Wenn ein Film mit dem Song "Psycho Killer" von den Talking Heads beginnt, kann die Geschichte unmöglich gut enden. Der misanthrope Antiheld trägt zudem den Namen eines literarischen Vorbilds, das ebenfalls einem tragischen Schicksal anheim fällt. Regisseur Gregor Samsa ist zwar kein Käfer wie die Hauptfigur aus Franz Kafkas Erzählung "Die Verwandlung", erweckt aber über weite Strecken den Eindruck, als sei er ähnlich hilflos wie ein auf dem Rücken liegendes Krabbeltier: Bei den Vorbereitungen zu seinem neuen Film tanzen ihm alle auf der Nase rum.
Mit "Bad Director" arbeitet sich Oskar Roehler nach "Enfant Terrible" (2020) also erneut am Filmgeschäft ab. Im Vergleich zur gewöhnungsbedürftigen Fassbinder-Hommage ist sein jüngstes Werk allerdings fast schon ein kurzweiliger Mainstream-Film mit oftmals amüsant bissigen Dialogen. Der Regisseur, dessen Mutterdrama "Die Unberührbare" 2001 mit dem Deutschen Filmpreis in Gold ausgezeichnet worden ist, bleibt sich jedoch treu und nutzt auch diese Farce zur lustvollen Provokation.
Vor allem am Spiel Oliver Masuccis, für "Enfant Terrible" ebenfalls mit dem Deutschen Filmpreis geehrt, werden sich die Geister scheiden, zumal er die Rolle des gleichermaßen verbitterten wie künstlerisch ausgebrannten Regisseurs mit unnötigen Manierismen versieht: Samsa bleckt dauernd die Zähne und zieht ständig die Nase kraus, weil vermutlich seine Brille rutscht; das klobige Gestell mutet ohnehin wie eine Maske an. Sprechweise und Körpersprache wirken ebenfalls aufgesetzt, als wollte Roehler mit jeder Einstellung signalisieren.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Dieser Mann ist eine Kunstfigur. Andererseits verdeutlicht er damit natürlich die Künstlichkeit der Filmbranche, in der alle eine Rolle spielen. Schon beim Besuch der Filmpreisverleihung zum Auftakt lässt Samsa kein gutes Haar an den aufgeblasenen Egos, die sich dort tummeln. Vorlage für Roehlers Drehbuch war sein eigener Roman "Selbstverfickung" (2017, Ullstein). Die zynische Haltung Samsas rächt sich, als er mit den Dreharbeiten beginnen will. Worum es in der Handlung seines Films geht, wird nicht weiter vertieft.
Bereits bei den Proben kommt es zum Eklat: Der Hauptdarsteller (Elie Kaempfen) nimmt den Regisseur nicht ernst, die zickige Hauptdarstellerin (Anne Ratte-Polle) will ihn durch seinen Assistenten (Götz Otto) ablösen lassen, die Vertreterinnen von Masken- und Kostümbild nerven mit nebensächlichen Detailfragen, und der Produzent denkt nur ans Geld. Einzige Lichtblicke sind die Treffen mit einer jungen Frau, die mehr und mehr zu Samsas Obsession wird. Die erste zufällige Begegnung findet in einem Antiquariat statt, in das sich der Regisseur vor einem sinnlos wütenden Zeitgenossen geflüchtet hat.
Er hält Grete für den Typus "Suhrkamp-Lektorin", aber die aus Litauen stammende Ex-Studentin entpuppt sich als Prostituierte; trotzdem ist ausgerechnet sie das einzige authentische Wesen in dieser Kunstwelt. Ganz gleich, was man vom Rest des Films halten mag: Bella Dayne ist unbedingt ein Grund, sich "Bad Director" anzuschauen. Die gebürtige Berlinerin hat ihre Ausbildung in New York absolviert und in diversen internationalen Produktionen mitgewirkt, unter anderem war sie die weibliche Hauptdarstellerin der BBC/Netflix-Serie "Troja – Untergang einer Stadt" (2018).
Ihr beachtliches deutsches Debüt war ein 2022 ausgestrahlter "Tatort" aus Berlin ("Das Mädchen, das allein nach Haus’ geht"); für die Verkörperung der Titelfigur hat sie beim Fernsehfilmfestival TeleVisonale in Baden-Baden den Sonderpreis für herausragende darstellerische Leistung bekommen. Mit ihrer erfrischenden Natürlichkeit und einem zauberhaften Akzent setzt sie mühelos die Glanzpunkte in Roehlers Film. Masucci ist fraglos ein hervorragender Schauspieler, aber seine Darbietungen lassen Samsa wie eine Comedy-Figur wirken: eine Karikatur, die nichts entlarvt, sondern bloß verzerrt.
Auch andere Ensemble-Mitglieder streifen mit ihren teilweise grotesk übertriebenen Darstellungen zuweilen die Grenze zur Lächerlichkeit. Dayne dagegen scheint gar nicht spielen zu müssen und lässt zudem offen, ob Grete tatsächlich etwas für den cholerischen Filmemacher empfindet oder ob sie bloß seinen Regieanweisungen folgt. Der Arbeitstitel von "Bad Director" lautete "Achteinviertel", ein untrüglicher Hinweis auf Federico Fellinis autobiografischen Klassiker "Achteinhalb" (1963), in dem es ebenfalls um einen Regisseur geht, dem die kreative Kraft abhanden gekommen ist. Großes Kino in Roehlers Film ist aber vor allem die dramatische Musik von Martin Todsharow.



