Zu Fuß als Wallfahrer:in durch militärisches Sperrgebiet

Uniformierter Hauptmann führt Pilgergruppe mit Marienbild über den Truppenübungsplatz
Josef Kleinhenz
Ein Hauptmann der Bundeswehr läuft bei der Prozession durch den Truppenübungsplatz den Pilgern voraus. Denn es gilt: Vorsicht, Lebensgefahr! (Archivbild)
Beten mit Geleitschutz
Zu Fuß als Wallfahrer:in durch militärisches Sperrgebiet
Am 14. August ziehen Pilger in der Rhön durch den Truppenübungsplatz Wildlecken: Eine der ungewöhnlichsten Prozessionen in Deutschland. Wer dabei sein will, muss auf dem Weg bleiben.

Schon lange sind Pilgerwege nicht nur für Katholiken von Interesse. Mit dabei und organisatorisch eingebunden auf diesem Weg sind evangelische Christen. So organisiert und fährt Frank Härter aus Wegfurt bei Bischofsheim in der Rhön als Protestant schon seit mehr als zehn Jahren den Gepäckwagen, wenn eine Fußwallfahrt durch das militärische Sperrgebiet nach Maria Ehrenberg (Landkreis Rhön-Grabfeld) führt. Der Ort zwischen Bayern und Hessen ist Schauplatz einer der ungewöhnlichsten Prozessionen in Deutschland. 

Frank Härter, ursprünglich aus Gollmuthhausen im Milzgrund des gleichen Landkreises, organisiert den Gepäcktransport und fährt begeistert den Wagen. Auf dem Transporter sind Rucksäcke, Regenschirme, Instrumente der Blasmusikanten und ein Notfallkoffer. Dazu kommt auf der Rückfahrt die Madonna mit dem Strahlenkranz. Außerdem befördert ein von Klaus Kleinhenz gesteuerter Pritschenwagen Getränke und Tischgarnituren für die Pausen. Alles ist bestens organisiert. 

Der 56-Jährige Protestant hatte lange ein Autohaus betrieben und ist davon bis heute noch nicht ganz losgekommen. Stets beweist er eine glückliche Hand, wenn es darum geht, extra für die Pilgertour Maria Ehrenberg in "vier- bis sechswöchiger Suche" ein gebrauchtes Transportfahrzeug zu erwerben. Alt wird es in der Rhön allerdings nicht. Denn wenige Tage nach Gebrauch verkauft er es schon wieder. "Ich habe dabei noch nie draufgelegt", rechtfertigt Frank Härter seinen Aufwand und freut sich, wenn die Pilger seinen Dienst dankbar annehmen. 

Gebete über göttliche Liebe und Hoffnung

Er steht zwar nicht direkt als Pilger in deren Reihen, ist aber von den Gebetsinhalten angetan, die von den Vorbeterinnen vorgetragen werden. Diese treffen sich im Vorfeld für die Vorbereitung in seinem Haus. Dass die Gebetstexte auf das Leben der Menschen von heute abzielen, den Aspekt des Friedens enthalten und von der göttlichen Liebe und Hoffnung künden, freue ihn besonders. Es seien moderne, einfache, aber berührende Texte, die gut verstanden würden. Seine Frau sei katholisch und reihe sich in das Team der Vorbeterinnen ein.

In Wegfurt bei Bischofsheim startet am Vortag von Maria Himmelfahrt die fromme Prozession mit einer zusammengewürfelten Musikkapelle. Vorab wird in der örtlichen Kirche St. Peter und Paul noch der Wallfahrtsegen gespendet. Rund 100 Pilger sind es, die sich auf den Weg nach Maria Ehrenberg machen, um das spätgotische Gnadenbild "Mutter der Barmherzigkeit" zu verehren. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Gegenüber früheren Jahren wächst die Zahl an. Diesmal wird es wegen der wohl fortdauernden Hitze einer besonderen Kraftanstrengung bedürfen.

Begleitung durch Soldaten

Die Pilger sind in Abschnitten auf einer 52 Kilometer langen Panzerringstraße unterwegs, um die der Übungsplatz des Militärs herumführt. Gebete und der Geleitschutz von Soldaten in Uniform sorgen dafür, dass keiner vom rechten Weg abkommt. Ziel ist das auf 674 Meter Höhe stehende und seit 1521 bezeugte Wallfahrtskirchlein Maria Ehrenberg an der bayerischen Grenze zu Hessen. Dort werden schon am Vortag von Maria Himmelfahrt mehr als tausend Pilger erwartet. Viele Gläubige entzünden Kerzen für verschiedene Anliegen, die die Gebetsstätte in ein Lichtermeer verwandeln. Zum Hauptfest Mariä Himmelfahrt tags darauf (15. August) sind zu unterschiedlichen Zeiten Messen. 

