Am Morgen des 6. August 1926 ist der Ärmelkanal kein Ort für Träume. Es ist kalt, wolkig, unwirtlich. Am Ufer von Cap Gris-Nez in Frankreich setzt die 20-jährige Gertrude Ederle, von allen Trudy genannt, ihre rote Badekappe auf.
"Lieber Gott, bitte hilf mir", sagt sie. Dann geht die US-Amerikanerin mit schwäbischen Wurzeln ins Wasser. Ihr Ziel ist klar: das englische Dover. Sie will als erste Frau den Ärmelkanal durchschwimmen.
Trudy Ederle hatte da ihr schwimmerisches Talent bereits mehrfach unter Beweis gestellt. Zwischen 1921 und 1925 hatte sie 29 US- und Weltrekorde aufgestellt. 1922 gelangen ihr an einem einzigen Nachmittag sieben neue Bestmarken. Bei den Olympischen Spielen 1924 in Paris gewann sie trotz einer Knieverletzung eine Gold- und zwei Bronzemedaillen.
Mit einem Strick um den Bauch schwimmen gelernt
Geboren und aufgewachsen in New York habe Trudy das Schwimmen bei einem Besuch in der alten Heimat gelernt, schreibt Kerstin Ehmer in ihrem Buch "Heldinnen der Meere. Sechzehn Frauen und ihr Leben für die Ozeane". Ihr Vater Heinrich, genannt Henry, stammte aus dem schwäbischen Bissingen bei Kirchheim.
1892 war der Bauernsohn im Alter von 16 Jahren in die USA ausgewandert und hatte dort gemeinsam mit seinem Bruder eine erfolgreiche Metzgerei aufgebaut. Die alte Heimat behielt er lieb. Während eines Urlaubs in Deutschland band er seiner Tochter Gertrude einen Strick um den Bauch und hielt sie an einer Angel über Wasser, bis ihr die älteren Schwestern das Brustschwimmen beigebracht hatten. Später entdeckte sie das Kraulen.
Mit Wollfett, Schmalz und Olivenöl gegen die Kälte
Am 6. August 1926 wollte sie nun die größte Prüfung ihrer bisherigen Laufbahn bestehen. Neben hohem Seegang und Kälte waren es vor allem die brennenden Quallen, die schon viele Schwimmer zum Aufgeben gezwungen hatten. Um die Stunden im Wasser zu überstehen, rieb sich Trudy Ederle mit einer Mischung aus Wollfett, Schmalz und Olivenöl ein. Ihre Brille versiegelte sie mit Paraffin. Vom Beiboot aus reichte man ihr Hühnerbrühe, damit sie bei Kräften blieb. Hin und wieder stieg auch ihre große Schwester Margaret ins Wasser und schwamm eine Zeit lang neben ihr.
Nach 14 Stunden und 39 Minuten erreichte Trudy Ederle die englische Küste, schneller als jeder Mann vor ihr. Der Jubel in Europa und den USA war riesig. "Ihr Vater beschloss, die Tochter zunächst in seiner Heimat, der schwäbischen Provinz, vorzustellen", schreibt Kerstin Ehmer. Erst drei Wochen nach ihrem Erfolg war sie wieder in New York, wo sie mit einer Konfettiparade empfangen wurde. Mehr als eine Million Menschen säumten die 14 Kilometer lange Strecke. "Blaskapellen spielten, Kinder wurden in gefährliche Höhen gereckt, um einen Blick auf das Wundermädchen werfen zu können."
US-Präsident lud ins Weiße Haus ein
Gertrude Ederle avancierte zur berühmtesten Frau der Welt. US-Präsident Calvin Coolidge gewährte ihr eine Sonderaudienz im Weißen Haus und verlieh ihr den Titel "America’s Best Girl". Doch der Preis des Ruhms war hoch. Als Kind hatte sie eine Masernkrankheit überstanden, die ihr Gehör geschädigt hatte. Die Ärzte rieten vom Schwimmen ab, doch Trudy ignorierte alle Warnungen. Nach dem Ärmelkanal-Rekord wurde sie weiter schwerhöriger, bis sie schließlich völlig ertaubte.
Sie zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Dem Wasser blieb sie treu. Noch mit 85 durchpflügte sie regelmäßig den Atlantik. Das Meer war ihr nie als Feind erschienen, ganz im Gegenteil. "Für mich ist das Meer wie ein Mensch", zitiert sie Kerstin Ehmer, "wie ein Kind, das ich schon seit Ewigkeiten kenne. Es klingt verrückt, aber wenn ich im Meer schwimme, spreche ich mit ihm. Da draußen fühle ich mich niemals allein." Was ihr selbst so viel bedeutete, gab sie weiter, indem sie gehörlosen Kindern das Schwimmen beibrachte. Gertrude Ederle starb 2003 im Alter von 98 Jahren in New Jersey.
Buchhinweis:
Kerstin Ehmer: Heldinnen der Meere: Sechzehn Frauen und ihr Leben für die Ozeane, mare-Verlag 2026, 224 Seiten



