Anna faltet vor dem Essen die Hände, Markus wartet währenddessen. "Ich wurde nie getauft", sagt er. "Aber dass Anna betet, stört mich nicht." Seit drei Jahren sind sie zusammen:
Sie geht regelmäßig in die Kirche, er sieht Religion als Privatsache. "Wir müssen uns nicht bekehren, nur respektieren", sagt sie. An hohen Feiertagen gehen sie manchmal gemeinsam in den Gottesdienst, an anderen Sonntagen bleibt Markus zu Hause; ein Kompromiss, mit dem beide leben können.
Paare wie Anna und Markus gibt es zunehmend häufiger. Ende 2024 waren erstmals 47 Prozent der Deutschen konfessionslos. Zum Vergleich: Den beiden großen Kirchen gehörten zu dem Zeitpunkt noch 45 Prozent an. Doch Liebe über Glaubensgrenzen bleibt herausfordernd. "Ob das gelingt, hängt davon ab, wie wichtig der Glaube für beide ist", sagt der Heidelberger Psychotherapeut Jörg Berger. "Manchmal reichen Respekt und Freiraum."
Die Zerreißprobe kommt unausweichlich
Schwierig wird es, wenn der Glaube verschwiegen wird. Das passiere vor allem Menschen, denen der Glaube wichtig ist, weiß Berger: "Dann nämlich, wenn ein Partner vom Glauben her nicht passt, sich vom Gefühl her aber alles so schön und richtig anfühlt." Man verschiebt die Zerreißprobe nur, "sie kommt unausweichlich".
Dennoch können solche Beziehungen bestehen: "Man kann ein neues Ja zur Partnerwahl finden. Die Liebe war wichtiger als das, was die 'Rechtgläubigkeit' fordert." Der Glaube könne sich weiten, sagt Berger: "Er schließt den anders oder nicht glaubenden Partner mit ein."
Religiöse Partnerbörsen mit steigenden Nutzerzahlen
Trotz aller Offenheit wächst bei vielen die Sehnsucht, den Glauben in der Partnerschaft teilen zu können. Das zeigt sich vor allem im Internet. Die größte konfessionelle Dating-Plattform "Christ sucht Christ" zählt rund 60.000 Mitglieder - Tendenz steigend. Frauen nutzen das Angebot kostenlos, Männer zahlen eine einmalige Gebühr. Algorithmen filtern nach Glaubensintensität von eher liberal bis konservativ.
Auch die modernere Seite "Himmlisch Plaudern" wirbt mit Chatfunktionen und verzeichnet nach Betreiberangaben zwischen 40.000 und 60.000 Nutzer. Etwas konservativer gibt sich "CXSingle" mit rund 15.000 Mitgliedern; daneben sind Portale wie "Chringles", "FunkyFish" oder "Christlich-verliebt.de" auf dem Markt.
Für Ruth und Samuel war diese digitale Nische entscheidend. Sie lernten sich über "Christ sucht Christ" kennen. "Meine früheren Partner konnten mit meinem Glauben nichts anfangen", sagt sie. "Jetzt fühle ich mich verstanden und getragen." Für Samuel war entscheidend, dass Ruth seinen Wunsch nach einem klar christlich geprägten Familienleben teilt: "Wir mussten nicht bei Null anfangen zu erklären, warum uns Gebet wichtig ist."
"Gott versteht auch mich"
Für Anna und Markus bleibt die Balance ihr Weg. Sie planen Kinder, vielleicht eine standesamtliche Hochzeit mit kirchlichem Segen. "Gott versteht mich, auch wenn ich nicht in jeder Frage mit der Kirche übereinstimme", sagt Markus. Anna nickt. Für sie ist klar: "Unser Glaube muss nicht identisch sein. Aber er sollte einen Platz in unserer Beziehung haben."


