Berlin (epd). Eine Regulierung von Leihmutterschaft in Deutschland verhindert nach Meinung der Expertin für reproduktive Gerechtigkeit, Amina Nolte, nicht die Erfüllung des Kinderwunsches im Ausland. „Eine Regulierung oder sogar Legalisierung in Deutschland würde nicht dazu beitragen, dass Menschen nicht mehr ins Ausland gehen“, sagte Amina Nolte, Referentin für reproduktive Gerechtigkeit im Gunda-Werner-Institut der Heinrich Böll Stiftung, dem Evangelischen Pressedienst (epd). Denn im Ausland werde Leihmutterschaft weiterhin günstiger angeboten, und Kinderwunsch-Eltern könnten andere Leistungen in Anspruch nehmen, die in Deutschland nicht erlaubt seien.
Als Beispiel nannte Nolte die USA. Dort sei Leihschwangerschaft in vielen Bundesstaaten legal. „Trotzdem gehen einige Menschen aus den USA nach Mexiko, Kolumbien, Georgien oder neuerdings auch nach Ghana - schlicht wegen der Kosten“, sagte Nolte, die seit langem gemeinsam mit anderen Expertinnen zu dem Thema forscht.
Globaler Reproduktionsmarkt
Der Leihmutterschaftsmarkt sei eingebettet in einen globalen Reproduktionsmarkt. Es sei daher schwer, das Marktgeschehen genau zu beziffern. „Wenn wir den gesamten Reproduktionsmarkt angucken, wird geschätzt, dass er 2026 bei rund 26 Milliarden Dollar liegt und bis 2030 mit einer Wachstumsrate von fast 25 Prozent stark auf 200 Milliarden Euro ansteigen soll.“
Die Ukraine habe im Jahr 2022 allein mit Leihschwangerschaften für Menschen aus dem Ausland einen Jahresumsatz von rund 1,5 Milliarden Dollar erzielt, sagte Nolte. Der Markt sei angebotsgetrieben. Agenturen und Kliniken schauten ganz gezielt nach schwächer regulierten Standorten und danach, welche Angebote sie ausbauen könnten.
Für deutsche Kinderwunscheltern sei die Ukraine trotz des Krieges nach wie vor ein sehr wichtiges Ziel. „Viele Männer sind an der Front. Die Frauen sind alleine zu Hause und haben die Doppelbelastung, die Kinder zu betreuen und das Familieneinkommen zu erwirtschaften. Dadurch ist Leihschwangerschaft leider für manche zu einem Weg geworden, Einkommen zu erzielen“, sagte Nolte.
Marktgünstigstes Angebot in Ghana
Auch Georgien sei ein zentrales Land, denn dort gebe es keine starke Regulierung. Beispielsweise könnten dort auch Alleinstehende eine Leihschwangerschaft beauftragen. „In Ghana finden sich derzeit die marktgünstigsten Angebote. Hier kostet eine Leihschwangerschaft zwischen 50.000 und 60.000 Euro“, sagte Nolte. Kritisch sieht die Expertin „ein starkes Wohlstands- und strukturelles Informationsgefälle“ zwischen den Leihschwangeren auf der einen und Agenturen sowie Wunscheltern auf der anderen Seite.
Die Agenturen bewegten sich mit ihren Sitzen in verschiedenen Ländern. „In einem Land wird organisiert, im anderen Land werden Eizellen oder Spermien beschafft, in einem dritten Land wird der Embryo eingefroren und beispielsweise nach Ghana verschifft, je nachdem wo es am günstigsten ist und wo Regulierungslücken entstehen.“ Große Agenturketten gebe es etwa in den USA und Spanien („Gestlife“), Georgien („New Life“), Israel („Tammuz Family“) und in der Ukraine („World Center of Baby“).



