel" (ebenfalls ZDF). Die Wandlung von Übungsleiter Moritz Zechmann, im Grunde eine tragische Figur, zum Schaf im Wolfspelz ist jedoch nur bedingt glaubwürdig, und das hat nichts mit Stetters Filmografie zu tun.
Aber auch bei der Umsetzung gibt es ein paar weitere Stolperstellen. Im Rahmen des Trainings wird Elara im angeblich stockfinsteren "Leichenkeller" eingesperrt. Sie tastet sich vorsichtig durch den Raum, was etwas seltsam anmutet: Die Bilder zeigen zwar ein Zwielicht, aber es ist keineswegs zappenduster. Einige Auslassungen wiederum waren vermutlich eine Frage des Budgets. Zwischendurch fährt mal ein Streifenwagen durch den menschenleeren nächtlichen Stadtteil, aber davon abgesehen finden die Bombenentschärfung und das daraus resultierende Verkehrs-Chaos allein auf Dialogebene statt.
Die unvermeidliche Rückblende gegen Ende gilt nicht dem eigentlichen Auslöser der Tragödie, der Flutkatastrophe, sondern einem zufällig mitangehörten Gespräch. Auch darstellerisch ist der Film zwischendurch etwas unrund. Was den Spannungsgrad angeht, hat Regisseur Marcus Weiler vor einigen Jahren mit seinem ersten Kölner Krimi einen Maßstab gesetzt, den seine Inszenierung diesmal nicht erreicht. "Hubertys Rache" (2022, ebenfalls nach einem Zahn-Drehbuch) über eine Geiselnahme auf einem Ausflugsschiff war damals der packendste Fall für Ballauf und Schenk seit langem.
Immerhin sorgen ein paar kleine Schockmomente sowie die elektronische Thriller-Musik (Olaf Didolff) für einigen Nervenkitzel, und wenn Elara panisch nach einem Fluchtweg aus dem zumindest für sie zur Falle gewordenen Schutzraum sucht, ist das durchaus fesselnd (gedreht wurde in einem ehemaligen Zivilschutzbunker in Köln-Kalk). Wenig elegant, aber "Tatort"-typisch ist die eine oder andere Erklärung von Sachverhalten, die sich dem Publikum längst erschlossen haben, und ausgerechnet das beinahe zu ausführliche und entsprechend wortreiche Finale, das einen unerwarteten weiteren Todesfall mit sich bringt, ist in der Inszenierung vergleichsweise undramatisch ausgefallen. Sehenswert ist der Krimi nicht zuletzt wegen der sorgfältigen Bildgestaltung (Ralph Kaechele), zumal die komplexe Handlung noch einige Überraschungen bereithält.



