Käßmann: Deutschland muss nicht die größte Armee Europas haben

Margot Käßmann
Julia Baumgart
Deutschland soll die stärkste diplomatische Macht Europas sein, Vertrauen schaffen und Initiativen für eine neue europäische Friedensordnung entwickeln, so die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende.
Diplomatie statt Aufrüsten
Käßmann: Deutschland muss nicht die größte Armee Europas haben
Margot Käßmann, ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, hält an ihrer pazifistischen Überzeugung fest. Der Publizist Stephan Anpalagan hingegen hat sie unter dem Eindruck des Ukrainekriegs geändert.

Die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, stellt die Aufrüstung Deutschlands und der Ukraine infrage. Die Ukraine habe ihre "ganze Solidarität", sagt Käßmann in einem Streitgespräch mit dem Publizisten Stephan Anpalagan in dem im hessischen Oberursel erscheinenden Monatsmagazin "Publik-Forum" (Freitag online). Doch sie sehe auch die jungen Russen, die vom russischen Präsidenten Wladimir Putin verheizt würden.

"Ich halte nichts von der Vorstellung, Deutschland müsse die größte konventionelle Armee Europas haben", sagt die Theologin weiter. Stattdessen solle Deutschland die stärkste diplomatische Macht Europas sein, Vertrauen schaffen und Initiativen für eine neue europäische Friedensordnung entwickeln.

Anpalagan sagt, er sei früher selbst pazifistisch eingestellt gewesen, doch unter anderem unter dem Eindruck des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine habe er seine Meinung geändert. "Wir haben es mit einem echten ethischen Dilemma zu tun", erklärt er. "Wir wollen Frieden - was sonst?". Zugleich müssten Menschen geschützt werden, die angegriffen würden.

Flucht sei für viele Menschen schlicht nicht möglich, sagt Anpalagan. Beispielsweise pflege er gemeinsam mit seiner Mutter seinen an Demenz erkrankten Vater. "Die Flucht vor einem Aggressor ist kein Ausweg mehr für ihn", beschrieb er. Es gebe alte Menschen, Kranke, Pflegebedürftige, die nicht fliehen könnten: "Sie brauchen Schutz, auch militärisch." Auch deshalb habe er seine Entscheidung revidiert.