Darmstadt (epd). „Will ich ein Kind?“ Diese Frage hatte sich Sara Eßel gestellt. „Ich bin Anfang 30 und durfte für mich eine Entscheidung treffen“, erzählt die Referentin des Vereins Evangelische Frauen in Hessen und Nassau (EFHN). „Viele hadern jedoch mit ihrer Entscheidung.“ Junge Menschen fühlten sich oft alleine gelassen mit der Frage, ob sie angesichts der Klimaerwärmung und weiterer Krisen in der Welt Kinder bekommen sollten.
Aus Eßels eigener Lebenserfahrung sei die Veranstaltungsreihe „Maybe Baby“ entstanden. In dieser Reihe konnten sich Menschen mit der Frage zu ihrem Kinderwunsch professionell begleitet mit anderen austauschen. „Das Thema wird in die Individualität gedrängt. Die politische Dimension ragt aber in unseren Alltag hinein“, sagt Eßel. Es mangele an Unterstützung bei dieser Frage.
Klimakrise als drängendes Problem anerkennen
Nach ihrer Beobachtung wünschen sich Maybe-Baby-Teilnehmerinnen, dass die Politik im Umgang mit der Erderwärmung entschlossener handelt und die Klimakrise als drängendes Problem anerkennt. Sie sorgten sich, ob die Welt von morgen noch lebenswert ist. Nach dem „Children's Climate Risk Report 2026“ des UN-Hilfswerks Unicef sind bereits jetzt weltweit fast alle Kinder mindestens einer Klimagefahr wie zum Beispiel Dürren und Hitzewellen ausgesetzt.
In Deutschland sinkt laut dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung nicht nur die Geburtenrate (2025: 1,32 Kinder pro Frau), sondern auch der Wunsch nach eigenen Kindern. 2025 lag dieser Wert bei 1,7 Kindern bei Frauen und 1,6 bei Männern, in den Jahren 2021 bis 2024 lag er konstant bei 1,8 Kindern. Die Forschenden führen diese Entwicklung vor allem auf Kriege, die Klimaerwärmung und Ängste vor einer geschwächten Demokratie zurück.
In den sozialen Medien wird das Thema „Gebärstreik“ im Zusammenhang mit Klimaangst schon länger diskutiert. Obwohl die Entscheidung, ein Kind zu bekommen, persönlich und individuell sei, müsse es öffentlich thematisiert werden, findet Eßel.
Projekt „Maybe Baby“ in Hannover geplant
Über das Projekt „Maybe Baby“ hätten die Evangelischen Frauen Menschen erreicht, die sonst kein kirchliches Angebot wahrnehmen. Die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannover starte das Projekt nun im September. Die Klimakatastrophe sei dabei nur ein Aspekt von mehreren, die zur Entscheidung für oder gegen Kinder beitrügen.
Die Sorgen junger Menschen um die Zukunft der nachfolgenden Generationen kann Pfarrer Michael Böttcher aus dem Kirchenkreis Marburg gut nachvollziehen. Er ist Beauftragter für Schöpfungsverantwortung, Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Klimagerechtigkeit in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) und hat selbst einen zweijährigen Sohn. „Ich mache mir viele Gedanken: Wie wird diese Welt, in der er aufwächst, aussehen, insbesondere angesichts der Klimakrise?“
Ressourcen werden knapper
Lebensbedingungen verschlechterten sich durch Extremwetter. „Noch schneller wird sich möglicherweise die Gesellschaft zum Negativen hin entwickeln, wenn Ressourcen wie Lebensmittel knapper werden. Wenn unsere Lebensgrundlagen umkämpft werden, ist auch die Demokratie in Gefahr“, sagt Böttcher. Die Linie der Bundesregierung, weiter auf fossile Verbrennung zu setzen, gehe „nicht in die richtige Richtung“.
Dennoch will der Theologe zuversichtlich sein: „Meine Hoffnungsstimme wird in der eigenen Lebenserfahrung gestärkt durch den Umgang mit dem eigenen Kind“, sagt Böttcher. „Mit der Verantwortung für meinen Sohn wachsen Vertrauen und Glaube trotz allem.“ Die Verantwortung für sein Kind motiviere ihn zum Engagement für eine gute Zukunft.
Die Antwort auf die Frage, ob es richtig sei, ein Kind zu bekommen, könne man nicht verallgemeinern. Der Pfarrer empfiehlt, sich mit alten Menschen auszutauschen, die Krisenzeiten erlebt haben. „Wir können auch füreinander Seelsorger sein.“



