Experte: Dylan ist der Tramp, der einfach weiterziehen muss

Experte: Dylan ist der Tramp, der einfach weiterziehen muss
Bob Dylan, der am 24. Mai 85 Jahre alt wird, hat Songs voller poetischer Kraft geschaffen, einige wurden zu Hymnen der Friedens- und Bürgerrechtsbewegung. Die Rolle des Revolutionärs habe er jedoch nie gesucht, sagt Musikwissenschaftler Custodis.
11.05.2026
epd
epd-Gespräch: Holger Spierig

Münster (epd). Die Geschichte der Popkultur wäre laut dem Musikwissenschaftler Michael Custodis ohne Bob Dylan schwer zu erzählen. „Er ist im klassischen Sinn ein singender Dichter, der bewiesen hat, dass man mit einer ungeheuer poetischen Kraft Songs schreiben kann, die cool klingen und von mehr als von Herzschmerz erzählen“, sagte der Professor der Universität Münster dem Evangelischen Pressedienst (epd). Dylan, der am 24. Mai 85 Jahre alt wird, erhielt als erster Singer-Songwriter 2016 den Nobelpreis für Literatur.

Bereits in den 1960er Jahren wurden Dylan-Songs wie „Blowin' in the Wind“ oder „The Times They are A-Changin'“ zu Hymnen der Friedens- und Bürgerrechtsbewegung. Später entwickelte er sich zum Rockstar mit E-Gitarre und ebnete auch dem Folk-Rock den Weg. In den 1980er Jahren thematisierte der aus einer jüdischen Familie stammende Musiker mit Gospel-Rock seine Hinwendung zum christlichen Glauben.

Die Rolle als Revolutionär habe Dylan nie gesucht, sagte Custodis. Stattdessen habe der Musiker immer das ausgedrückt, was ihm selbst wichtig gewesen sei. Für eine kurze Zeit sei das von anderen als Revolution empfunden worden, doch im Pop änderten sich die Sounds und Trends sehr schnell.

Regelmäßig auf Tournee

Was Dylan auszeichne, sei „seine Art, mit einfachen Mitteln kraftvolle Ausdrucksformen zu finden“, erklärte Custodis. Der Musiker zieht noch immer regelmäßig auf Tourneen durch die Welt. Es sei Dylan wichtig, seine Zeit zu reflektieren und auf seiner „Never Ending Tour“ damit unterwegs zu sein: „Er ist der Tramp, der einfach weiterziehen muss. Zu lange an einem Ort zu sein, ist nicht seine Art.“

Mit einer mehr als 60-jährigen Karriere muss ein Künstler wie Dylan nach Worten von Custodis nicht mehr neue Hits oder Alben produzieren. Künstler, die noch im hohen Alter auf der Bühne stünden, repräsentierten immer auch ihr Lebenswerk. Diese Gesamtleistung sei bei Dylan fulminant. Wenn es jemand mit seinen Songtexten schaffe, „dass andere durch ihn sehen, woher wir kommen und wohin wir gehen, ist das eine beeindruckende Leistung“. Hier habe Dylan einen reichen Zitatenschatz hinterlassen. „Das gilt besonders wieder für diese kriegerischen, tragischen und komplizierten Zeiten.“