Soziale Medien sind nach Einschätzung der Antisemitismusforscherin Monika Hübscher ein relevanter Faktor für die Wahrnehmung des Holocaust bei Jugendlichen. Viele kämen heute erstmals auf Plattformen wie TikTok mit den NS-Verbrechen in Berührung, sagte die Wissenschaftlerin der Universität Duisburg-Essen dem Evangelischen Pressedienst (epd). So gebe es in der deutschen Version des Videoportals sehr viel Amateurcontent zum Thema Holocaust und zu KZ-Gedenkstätten. "Dazu kommt, dass vor allem auch auf TikTok rechtsextremer Content sehr erfolgreich ist und viele junge Menschen erreicht."
Die Auseinandersetzung der Kinder und Jugendlichen beginne oft mit kurzen Videos samt Pop-Untermalung, Kommentaren und Likes, bevor historische Zusammenhänge in der Schule vermittelt würden. Dadurch könne der Holocaust als ein "Onlinephänomen" wahrgenommen werden, aus dem historischen Kontext gelöst und vereinfacht, erklärte Hübscher. "So entstehen verzerrte Vorstellungen."
Aus ihrer Forschung weiß Hübscher, dass viele Jugendlichen keineswegs gleichgültig gegenüber dem Holocaust sind. Viele empfänden jedoch die Beschäftigung mit den NS-Verbrechen als überfordernd und zugleich wenig zugänglich, sagte die Co-Leiterin des Bildungsprojekts "Social Media Literacy gegen Antisemitismus". Eine Schülerin habe ihre Gedenkstättenfahrt sinngemäß so beschrieben: "Ich bin zusammengebrochen und habe sehr geweint, aber es war auch sehr langweilig." Starke Gefühle führten nicht automatisch zu nachhaltigem Lernen, erklärte die Forscherin diese Ambivalenz.
Pauschale Kritik an der Vorbereitung in den Schulen hält Hübscher für nicht angebracht. Allerdings berichteten Lehrkräfte und Schüler noch immer von klassischen Führungen in den Gedenkstätten, die vor allem auf reine Wissensvermittlung setzen. Oft werde angenommen, dass die Darstellung historischer Fakten und Grausamkeiten automatisch zu einer Veränderung von Einstellungen führe, sagte sie. Tatsächlich verarbeiteten junge Menschen solche Erfahrungen sehr unterschiedlich, je nach Erfahrungen und Vorwissen.
Online-Spiel klärt über Holocaustverzerrungen in sozialen Medien auf
Hübscher plädiert dafür, Bildungsangebote zum Holocaust stärker an der Lebensrealität junger Menschen auszurichten. Jugendliche sollten nicht nur Wissen aufnehmen, sondern aktiv beteiligt sein und voneinander lernen. Mit ihren Kolleginnen Nicolle Pfaff und Sophie Schmalenberger hat sie ein Online-Spiel zu Antisemitismus und Holocaustverzerrung in den sozialen Medien entwickelt. Das Projekt wird Ende Juli offiziell vorgestellt.



