Frankfurt a.M. (epd). Keine Heizung, kein Strom - bei Temperaturen von bis zu minus 30 Grad: Vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffskriegs leiden die Menschen in der Ukraine laut Hilfsorganisationen unter dem bisher schlimmsten Kriegswinter. „Dieser Winter entscheidet für viele Menschen über Leben und Tod“, erklärte Welthungerhilfe-Mitarbeiterin Oleksandra Titorova am Mittwoch nach einem Besuch in der umkämpften Stadt Charkiw im Osten der Ukraine.
„Wenn durch den anhaltenden Beschuss mitten im Winter Strom und Heizung ausfallen, Preise steigen und Einkommen wegbrechen, geraten Familien in existenzielle Not“, sagte sie. Die Welthungerhilfe spricht von einer katastrophalen humanitären Lage. Wiederholte Angriffe auf die Energieversorgung, anhaltende Kampfhandlungen und extreme Winterbedingungen führten zu massiven Strom- und Heizungsausfällen. Laut UN brauchen 10,8 Millionen Menschen humanitäre Hilfe. Am 24. Februar jährt sich der Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine zum vierten Mal.
Kaum vorstellbares Leid
Auch das Deutsche Rote Kreuz (DRK) warnt vor Lebensgefahr aufgrund von Kälte und Entbehrung in diesem Kriegswinter. „Das Leid der Menschen ist für uns schwer vorstellbar“, sagte der Leiter der Internationalen Zusammenarbeit des DRK, Christof Johnen, der „Augsburger Allgemeinen“ (Mittwoch). Bei zweistelligen Minusgraden müssten viele Menschen seit Tagen ohne Heizung und Strom ums Überleben kämpfen. Grund seien die neuerlichen russischen Angriffe auf die ukrainische Energieversorgung.
Die Kälte könne für besonders verletzliche Bevölkerungsgruppen wie kranke, ältere oder obdachlose Menschen lebensgefährlich werden, warnte Johnen. Insgesamt wachse in der Bevölkerung die Gefahr verschiedener Krankheiten durch die starke Belastung des Immunsystems.
Angst allgegenwärtig
Kälte, Angst und Bedrohung bestimmten den Alltag, erklärte die Welthungerhilfe. Die Angst sei allgegenwärtig, viele Menschen seien psychisch erschöpft. „Über uns fliegen ständig Drohnen und Raketen“, zitierte die Welthungerhilfe nach dem Besuch in der Region Charkiw, eine Frau, die dort für ihre 85-jährige Schwiegermutter sorgt. Viele Bewohnerinnen und Bewohner wagten es kaum noch, das Haus zu verlassen. Ihre Monatsrente vom Dezember habe sie für Medikamente und Energiekosten weitgehend aufgebraucht.
Um die Not etwas abzufedern und den Menschen zu ermöglichen, auf steigende Kosten und Ausfälle zu reagieren, ist die Verteilung von Bargeld laut Welthungerhilfe Bestandteil der humanitären Winterhilfe. „Humanitäre Hilfe kann Leben retten“, betonte Titorova. „Aber sie ersetzt keinen Frieden.“