Mit den Verantwortlichen der Rhön-Kaserne Wildflecken haben Josef Söder und Willi Büttner, die beiden Wallfahrtsführer, die Details im Vorfeld penibel besprochen. Letzterer kann diesmal aus gesundheitlichen Gründen allerdings nicht aktiv dabei sein.

Doch auf dem Pilgerweg lauern Gefahren. Deshalb werden die Pilgernden mündlich über Risiken und Unwägbarkeiten aufgeklärt. Früher mussten sie auf einer Liste unterschreiben und sich verpflichten, für Personenschäden im Sperrgebiet selbst aufzukommen. Zu den Sicherheitsvorkehrungen erklären Soldaten, dass der Weg durch das Sperrgebiet erst abgefahren wird, um ihn von liegengebliebener Munition oder deren Reste zu befreien. Wäre da etwa ein Blindgänger, könnte er bei Berührung durchaus explodieren. Gott sei Dank sei noch nie ein Fall aufgetreten, erzählen Soldaten. Es komme zwar schon einmal vor, dass einzelne Teilnehmende rechts oder links den Wegrand geringfügig überschreiten, doch wachenden Auges würden sie schnell von den Soldaten eingeholt. "Wenn alle auf dem Weg bleiben, passiert nichts", so die Aussage eines Soldaten. Die Disziplin wird ansonsten sehr gelobt. Die Pilgertradition durch das militärische Sperrgebiet besteht seit mehr als 30 Jahren. 

Die Himmelsleiter hinauf

Unterhalb der Gnadenkapelle fließt in normalen Jahren frisches Quellwasser. Dass es nicht als Trinkwasser verwendet werden soll, stört kaum. Ein Ehepaar aus der Rhön schätzt das Wasser als Segensgabe von Jugendbeinen an. Durch die andauernde Hitze fließt aktuell überhaupt kein Wasser aus der Quelle. 254 Stufen umfasst die "Himmelsleiter" gleich daneben. Sie führt zur Bergkapelle und ist eine letzte Hürde der Pilger auf ihrem strapaziösen Weg. An dieser steilen Treppe werden an den Madonnen Dank- und Bittgebete vorgetragen, begleitet von Blasmusikanten. Der Klang der Instrumente und der Gesang der Gläubigen schallen weit ins Rhöner Land. 

Wallfahrtsführer Josef Söder ist fast schon zwei Jahrzehnte dabei und sagt: Der Gnadenort in der Rhön mit einer Laufstrecke von 29 Kilometern, darunter 14 durch das Sperrgebiet, sei mit dem Jakobsweg, den er schon zweimal gegangen ist, keineswegs zu vergleichen. Den bewältigte er seinen Ausführungen zufolge 2014 und 2017 unter ganz anderen Bedingungen: jedes Mal mit 450 Kilometern in einer 14-tägigen Zeitspanne. 

Wichtig sei ihm der Kontakt mit den Menschen und die Pflege der christlichen Gemeinschaft in Gebet und Gesang in freier Natur, betont er. In diesem Sinne ist auch sein Kollege Willi Büttner in der Regel dabei. Aus der Taufe hob die Prozession vor mehr als 30 Jahren Albert Zirkelbach aus Wegfurt, der schon verstorben ist. Der Gründer des Pilgerzugs organisierte und führte ihn mit Herzblut wie heute seine Nachfolger. 

Der fromme Schäfer

Mit Maria Ehrenberg ist eine alte Sage verbunden. Einst soll ein frommer Schäfer aus Kothen im Wald nahe dem heutigen Wallfahrtsort ein Marienbild gefunden haben. Er nahm die Statue mit ins Tal und wollte sie in der dortigen Kirche aufstellen. Doch als er am nächsten Tag nach dem Hüten seiner Schafe zurückkehrte, war das Bild verschwunden. Der Schäfer fand es dann an der ursprünglichen Stelle auf dem Berg wieder. Auch als er die Marienstatue ein weiteres Mal an einem anderen Ort platzierte, kehrte sie auf den Berg zurück. Der Schäfer errichtete daraufhin auf der Bergkuppe eine Kapelle und stellte dort das Marienbild auf. Dieses Mal blieb es an seinem Platz. Und seither kommen Menschen an diesen Ort.