Filmfestival in Cannes: Von Liebe und Tod

dpa

Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva in Michael Hanekes Film "Liebe".

Filmfestival in Cannes: Von Liebe und Tod
Michael Haneke stellt unter viel Applaus seinen neuen Film vor und zeigt, dass die Geschichte einer alten Liebe mehr berühren kann als junges Liebesglück. Eine vorläufige Bilanz des 65. Internationalen Filmfestivals in Cannes.

Dem Österreicher Michael Haneke gelang 2009 in Cannes ein kleines Wunder: Mit seinem "Weißen Band" präsentierte er einen Film, der in seiner Zeichnung deutscher Vorkriegsverhältnisse ungeheuer streng und spröde war, der den Zuschauer aber gerade damit fesselte und faszinierte. Er wurde mit der Goldenen Palme belohnt. In diesem Jahr ist Haneke mit seinem Film "Liebe" ("Amour") im Wettbewerb des Filmfestivals vertreten, das noch bis zum 27. Mai läuft. Und wieder ist es - trotz des warmherzigen Titels - ein sprödes, unbequemes Thema, dem er sich widmet: Es geht um Alter und Verfall.

Die Geschichte ist so gewöhnlich wie universell: "Liebe" zeigt ein Paar in seinen 80ern, das zu Beginn noch wunderbar zurechtkommt. Anne (Emmanuelle Riva) und Georges (Jean-Louis Trintignant) waren Musiker, sie sind sich in großer Vertrautheit und Liebe zugetan. Dann bekommt Anne den ersten leichten Schlaganfall, und von da an geht es mit ihrer körperlichen und geistigen Gesundheit stetig bergab. Georges kümmert sich, so gut er kann. Doch bald steht weniger das Können in Frage, also die Organisation der Pflege einer alten Frau, als vielmehr das Wollen: Anne schämt sich in ihren hellen Momenten ihres Zustands und äußert den Wunsch zu sterben. Georges ist bereit für seine Liebe alles zu tun.

In gewohnt strenger Form

Haneke erzählt in gewohnt strenger Form: Nur einmal zu Beginn filmt die Kamera außerhalb der bürgerliche Wohnung des Paars. Der Rest ist ein Kammerspiel in langen, fixen Einstellungen, die dem Zuschauer viel Zeit geben, den vollkommen alltäglichen und gleichzeitig so grausamen Verfallsprozess des Alters mitzugehen, mitzufühlen und mitzudenken. "Liebe" wurde in Cannes mit betroffenem, aber anhaltendem Applaus aufgenommen. In einem Wettbewerb, der noch auf den Film wartet, der alle verzaubert, ist Haneke ein starker Kandidat. Was insbesondere für die beiden großen alten Hauptdarsteller gilt, die 85-jährige Emmanuelle Riva und den 81-jährigen Jean-Louis Trintignant, die hier so spielen, als handle es sich um die Rollen ihres Lebens.

"Liebe" ("Amour") bildet den Höhepunkt der ersten Hälfte des Festivals. Der Liebling der Kritiker war bisher Jacques Audiards "Rust and Bone", die gänzlich unsentimental geschilderte Liebesgeschichte zwischen einer Frau, die bei einem Unfall ihre beiden Beine verliert, und einem Mann, der als Amateurboxer ganz durch seine Kraft lebt. Sie sind ein denkbar ungleiches Paar, sie nachdenklich und sensibel, er eher grob gestrickt und unwillig zur Selbstreflexion, und doch macht Regisseur Jacques Audiard die anfangs sehr verhaltene Anziehung zwischen beiden nicht nur plausibel, er lässt den Zuschauer auf sinnlich-stimmungsvolle Weise daran teilhaben.

Das Ägypten der Gegenwart

Weniger gut kam "After The Battle" von Yousry Nasrallah aus Ägypten an. Nasrallah schildert darin die unübersichtliche Lage im Ägypten von heute, in dem sich Gewinner und Verlierer der Revolution gegenüberstehen. Der einzige Film des Wettbewerbs mit politischem Anliegen konnte vielleicht gerade aufgrund seines Bemühens, keine Konflikte zu vereinfachen, sondern sie in ganzer Komplexität aufzufächern, nicht alle überzeugen.

Ulrich Seidl, der zweite Österreicher im Wettbewerb, polarisierte Publikum und Kritik gleichermaßen. Sein "Paradies: Liebe" zeigt weibliche Sextouristen in Afrika. Grotesk, bizarr und keine Deutlichkeit auslassend, gelingt es dem irritierenden und gleichzeitig verstörenden Film Fragen aufzuwerfen und offen zu halten zu den tradierten Machtverhältnissen zwischen Mann und Frau, Alt und Jung, Afrika und Europa. Seidl mag kein Kandidat für eine Goldene Palme sein, aber über seinen Film wird noch diskutiert werden.

Exorzismus und seine Opfer

Der Rumäne Cristian Mungiu gehört zu den vier Goldene-Palme-Gewinnern, die im diesjährigen Wettbewerb vertreten sind. 2007 triumphierte er hier mit seinem Abtreibungsdrama "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage". Es war ein Film, der Publikum und Kritik auf Anhieb überzeugte. Sein neues Werk "Beyond the Hills" tut sich da schwerer. Wieder erzählt Mungiu von zwei jungen Frauen. Eine davon wird Opfer eines Exorzismus. Gefilmt nach einer wahren Begebenheit, geht es um Glaube und Liebe und die große Verlorenheit der Hauptfiguren, die als Waisenhauskinder keine andere Anlaufstelle finden als eine obskure Klostergemeinschaft, die mit gänzlich ungeeigneten Mitteln, wenn auch gutem Willen, zu helfen versucht. In seiner unbedingten Konzentration auf die Figuren entwickelt der Film "Beyond the Hills" aber eine Kraft, die ihn durchaus zum Kandidaten im Rennen um die Goldene Palme macht.