Ob am Fluss, in der Natur oder auf dem Fernsehturm: Am Wochenende rund um den 26. Juni können Paare deutschlandweit im Rahmen der evangelischen Aktion #einfachheiraten unkompliziert kirchlich heiraten oder sich segnen lassen, ohne lange Vorbereitungen.
Den Kirchen geht es darum, den Segen Gottes dort anzubieten, wo er sich mit wichtigen Ereignissen im Leben der Menschen verbinden lässt, wie bei Taufen oder eben Trauungen. Seit dem Start von #einfachheiraten am Valentinstag 2026 hat sich die Zahl der registrierten Orte auf 350 mehr als verdreifacht. Gleichzeitig treten jedes Jahr Zehntausende aus den Kirchen aus.
Der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack spricht von einem Strukturwandel von Religion. Zwar habe die Distanz zur Kirche in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, sagt er. Aber es gebe neue kirchliche Angebote wie Spontantrauungen oder Tauffeste unter freiem Himmel, die nachgefragt seien. "Spontane Entscheidungen passen in unsere Zeit", sagt der Soziologe. Die Menschen lebten in einer Multi-Options-Welt, in der sich Präferenzen auch von Situation zu Situation veränderten.
Ganz ohne längeres Nachdenken sei so ein Schritt allerdings meist nicht: "Man darf nicht annehmen, dass Menschen, die sich spontan für eine kirchliche Trauung oder eine Taufe entscheiden, dies aus einem reinen Augenblicksimpuls heraus tun", betont Pollack. Es gehe vielmehr um biografisch dichte Momente, in denen sich Leben und Glauben neu zueinander verhielten.
"Niemand kann das so gut wie die Kirche"
Der Leipziger Soziologe Gert Pickel erklärt, die Zahl der Kirchenaustritte sei zwar viel größer als die Zahl einzelner Spontantaufen oder Pop-up-Trauungen. Aber Kirche bleibe für viele dort interessant, wo sie etwas anbiete, was andere nicht in gleicher Weise beherrschten: Lebensübergangsrituale. "Niemand kann das so gut wie die Kirche", sagt Pickel. Wichtig sei für viele Menschen aber auch die soziale Bedeutung der Kirche, ergänzt er, ihre Nähe zu Nächstenliebe, Diakonie, Kitas und Schulen.
Pickel spricht von Individualisierung: Menschen entschieden heute stärker selbst, ob und wie sie kirchliche Angebote nutzten. Vor solchen Schritten stehe in der Regel ein Entscheidungsprozess. Es seien eigene Entscheidungen, nicht mehr wie früher gesellschaftlicher Zwang oder kirchliche Selbstverständlichkeit, die Menschen an die Kirche heranführten.
Menschen suchen nach Begleitung
Was Formate wie #einfachheiraten aus Sicht des württembergischen evangelischen Landesbischofs Ernst-Wilhelm Gohl erfolgreich macht: Viele Paare suchten eine kleinere, spontanere Form, mit weniger Aufwand und geringeren Kosten, oft aber mit einem ebenso eindrücklichen Moment. Andere hätten sich jahrelang Gedanken gemacht, wie sie ihre Zweisamkeit noch einmal feiern und auf ein gemeinsames Fundament stellen könnten, ohne "alles Drumherum". Wichtig sei, dass der geistliche Aspekt seinen Raum finde. Für manche sei das passender als eine große, lang angegangene Feier.
Heike Springhart, Bischöfin der Evangelischen Landeskirche in Baden, hat die Erfahrung gemacht: Viele Menschen gingen auf Distanz zur Institution Kirche, seien aber weiterhin auf der Suche nach Sinn, Segen und Gemeinschaft. "Das ist für mich kein Widerspruch", sagt sie dem epd. Es zeige vielmehr, dass Menschen sich in bedeutenden Lebensmomenten begleiten lassen wollten. Formate wie #einfachheiraten seien kein Ersatz für die klassische Trauung, sondern eine sinnvolle Ergänzung.
"Wir sind als Kirche offen für die Bedürfnisse von Menschen, nah bei ihnen und bringen so die christliche Botschaft und das konkrete Leben miteinander in Kontakt", sagt Springhart. Besonders deutlich werde das an Taufen und Trauungen unter freiem Himmel. Dort verbinde sich das kirchliche Ritual mit einem Ort, der biografisch aufgeladen sei: dem See, an dem man als Kind war, dem Fluss, an dem sich das Paar kennengelernt habe, der Landschaft, die zur eigenen Geschichte gehöre.
Der Soziologe Pollack beschreibt das als Verbindung von kirchlichem Akt und nicht religiösen Lebenserfahrungen. Religion trete so nicht als abgeriegelter Bereich auf, sondern als in der Welt präsent. Das gelte auch für evangelische Kitas, Schulen oder kirchliche Krankenhäuser. Hier sei Kirche nicht bloß Institution, sondern Teil des Alltags.
Von einer Trendwende könne aber keine Rede sein. Die Kirche verliert weiterhin Mitglieder, die Bindung ist schwach, das Vertrauen vieler erschüttert. Missbrauchsfälle haben Spuren hinterlassen, die Erwartungen an die Institution sind gesunken. Pollack warnt deshalb vor falschen Hoffnungen. Die Nachfrage nach Aktionen wie #einfachheiraten sei zwar sichtbar, aber nicht hoch.
Und doch ist nach Einschätzung von Pickel und Pollack Bewegung zu erkennen: nicht zurück zur alten Selbstverständlichkeit, sondern hin zu einer Kirche, die punktuell wieder gefragt ist, wenn es um die großen Schwellen des Lebens geht. Nicht als flächendeckende Heimat, sondern als Ort für den besonderen Moment. Genau darin könnte die neue Kirchlichkeit liegen: Sie ist fragiler, aber näher an den Menschen, die sie noch suchen.



