BKA-Mitarbeiter: Kinderpornografie sichten, um Opfer zu retten

Eine Ermittlerin sitzt vor Monitoren mit unkenntlich gemachten Fotografien
Rolf Vennenbernd/dpa
Jeden Tag tauchen im Internet neue Videos oder Bilder auf, die Situationen oder Handlungen zeigen, in denen Kinder missbraucht werden. (Symbolbild)
An der Grenze des Aushaltbaren
BKA-Mitarbeiter: Kinderpornografie sichten, um Opfer zu retten
Im Internet gibt es riesige Mengen an Bildern und Videos mit Kinderpornografie. Polizeibeamte müssen sie sichten, um Täter überführen und Kinder retten zu können. Die Opfer zu finden, habe oberste Priorität, sagt der BKA-Mitarbeiter Schwalbe.

Marc Schwalbe arbeitet beim Bundeskriminalamt (BKA) und sichtet täglich kinderpornografisches Material. Das ist eine Aufgabe, die Menschen an eine psychische Belastungsgrenze bringen kann.

epd: Herr Schwalbe, warum haben Sie sich dafür entschieden, hauptberuflich kinderpornografisches Material zu sichten?

Marc Schwalbe: Das ist eine Frage, die mir tatsächlich öfter gestellt wird, oft mit einem mitleidigen Unterton. Aber es war eine bewusste Entscheidung. Grundsätzlich begegnen wir in meinem Referat, dem Bereich Gewalt- und Sexualdelikte, dem Schlimmsten, wozu Menschen fähig sind. Aber genau dort ist die Arbeit meines Erachtens am wichtigsten. Es ist eine harte Arbeit, ja. Man nimmt auch mal was mit nach Hause, aber das Gefühl, ein Kind aus einer Gefahrensituation befreit zu haben oder einen Serientäter hinter Gitter gebracht zu haben, das gibt einem eine Sinnhaftigkeit, die man in kaum einem anderen Beruf findet. Wir machen diese Arbeit, weil wir den Opfern eine Stimme geben wollen.

Wie sieht ein klassischer Arbeitstag von Ihnen aus?

Schwalbe: Einen klassischen Alltag gibt es in unserem Bereich eigentlich nicht, da wir sehr stark vom aktuellen Geschehen und neuen Hinweisen getrieben sind. Es gibt allerdings eine Konstante, die einen Großteil unserer Zeit beansprucht, und das ist die Auswertung von Beweismitteln.

"Diese Inhalte zu sehen, das lässt mich niemals kalt."

Konkret bedeutet das, dass wir jeden Tag riesige Mengen an Bild- und Videomaterial sichten und akribisch beschreiben beziehungsweise kategorisieren müssen. Dabei geht es nicht nur darum, illegale Inhalte festzustellen, sondern auch darum, Spuren zu sichern, die uns dann zu den Tätern oder, was oberste Priorität hat, zu etwaigen Opfern führen. Teil unseres Arbeitsalltags ist es aber auch, regelmäßig Bildschirm-Pausen zu machen. Es gibt die Möglichkeit, in einem Raum zur Ruhe zu kommen. Wie lange am Stück wir Material sichten, ist individuell und hängt auch davon ab, was man bearbeitet.

Marc Schwalbe

epd: Was macht es mit Ihnen, täglich diese Bilder und Videos zu sehen?

Schwalbe: Diese Inhalte zu sehen, das lässt mich niemals kalt. Was die Bilder in mir auslösen, ist eine Mischung aus tiefer Abscheu, Wut und Trauer. Und wenn ich sehe, wie Kinder instrumentalisiert oder gequält werden, dann verlässt man den Bereich des beruflich distanzierten Analysierens sehr schnell. Das sind dann Momente, in denen ich als Vater und auch als Mensch generell an Grenzen stoße. Aber, und das ist der entscheidende Punkt, die Wut ist auch mein innerer Antrieb. Jedes Bild, das mein Team und ich auswerten und jedes Video, das wir analysieren, ist ein Beweismittel. Es ist eine Gratwanderung zwischen Empathie für das Opfer und der kühlen Distanz, die man für die Ermittlung braucht.

Wie schaffen Sie es, nach der Arbeit abzuschalten?

