Stiftung: Deutsche streiken seltener und kürzer

Stiftung: Deutsche streiken seltener und kürzer
Beschäftigte in Deutschland streiken seltener. Die Zahl der Arbeitskämpfe und auch der ausgefallenen Arbeitsstunden ist 2025 einer Schätzung zufolge weiter zurückgegangen.
02.07.2026
epd
Von Nora Frerichmann (epd)

Düsseldorf (epd). Weniger Streiks und kürzere Ausfallzeiten: Beschäftigte und Gewerkschaften haben laut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung 2025 seltener Arbeitskämpfe geführt als in den Jahren zuvor. Es habe schätzungsweise 261 Arbeitskämpfe gegeben, heißt es in der am Donnerstag in Düsseldorf veröffentlichten Arbeitskampfbilanz des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Stiftung. Das waren weniger als im Vorjahr mit 286 und im Rekordjahr 2023 mit 312 Arbeitskämpfen. Die Zahl sei rückläufig, liege aber über den Jahren unmittelbar vor der Corona-Pandemie.

An den Streiks im vergangenen Jahr haben den WSI-Berechnungen zufolge 552.000 Menschen teilgenommen. Dabei seien 645.000 Arbeitstage ausgefallen. Beide Werte liegen deutlich unter den Ergebnissen von 2024. Damals hatten schätzungsweise 912.000 Menschen teilgenommen, was zu 946.000 ausgefallenen Arbeitstagen führte. Ein Grund dafür sei, dass in der Metall- und Elektroindustrie 2025 im Gegensatz zum Vorjahr keine Tarifverhandlungen stattfanden und damit auch keine Warnstreiks. Die Branche mit ihren 3,7 Millionen Beschäftigten beeinflusse die Streik-Statistik deutlich.

Eher kurze statt unbefristete Flächenstreiks

Im langfristigen Mittel liege die Zahl der von Streiks begleiteten Konflikte jedoch weiterhin auf relativ hohem Niveau, schreiben die WSI-Wissenschaftler Thilo Janssen und Heiner Dribbusch. Gründe dafür seien etwa die massiven Kaufkraftverluste der Vorjahre, die auch 2025 noch nicht in allen Branchen vollständig ausgeglichen gewesen seien. Zudem würden Beschäftigte und ihre Gewerkschaften viele Arbeitskämpfe führen, um gegen die seit Jahren sinkende Tarifbindung durch Arbeitgeber anzugehen.

Die Zahlen deuteten auch auf eine geänderte Arbeitskampfführung der Gewerkschaften hin, hieß es. Unbefristete Flächenstreiks seien zur Ausnahme geworden, stattdessen gebe es eher einzelne, kurze Arbeitsniederlegungen.

Streikgründe oft mehr Geld und Tarifbindung

Die Gründe für die Streiks waren der Analyse zufolge unterschiedlich: In rund der Hälfte der Arbeitskämpfe sei es ausschließlich um ein höheres Entgelt gegangen, in weiteren rund 15 Prozent um Konstellationen aus Entgelt- und Arbeitszeitregelungen. Bei mehr als jedem vierten Arbeitskampf (27 Prozent) hätten die Beschäftigten um die Tarifbindung ihres Unternehmens gerungen, vor allem um Haustarifverträge.

Die meisten Arbeitskämpfe seien von den im DGB organisierten Gewerkschaften geführt worden, hieß es. In der öffentlichen Aufmerksamkeit seien jedoch häufig auch kleinere Berufs- und Spartengewerkschaften präsent, die wegen ihrer spezifischen Stellung große Auswirkungen hätten, hieß es. Als Beispiele wurden hier etwa die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) und die im Luftverkehr aktive Vereinigung Cockpit (VC) genannt.

Im internationalen Vergleich werde in Deutschland weiterhin vergleichsweise wenig gestreikt, hieß es. Auf internationalen Spitzenplätzen stünden 2025 Finnland, Frankreich, Kanada und Belgien mit zwischen 100 und 92 Ausfalltagen im Jahresschnitt. Deutschland liege nach Großbritannien, Norwegen und den USA mit 32 bis 23 Tagen im Mittelfeld.

Die seit 2008 veröffentlichte Arbeitskampfbilanz des WSI basiert den Angaben zufolge auf Gewerkschaftsangaben, Pressemeldungen und Medien-Recherchen.