Frankfurt a.M. (epd). In der Debatte um die von der Bundesregierung geplante Krankschreibung an Tag eins rücken Kritiker die Gefahren für Gesundheit und Betriebe in den Blick. „Die Pflicht, sich krank ab dem ersten Tag beim Arzt vorzustellen, fußt auf dem tiefen Misstrauen gegenüber kranken Arbeitnehmern“, sagte Anja Biel, Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbunds, den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Samstag). „Das befördert zwangsläufig mehr Präsentismus - also die Arbeit trotz Erkrankung - mit allen negativen Folgen: weniger Produktivität und mehr chronische Erkrankungen.“
Piel kritisierte zudem die geplante Abschaffung der telefonischen Krankschreibung. Zusammen mit der Pflicht zu einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab dem ersten Tag führe dies „direkt in die Überlastung aller Arztpraxen im Land“, sagte sie. Die Spitzen der Regierungskoalition aus CDU, CSU und SPD hatten am Mittwochabend beschlossen, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen. Zudem sollen Beschäftigte ab dem ersten Fehltag eine Krankschreibung vorlegen müssen.
„Unnötige Belastung für alle“
Auch der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Stefan Schwartze (SPD), äußerte sich kritisch zu den Plänen, insbesondere zu einem Aus für die telefonische Krankschreibung: „Das Aufsuchen einer Arztpraxis ist bei vielen Krankheitsbildern eine unnötige Belastung für alle und erhöht die Ansteckungsgefahr“, sagte er den Zeitungen der Mediengruppe. Außerdem sei zu befürchten, dass sich „stattdessen künftig noch mehr Arbeitnehmende krank zur Arbeit schleppen, nicht genesen und letztendlich aufgrund langwieriger Verläufe mehr Krankheitstage aufweisen.“
Die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) erklärte im „Interview der Woche“ des Deutschlandfunks, auf die Agenda der Sozialpartner müsse ihres Erachtens noch einmal die Frage nach den Ursachen und Hintergründen der Krankheitstage. Ein grundsätzliches Misstrauen, „dass sich da irgendwie jeder zum Blaumacher gemausert hat, das ist nicht angebracht“, betonte Rehlinger. Zugleich verwies auch sie mit Blick auf Überlastung der Praxen und Ansteckungsgefahr in den Wartezimmern auf die Problematik der Umsetzung.
Hausärzte gegen Videosprechstunden-Wildwuchs
Auch in der Ärzteschaft haben die Pläne der Koalition scharfe Kritik ausgelöst. Die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung und eine Verpflichtung zur Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab dem ersten Tag würden „weder den Krankheitsstand reduzieren noch Missbrauch verhindern“, sagte die Bundesvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, Nicola Buhlinger-Göpfarth, der „Rheinischen Post“ (Samstag). Sie forderte, stattdessen gegen den „Wildwuchs bei verschiedenen Videosprechstunden-Anbietern“ vorzugehen.
„Wenn irgendwo großes Missbrauchspotenzial liegt, dann bei anonymen Plattformen, die damit Profit machen und ihre Kunden nicht einmal kennen“, erklärte sie. Die telefonische Krankschreibung berge dagegen nicht mehr Missbrauchspotenzial als der normale Besuch in einer Praxis. „Sie ist nämlich - anders als Videosprechstunden - daran gebunden, dass wir die Patientin oder den Patienten kennen“, sagte Buhlinger-Göpfarth.