Schwalbe: Das ist natürlich bei jedem individuell. Bei mir ist es ein Dreiklang aus Familie, Sport und Freunden. Zu Hause erdet mich meine Familie. Es ist essenziell, dass man die Tür zum Berufsleben irgendwann schließt. Spätestens dann, wenn man, wie in meinem Fall, Frau und Kinder zu Hause antrifft. Sport ist für mich ein Ventil. In der dienstfreien Zeit brauche ich Bewegung. Das hilft mir, Stress abzubauen und insgesamt resilienter zu werden. Und drittens sind Freunde und Kommunikation wichtig. Ich treffe mich regelmäßig mit Freunden, die nicht bei der Polizei arbeiten. Es ist wichtig, mal über banale Dinge zu lachen und sich daran zu erinnern, dass die Welt nicht nur aus Verbrechen besteht.
Supervision ist fester Bestandteil der Arbeit

Bekommen Sie auf der Arbeit Unterstützung, um das Gesehene zu verarbeiten?

Schwalbe: Ja, es gibt eine Supervision. Das ist fester Bestandteil unserer Arbeit. Jeder muss sie mindestens zweimal im Jahr besuchen, es gibt aber auch Kollegen, die das deutlich häufiger machen. Die Supervision hilft, die emotionale Distanz zu wahren und unsere Arbeitsweise zu hinterfragen. Das dient nicht nur unserem eigenen Gesundheitsschutz, um langfristig psychisch gesund zu bleiben, sondern ist auch ein wesentlicher Baustein für die Qualitätssicherung unserer Ermittlungen. Ich glaube, ohne Supervisionskultur wäre eine professionelle und menschenwürdige Ermittlungsarbeit in diesem speziellen Deliktbereich auf Dauer kaum leistbar.

Gibt es in Ihrem Arbeitsbereich eine hohe Fluktuation von Mitarbeitenden?

Schwalbe: Ich leite das Referat seit zwei Jahren und in dieser Zeit ist die Fluktuation quasi null. Wir haben im Gegenteil viele Interessierte für diese Arbeit und führen sogar eine Warteliste. Ich glaube, das liegt an der hohen Sinnhaftigkeit in diesem Arbeitsbereich. Viele kommen während ihres Bachelorstudiums für ein Praktikum zu uns, dadurch haben sie schon mal einen Einblick in unsere Arbeit und können einschätzen, ob sie damit umgehen können.

Wie kann man sich auf so eine Arbeit vorbereiten?

Schwalbe: Fachlich vorbereiten kann man sich natürlich auf diese Tätigkeit. Aber psychisch ist das noch einmal ein ganz eigener Lernprozess. Es gibt zwar ein verpflichtendes Sensibilisierungsgespräch, bevor man in diesen Bereich kommt. Aber was diese Bilder und Videos, die man in Zukunft sehen wird, mit einem machen, das findet man eigentlich erst danach heraus. Für das Fachliche gibt es Schulungen, beispielsweise zu Tätertypologien, Aussagepsychologie und den rechtlichen Besonderheiten in diesem Deliktbereich. Und gerade im Bereich des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen ist es heute unabdingbar, dass man gewisses IT-Know-how hat.

"Es ist wichtig zu sagen, dass auch KI-generierte Kinderpornografie strafbar ist, auch wenn dahinter kein real existierendes Kind steht." 

Welche Rolle spielen Künstliche Intelligenz und Deepfakes in der Kinderpornografie?

Schwalbe: Das wird immer relevanter, weil immer mehr Tools zur Verfügung stehen, mit denen jedermann Deepfakes erstellen kann. Es ist wichtig zu sagen, dass auch KI-generierte Kinderpornografie strafbar ist, auch wenn dahinter kein real existierendes Kind steht. Schon die Verbreitung solcher Bilder ist strafbar. Auf der anderen Seite wird auch für unsere Arbeit laufend geprüft, inwiefern wir Künstliche Intelligenz nutzen können, beispielsweise bei der Auswertung von Materialien.

Sie haben erzählt, dass Sie selbst Vater sind. Wie beeinflusst das Ihre Arbeit?

Schwalbe: Das ist ambivalent. Einerseits ist die emotionale Belastung höher. Wenn man täglich Material sieht, wo Kindern unfassbares Leid zugefügt wird, und dann nach Hause kommt und die eigenen Kinder in den Arm nimmt, dann brennen sich diese Bilder anders ein. Die Angst um die Sicherheit der eigenen Familie wird präsenter und man muss lernen, die berufliche Welt möglichst strikt von der privaten zu trennen.

Und andererseits?

Schwalbe: Auf der anderen Seite ist diese persönliche Bindung mein stärkster Antrieb. Weil ich weiß, wie schutzbedürftig Kinder sind, sehe ich meine Arbeit als notwendigen Schutzwall. Das Wissen, dass wir durch die Auswertung dieses Materials Täter identifizieren und eventuell weiteren Missbrauch verhindern können, gibt mir die professionelle Distanz. Man arbeitet nicht mehr nur einen Fall ab, sondern kämpft um die Unversehrtheit einer Kindheit, auch um die der eigenen Kinder.