Migrationsrouten nach Europa werden noch tödlicher

Migrationsrouten nach Europa werden noch tödlicher
Steigende Todeszahlen auf Fluchtwegen: Die Internationale Organisation für Migration registrierte in der ersten Jahreshälfte fast 2.700 Todes- und Vermisstenfälle auf den Migrationsrouten weltweit - mehr als die Hälfte davon auf dem Weg nach Europa.

Berlin (epd). Die irreguläre Migration nach Europa ist noch gefährlicher geworden: Seit Anfang des Jahres sind laut aktuellen Zahlen der Vereinten Nationen mindestens 2.676 Menschen auf Migrationsrouten ums Leben gekommen oder werden vermisst. Allein 1.570 Menschen seien auf dem Weg nach Europa verschollen, erklärte die Internationale Organisation für Migration (IOM) am Mittwoch in Berlin. Damit sei die Zahl der verunglückten Migrantinnen und Migranten mit Ziel Europa im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als ein Viertel (27 Prozent) gestiegen.

Die jüngsten IOM-Zahlen belegen eine besorgniserregende Entwicklung: Obwohl die Gesamtzahl der erfassten Migrantinnen und Migranten, die Europa auf dem Seeweg erreichten, seit Jahresbeginn um knapp die Hälfte (47 Prozent) auf 34.563 sank, stiegen im gleichen Zeitraum die Opferzahlen deutlich an. Jeder dritte Todesfall (32 Prozent) seit Erfassungsbeginn ereignete sich demnach auf der sogenannten zentralen Mittelmeerroute. Diese Seeroute, die von Libyen und Tunesien aus hauptsächlich nach Italien und Malta führt, sei auch 2026 der gefährlichste Migrationsweg weltweit.

Mehr Tote wegen gefährlicherer Routen

Europa befinde sich im „Zentrum einer humanitären Krise“, sagte die IOM-Koordinatorin des „Missing Migrants Project“, Andrea Garcia Borja: Auf allen Fluchtrouten über das Mittelmeer seien in der ersten Jahreshälfte mehr Todesfälle zu verzeichnet worden. „Wenn eine Migrationsroute geschlossen wird, entsteht eine andere, die oft gefährlicher ist“, erklärte Borja. Wegen restriktiverer Grenzkontrollen wählten zahlreiche Menschen längere Fluchtrouten. Häufig organisierten Schlepperbanden die Überfahrten auf kaum seetauglichen Booten oder stachen trotz Unwetterwarnungen in See.

Besonders auffällig seien die gestiegenen Todeszahlen auf der sogenannten östlichen Mittelmeerroute von Libyen nach Kreta: Allein 165 Todesfälle seien dort in der ersten Jahreshälfte verzeichnet worden, 167 Prozent mehr im Vergleich zum Vorjahr. Grund für den Anstieg sei unter anderem fehlende Seenotrettung auf dem rund 300 Kilometer umfassenden Seeweg, sagte Borja: „Fast niemand überwacht diese Route, niemand vollzieht Such- und Rettungseinsätze.“

Dunkelziffer der Toten viel höher

Laut IOM ist Ertrinken die häufigste Todesursache von Migrantinnen und Migranten. Die Identität der verunglückten Menschen bleibe jedoch häufig unbekannt, betonte Borja. Unter den identifizierten Todesopfern seien der Sudan, gefolgt von Somalia und Afghanistan die häufigsten Herkunftsländer.

Eine staatlich organisierte Mission zur Rettung von in Not geratenen Flüchtlingen und Migranten gibt es derzeit nicht. Die UN-Organisation ruft angesichts der steigenden Opferzahlen zu verbesserten Such- und Rettungskapazitäten sowie der Zusammenarbeit von Regierungen auf. Gleichzeitig brauche es entschlossene Anstrengungen, um Schleuser zu stoppen und reguläre Wege für die Migration auszubauen.

Seit die IOM 2014 mit den Erfassungen begonnen hat, wurden mehr als 83.900 Todes- und Vermisstenfälle auf den weltweiten Migrationsrouten registriert. Rund die Hälfte der Fälle wurde demnach auf dem Weg nach Europa erfasst. Die IOM gehört zu den Vereinten Nationen und hat ihren Sitz in Genf. In Berlin befindet sich eine Außenstelle.